Universität Mannheim / Forum / Campus-Leben / Ausgabe 1/2011 / Afghanistan-Ausstellungseröffnung

Afghanistan – Land des Friedens, Land des Schwerts?

Die Universität Mannheim stellt Bilder des Fotografen Steffen Diemer aus. Bei der Ausstellungseröffnung berichtete der Künstler auch vom Alltag in Afghanistan.

Steffen Diemer und Besucher der Ausstellung

Noch vor zehn Jahren war Afghanistan für die meisten Deutschen ein blinder Fleck auf der Landkarte. Dann kam der 11. September 2001 und seitdem ist es die Kriegsberichterstattung, die unser Bild von dem Land zwischen Iran, Pakistan und den ehemaligen Sowjetrepubliken Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan prägt. Eine Vorstellung über das Leben in diesem Land, den Alltag der Menschen, ist so kaum zu gewinnen. So wundert es nicht, dass die Fotos des Dokumentarfotografen Steffen Diemer, die gerade im Ehrenhof Ost ausgestellt werden, auf großes Interesse stoßen. Rund 60 Studierende kamen am 14. April zur offiziellen Ausstellungseröffnung, bei der, auf Einladung der Studierendeninitiative Polimotion, auch der Fotograf anwesend war. Ihr Interesse und ihre zahlreichen Fragen an den Künstler zeigten, wie groß die Nachfrage nach Informationen abseits der Militärberichte ist.

Diemers Fotos und seine Berichte erzählen von einem anderen Afghanistan. Sechs Monate lebte der Dokumentarfotograf im Jahr 2009 in Spingül, einem kleinen Dorf im Norden des Landes. Keine Straße führt zu diesem Ort. Angereist ist Diemer von der Stadt Faizabad aus zu Fuß: ein Marsch von drei Wochen. Dass er ausgerechnet Spingül und die 51 Familien, die dort leben, näher kennenlernte, war Resultat eines Zufalls: In einer Karawanserei in Faizabad hatte Diemer bei einer seiner früheren Reisen den Imam des Dorfes kennengelernt, der ihn zu einem Besuch eingeladen hatte.

Dass Diemer dann sechs Monate blieb, hängt mit der Mentalität der Menschen zusammen: „Es ist schwierig, dort überhaupt Fotos zu machen, weil die Leute erst Vertrauen fassen müssen. In der ersten Zeit habe ich gar nicht fotografiert. Erst als mich die Menschen kannten und sie wussten, dass auch der Dorf-Imam einverstanden ist, habe ich begonnen, Fotos zu machen. Dann aber haben mir sogar die Männer erlaubt, Frauen zu fotografieren - auch ohne Burka." Entstanden sind Bilder, die sonst nicht zu sehen sind: eine Frau, die blaue Burka nach hinten umgeschlagen, posiert in einem Garten für die Kamera; eine junge Frau mit einem Tuch über Haaren und Schultern, hält ihre gerade geborenen Zwillinge im Arm; ein Mädchen, vielleicht 7 Jahre alt, schaut selbstbewusst den Fotografen an. Sie trägt ihre kleine Schwester, die gerade eine Schachtel Medikamente bekommen hat.

Wegen Bildern wie diesen ist Diemer nach Afghanistan gereist. Im Jahr 2000 hatten die Vereinten Nationen acht Millenniumsziele formuliert. Eines lautete: Senkung der Kindersterblichkeit. Diemer wollte herausfinden, was aus diesem Ziel geworden ist. Sein Fazit ist ernüchternd: „Afghanistan ist für Kinder kein gutes Land. Im Nordosten des Landes stirbt ein Viertel der Kinder, bevor sie das 5. Lebensjahr erreicht haben. Damit hat die Region die weltweit höchste Kindersterblichkeitsrate." Auch das ist zu sehen auf Diemers Bildern: unterernährte Kinder, ein Massen-Kindergrab, notdürftig eingerichtete Entbindungsstationen. „Seit der Formulierung der Millenniumsziele hat sich so gut wie nichts geändert. Es fehlen die Leute vor Ort und es bedeutet nur eine kurzfristige Hilfe, wenn ein mobiles Ärzte-Team vielleicht drei Monate im Sommer kommt. Und dabei ist  nicht einmal gesichert, dass es im nächsten Jahr wieder kommt", so der Fotograf.

Bei der Vorstellung seiner Bilder im Mannheimer Schloss sprach er zu jedem Foto zehn Minuten und länger. Die Studierenden stellen viele Fragen. Bei GoogleMaps ist der Ort, wo Diemer fotografierte, immer noch ein blinder Fleck. Das Bild der Ausstellungsgäste hingegen war am Ende des Abends um etliche Facetten reicher.

Autorin: Katja Hoffmann   I   Fotos: Aaron Heinz & Stefanie Griesser   I   April 2011

Bildergalerie


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