Universität Mannheim / Forum / Profil / Ausgabe 2/2012 / Wechsel im Rektorat

Wechsel im Rektorat

Stabwechsel an der Uni Mannheim: Prof. Dr. Ernst-Ludwig von Thadden übernimmt zum 1. Oktober das Rektorat von Prof. Dr. Hans-Wolfgang Arndt. Zeit für einen Rück- und Ausblick.

FORUM: Welche Empfindungen haben Sie angesichts des bevorstehenden Wechsels auf dem Sessel des Uni-Rektors?

Prof. Arndt: Es wird Zeit. Und ich bin erfreut, einen solchen Nachfolger zu haben.

Prof. von Thadden: Bei mir ist es vor allem Neugierde und Spannung. Es wird sicherlich anstrengend werden, aber ich werde versuchen, den Kopf frei zu behalten.

FORUM: Herr Prof. Arndt, mit Ihrem Namen ist der Prozess der Profilbildung verbunden, der in der Presse als „Beben von Mannheim“ bezeichnet wurde, das zu einem „Wunder“ mutierte. Was würden Sie im Rückblick anders machen?

Prof. Arndt: Im Bereich der Kommunikation habe ich dazugelernt. Bei der Fokussierung, die sich jetzt als Erfolg herausgestellt hat, hätte ich mehr mit Ängsten rechnen müssen. Da war ich schlicht zu unerfahren. Aus heutiger Sicht würde ich den Wandel schon etwas geschmeidiger hinbekommen. Aber mir war klar: Wir müssen es schaffen. Die „Marke Mannheim“ muss unangreifbar sein. Ein schmaler Sektor im akademischen Bereich sicherlich. Aber ich denke, es ist erheblich besser, wenn wir mit unseren Fächern gut stehen, als zu sehr in die Breite zu gehen.

FORUM: Der Streit um die Umstrukturierung hat sich also gelohnt?

Prof. Arndt: Das sieht man am besten an der Wahl von Herrn von Thadden, der den Kurs ja fortführen will. Und: Er ist ohne Gegenstimme gewählt worden. Ich bin überzeugt, alle Fakultäten sehen, dass sie gut dastehen.

FORUM: Unter Ihrer Leitung sind drei „profilscharfe“ Studiengänge etabliert worden: die Unternehmensjuristen, der Bachelor Kultur und Wirtschaft (BaKuWi) und die Wirtschaftsinformatik. Wie zufrieden sind Sie mit diesem Ergebnis?

Prof. Arndt: Das sind Kernprodukte unserer Universität. Ich glaube sogar, dass in nicht allzu ferner Zukunft die Verbindung von Geisteswissenschaften und Wirtschaftswissenschaften ein „Kernmodell“ werden wird. Denn ich halte es für verantwortungslos, 16- oder 17-jährige Studienanfänger nur mit Marketing, Finance und Taxation zu konfrontieren. Der Unternehmensjurist macht sich hervorragend. Jura allein – meine eigene Disziplin – hat in den vergangenen zwanzig oder dreißig Jahren an Boden verloren. Kombiniert mit den Wirtschaftswissenschaften können die Juristen jedoch Terrain zurückgewinnen. Und über die Bedeutung von Wirtschaftsinformatik muss ich nicht viel sagen. Die Leute werden uns aus den Händen gerissen.

FORUM: Herr Prof. von Thadden, ist auch für Sie der Umbau der Uni vorerst beendet?

Prof. von Thadden: Ja, sicherlich. Es wäre auch in jeder Hinsicht Unfug, ein erfolgreiches Unternehmen gleich wieder umzustrukturieren. Und ich sehe auch keinen inhaltlichen Grund, das zu tun. Herr Arndt hat Recht: Wir haben in den letzten zehn Jahren die großen Weichen gestellt.

FORUM: Wie wird sich der Prozess der Profilbildung weiterentwickeln?

Prof. von Thadden: Das Projekt Wirtschaftsinformatik wird man sicherlich begleiten müssen, ebenso den Unternehmensjuristen. Die Business School wird weiter zum Ansehen der Universität beitragen und wird zusammen mit der Universität wachsen. Eine mögliche Profilbildung sehe ich im Bereich der Struktur der Studiengänge: verlängerte Bachelorstudienzeiten, eine Profilschärfung innerhalb der Masterstudiengänge, die Entwicklung des Doktorandenstudiums. Die Universität ist ein lebendiges Gebilde. Die Außenwelt bewegt sich. Die Universität bewegt sich. Und hoffentlich bewegt sich auch der Rektor dabei.

FORUM: Was werden Sie von Ihrem Vorgänger übernehmen?

Prof. von Thadden: Die Universität (lacht). Aber im Ernst: Das Schiff bleibt auf Kurs. Einer der Gründe, warum ich mich für das Amt zur Verfügung stelle, war ja auch der Eindruck, dass die Universität sehr gut aufgestellt ist und ausbaufähig und -willig ist.

FORUM: Wo sehen Sie Ihre Schwerpunkte?

Prof. von Thadden: Ich sehe uns in Mannheim nicht im Wettbewerb mit deutschen sondern mit internationalen Universitäten. Wir müssen uns ansehen, was macht London, was macht Toulouse, was macht Paris? Wenn man höher greifen will: Was macht die University of Michigan, was macht die University of North Carolina? Shanghai? Hongkong? Das sind unsere Referenzpunkte. Da müssen wir hin.

FORUM: Herr Prof. Arndt, Sie haben eben das geringe Alter der Studierenden an gesprochen. Diese mögen die unterschiedlichsten Kombinationen belegen, sie bleiben aber doch jung.

Prof. Arndt: Ja, aber man kann den Bachelor auch auf vier Jahre strecken. Man kann den Auslandsaufenthalt von sechs Monaten auf ein Jahr erweitern. Im Falle von China oder Japan können es auch zwei Jahre sein, sonst klappt es mit der Sprache nicht. Da gibt es verschiedene Modelle. Wenn wir den Anspruch ernst nehmen, künftige Führungskräfte für Wirtschaft und Gesellschaft auszubilden, dann ist das niemand, der mit 17 kommt und mit 20 die Uni verlässt.

Prof. von Thadden: Hier ist wieder einmal ein Missverständnis zu beobachten, was etwa die verkürzte Schulzeit bedeutet. Man hat ja, wie üblich, versucht, die USA zu kopieren. Dort bedeutet „Bachelor“ im Prinzip aber zwei Jahre gymnasiale Oberstufe. Es ist ja nicht so, dass die Studenten in Princeton gleich mit Accounting anfangen. Wenn wir also als Uni mit G8 und der Bachelor-Ausbildung konfrontiert werden, dann, denke ich, haben wir auch die Pflicht, im ersten Bachelor-Jahr „breiter“ zu werden.

FORUM: Und was raten Sie den Studentinnen und Studenten?

Prof. von Thadden: Ganz einfach: Nehmt euch Zeit. Die gleichzeitigen Reformen in Deutschland an Schulen und Universitäten – flankiert vom wegfallenden Wehrdienst – haben dazu geführt, dass die Ausbildung nicht um ein bis zwei Jahre verkürzt wurde, sondern um fünf bis sechs. Das ist einfach zu viel. Also besser vier Jahre studieren als drei. Keine Uni wirft einen Studierenden nach drei Jahren hinaus.

FORUM: Herr Prof. Arndt, warum ist fast keine deutsche Hochschule der Uni Mannheim gefolgt, als sie internationale Semesterzeiten eingeführt hat?

Prof. Arndt: Es ist ein interessantes Phänomen, wie Reformen funktionieren. Die Hochschulrektorenkonferenz hat sich dafür ausgesprochen, die Schweiz ist ein Jahr nach uns voll nachgerückt, die HRK hat den Beschluss nicht zurückgenommen, aber die Universitäten setzen ihn nicht um. Ich denke aber, sie werden es machen müssen, wenn sie so konsequent den Weg der Internationalisierung beschreiten wie wir. Die Universität könnte nicht 800 oder 900 Studenten ins Ausland schicken, wenn wir die Semesterzeiten nicht geändert hätten.

FORUM: Herr Prof. Arndt, worin sehen Sie den größten Erfolg Ihrer Amtszeit?

Prof. Arndt: Das sollen andere beurteilen. Allerdings freue ich mich, dass die Uni heute sehr geeint ist.

Prof. von Thadden: Jetzt sind Sie zu bescheiden. Man könnte ja auch sagen, dass die Uni sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigt, um bloß niemandem weh zu tun. Das ist ganz sicher nicht das Fazit. Das Ergebnis lautet: Wir haben uns auf hohem Niveau geeinigt.

Prof. Arndt (lacht): Danke für die Korrektur.

FORUM: Was möchten Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg geben?

Prof. Arndt: Die frische Neugierde, die er eingangs erwähnt hat, soll er sich erhalten.

Interview: Gesine Millhoff   I   Foto: Markus Proßwitz   I   August 2012