Über das Wirtschaften in den Zeiten des Nationalsozialismus
Professor Buchheim leitet Projekt zur Aufarbeitung der Unternehmensgeschichte der Familie Thyssen
Viele Unternehmen haben in der jüngeren Vergangenheit ihre Unternehmensgeschichte aufgearbeitet. Die Deutsche Bank war Anfang der 90er Jahre die erste. Degussa, Bertelsmann, Höchst, die Allianz und andere folgten. Bei Professor Christoph Buchheim, Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsgeschichte der Universität, meldete sich im Herbst 2007 die Fritz Thyssen-Stiftung: „Ich wurde gefragt, ob ich bereit wäre, ein Projekt zur Aufarbeitung der Unternehmensgeschichte zu leiten. Über einzelne Familienmitglieder oder Unternehmungen wurde zwar schon gearbeitet, aber die Thyssens waren eine weit verzweigte Familie und eine umfassende wissenschaftliche Forschung steht noch aus."
Im Mittelpunkt des Forschungsinteresses von Buchheim und seinen Mitarbeitern steht die Frage nach dem unternehmerischen Handeln der Thyssens. Wie sah dieses aus in Zeiten der Kriegsvorbereitung, während des Krieges und angesichts völlig veränderter politischer und wirtschaftspolitischer Konstellationen in der Nachkriegszeit? Mit welchen Mitteln verfolgten die Thyssens das Ziel, ihr Unternehmen sowohl kurz- als auch langfristig zu sichern? Prof. Buchheims These: Allein betriebswirtschaftliche Überlegungen waren für die Unternehmensleitung ausschlaggebend. „Die Unternehmer folgten offensichtlich keiner Ideologie, denn in vielen Unternehmen wurden Entscheidungen nach ähnlichen Gesichtspunkten gefällt - unabhängig davon, ob das Management der NSDAP nahestand oder nicht." Deutlich werde das an zwei Beispielen, so Buchheim. Auf die Herstellung von synthetischem Benzin, an dem der Staat aufgrund seiner Autarkiebestrebungen großes Interesse hatte, hat sich Thyssen eingelassen, obwohl synthetisches Benzin kein weltmarktfähiges Produkt war. Die Ausbeutung von Salzgitter, die der Staat ebenfalls forderte, weigerte sich das Unternehmen jedoch durchzuführen. Der Grund für dieses ambivalente Verhalten liegt im unternehmerischen Kalkül. Kurzfristig wären beide Projekte gewinnträchtig gewesen, weil der Staat gut gezahlt hätte. Da beides Rüstungsmaßnahmen waren und Rüstungsproduktion auf lange Sicht kaum lukrativ ist, entschieden die Unternehmer jedoch von Fall zu Fall.
Die Produktion von Synthetikbenzin wurde durchgeführt, weil sich hier in Form eines Wirtschaftlichkeitsvertrags eine Sicherheit einbauen ließ: Zehn Jahre lang sollte synthetisches Benzin hergestellt werden. Danach konnte die Maschine umgerüstet und weiter gewinnbringend eingesetzt werden. In Bezug auf die Ausbeutung von Salzgitter war langfristig kein Gewinn garantiert. Daher lehnte Thyssen diese Maßnahme ab. Ob die Wirtschaft den staatlichen Forderungen nachkam, war immer eine rationale unternehmerische Entscheidung. Die Ideologie spielte dabei eine untergeordnete Rolle - die Moral allerdings auch, wie Buchheim feststellt: „Moralisches Verhalten hängt von den institutionellen Rahmenbedingungen ab. Wenn das Umfeld Verbrechen als akzeptabel erscheinen lässt, dann ist es vorbei mit der Moral. Besonders deutlich zu sehen war das allgemein im Zuge der Arisierung. Während anfangs bei Geschäftsübernahmen noch fast kollegiale Verhandlungen stattfanden, ging die Enteignung mit der Zeit immer radikaler vonstatten."
Wichtige Fragen, die Prof. Buchheim und seine Kollegen im Rahmen des Forschungsprojektes analysieren wollen, sind dementsprechend z.B. die folgenden: Wie wurden von den Unternehmen Handlungsspielräume ausgenutzt und ausgeweitet? Inwieweit führte die Orientierung am Überlebensziel zu ethisch fragwürdigem Verhalten? Und: Wie gestaltete sich der interne Entscheidungsprozess in Unternehmen, wenn es um grundlegende Neuorientierungen ging?
Das Projekt läuft zunächst vier Jahre. Finanziert wird es in erster Linie durch die Fritz Thyssen-Stiftung. Unterlagen und Dokumente werden den Forschern aus allen Zweigen der Familie zur Verfügung gestellt. Nach dem Abschluss der wissenschaftlichen Untersuchung werden die Dokumente auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Autorin: Katja Hoffmann I Juni 2009


