Universität Mannheim / Forum / Forschung / Ausgabe 2/2010 / Die Deutschen und die Sicherheit

Die Deutschen und die Sicherheit: Keine Panik trotz Terrorwarnung, Nein zu Militäreinsätzen für Wirtschaftsinteressen, Ja zur Bundeswehrreform

Mannheimer Sozialforscher untersuchen außen- und sicherheitspolitische Orientierungen im Vergleich zu den USA / Deutsche gehen auf Distanz zu Amerika

Die Bundesbürger gehen auf Distanz zu einem einst unverzichtbaren Partner: Weniger als 20 Prozent der Deutschen treten für eine möglichst enge Abstimmung mit den USA in außenpolitischen Fragen ein und lediglich ein Viertel unterstützt die Maßnahmen der USA zur Terrorbekämpfung. Das sagen erste Befunde des Forschungsprojekts „Außen- und sicherheitspolitische Orientierungen in den USA und der Bundesrepublik: Ein Vergleich auf Bevölkerungs- und Elitenebene", das derzeit am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung der Universität Mannheim und an der Universität Bamberg durchgeführt wird.

„Drei von vier Deutschen plädieren dafür, gegenüber den USA deutsche Interessen selbstbewusster zu vertreten als bisher", erklärt der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Hans Rattinger, der die Mannheimer Komponente des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Projekts leitet. „Eine große Mehrheit meint, die USA würden nur ihre eigenen Interessen und zu wenig die Interessen ihrer Verbündeten berücksichtigen. Die jüngsten Ereignisse um die WikiLeaks-Veröffentlichungen könnten diesen Trend zumindest vorübergehend noch verstärken", so der Politikwissenschaftler.

Keine Panik trotz Terrorwarnungen

Auf die nach staatlichen Angaben deutliche erhöhte Terrorgefahr für Deutschland reagierten die Bundesbürger insgesamt gelassen. Zwar stieg der Anteil derjenigen, die sich von Terror­anschlägen in Deutschland bedroht fühlen, zwischenzeitlich merklich an. Das Sicherheits­gefühl vieler Deutscher scheint jedoch nicht wesentlich gelitten zu haben: Rund 70 Prozent der Befragten fühlen sich sicher. „Die befürchtete Hysterie um einen möglichen Terroranschlag blieb damit aus", ordnet Hans Rattinger die Ergebnisse ein.

Nein zu Militäreinsätzen für Wirtschaftsinteressen, Ja zur Bundeswehrreform

Die Deutschen betrachten Einsätze deutscher Soldaten im Ausland mit Skepsis, lehnen den Einsatz militärischer Mittel aber nicht rundweg ab. Militäreinsätze zur Verteidigung Deutschlands oder von Bündnispartnern stoßen auf mehrheitliche Unterstützung. Militärische Eingriffe zur Beseitigung von Gewaltherrschern, wie etwa im Irak, lehnen die Deutschen dagegen mehrheitlich ab.

Gar nur jeder zehnte Befragte befürwortet die Idee, wirtschaftliche Interessen mit militärischen Mitteln durchzusetzen. Diese These, die einst Bundespräsident Horst Köhler zum politischen Verhängnis wurde und jüngst von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg wiederholt wurde, ist vielen Deutschen fremd. Bundeswehreinsätze, die leicht mit wirtschaftlichen Interessen in Verbindung gebracht werden können, lassen sich daher wohl auch künftig nur schwer vor der deutschen Öffentlichkeit rechtfertigen.

Die Aussetzung der Wehrpflicht und der Übergang zur Rekrutierung Freiwilliger stoßen bei Anhängern verschiedener Parteien auf mehrheitliche Zustimmung von etwa 60 bis 80 Prozent. Auch bei der angestrebten Verkleinerung der Bundeswehr ist nicht mit erheblichen Wider­ständen zu rechnen. Knapp die Hälfte der Befragten kennt die momentane Truppenstärke von rund 250.000 Soldatinnen und Soldaten nicht einmal der Größenordnung nach, was auf geringes Interesse an der Bundeswehr hindeutet.

Gefragt nach der gewünschten Truppen­stärke, machen 20 Prozent der Befragten keine Angabe. Von den übrigen Befragten sprechen sich gut 10 Prozent für die vom Minister angestrebten 180.000 Soldaten aus, jeweils knapp 20 Prozent sogar für eine Reduzierung auf 100.000 oder 150.000 Soldaten. Damit fehlt den Gegnern der Bundeswehrreform eine entsprechende Mehrheit in der Bevölkerung.

Wie hat sich das Verhältnis zu den USA seit dem Kalten Krieg entwickelt?

Die genannten Befunde sind Ergebnisse einer repräsentativen Untersuchung, für die das Bamberger Centrum für Empirische Studien (BACES) zwischen 21. Oktober und 25. November 2010 1.162 zufällig ausgewählte wahlberechtigte Deutsche telefonisch interviewt hat. Die Umfrage ist aber nur ein kleiner Teil des Forschungsvorhabens, mit dem die Teams der Universitäten Mannheim und Bamberg außen- und sicherheitspolitische Orientierungen in Deutschland und den USA untersuchen wollen, erläutert Professor Rattinger: „Unsere Hauptarbeit besteht derzeit darin, Datensätze zu einschlägigen Themen auch rückwirkend in ein langfristiges Gesamtbild zu integrieren. So wollen wir beispielsweise sichtbar machen, wie sich das Verhältnis zwischen Deutschland und den USA seit Ende des Kalten Krieges tatsächlich entwickelt hat."

Neben den Einstellungen der Bevölkerung untersuchen die Politikwissen­schaftler dafür auch die politischen Eliten und Entscheidungsträger - also die Ebene, wo Außen- und Sicherheitspolitik letztendlich tatsächlich gemacht wird.

Autor: Nikolaus Hollermeier   I   Dezember 2010

Weiterführende Links:

Projektseite auf der MZES-Website
Website des Lehrstuhls für Vergleichende Politische Verhaltensforschung (Prof. Rattinger)