Verschenktes Potenzial

Fast die Hälfte aller Unternehmen in Deutschland wird von Menschen mit ausländischen Wurzeln gegründet – Menschen, die hier geboren oder zugewandert sind. Der Großteil schafft es jedoch nicht, die eigene Firma zu etablieren. Das Institut für Mittelstandsforschung (ifm) der Universität Mannheim hat in einer Studie Gründe dafür ermittelt und will lokale Wirtschaftsförderer dafür sensibilisieren. Denn die Städte und Kommunen verschenken wichtiges ökonomisches und gesellschaftliches Potenzial.


Dönerbude, Pizzeria oder Gemüseladen – das Klischee des typischen Migrantenunternehmens gilt nicht mehr. Längst hat sich die Branchenverteilung der deutschen Firmenlandschaft angenähert: Nur noch ein Drittel der Unternehmen ist in Gastronomie und Handel angesiedelt. 50 Prozent sind im Dienstleistungssektor aktiv. Vor allem wissensintensive Berufe wie Rechtsanwalt, Arzt oder Informatiker nehmen dabei einen großen Platz ein.

„Diese Bandbreite wird von Städten und Kommunen oft unterschätzt und auch die gesellschaftlichen und ökonomischen Chancen werden übersehen“, sagt die Soziologin Lena Werner. Sie und weitere Wissenschaftler des Instituts für Mittelstandsforschung (ifm) haben in einer Studie, die im Netzwerk „Integration durch Qualifizierung“ des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales gefördert wird, untersucht, in welchen Bereichen Migrantenunternehmen besondere Unterstützung benötigen. Schließlich hätten sie eine wichtige Funktion für die Region: Sie pflegen deutlich häufiger Geschäftskontakte ins Ausland und sind damit Treiber transnationaler Geschäftsbeziehungen auf lokaler Ebene. Zudem stellen sie als Arbeitgeber wesentlich mehr Auszubildende mit Migrationshintergrund ein als deutsche Firmen.

Der 33-jährige Süleyman Acar, dessen Eltern aus der Türkei stammen, hat nach seinem Studium der Sozialwissenschaften an der Universität Mannheim erfolgreich mehrere Internet-Firmen gegründet: King Keks, Applieferant und FaceAdNet. Mittlerweile beschäftigt er ein Dutzend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Auch viele Türkinnen und Türken haben in der Vergangenheit bei ihm ein Praktikum gemacht. „Nationalität spielt für mich keine Rolle. Es muss fachlich, menschlich und von der Motivation her passen“, sagt er. Den meisten Gründern mit Migrationshintergrund gelingt es jedoch nicht, ein kompetentes Team aufzubauen. Eines ihrer größten Probleme ist laut der Studie des ifm die Gewinnung von Fachkräften. „Migrantenunternehmen schaffen es wesentlich seltener, eine Stelle zu besetzen als deutsche Firmen und geben an, dass ausgewählte Fachkräfte den Job im Nachhinein häufig ablehnen“, erklärt Lena Werner.

Voreingenommenheit erlebt auch der gestandene Unternehmer Süleyman Acar immer wieder. Bewerber oder neue Kunden kontaktierten häufig zuerst seinen deutschen Geschäftspartner. Überrascht ist Acar jedoch nicht. „Allein schon mein Name weckt Vorurteile. Dem Türken traut man nicht so viel zu“, sagt er und lacht. In die Opferrolle habe er sich noch nie drängen lassen. „Das ist ein gesellschaftliches Problem, mit dem nicht nur Gründer zu kämpfen haben, das erstreckt sich über alle Lebensbereiche. Der Markt hingegen ist fair, Religion oder Hautfarbe sind ihm egal.“ Die Hürden seien seiner Meinung nach deshalb für alle Gründer dieselben – ob mit oder ohne Migrationshintergrund: „Als ich vor fünf Jahren die Facebook-Gewinnspiel-Firma King Keks ins Leben gerufen habe, hatte ich einen schweren Start. Ich musste aus meinen Fehlern lernen und habe mich teilweise auch beraten lassen.“

Laut der ifm-Studie nimmt nur ein Drittel aller Gründerinnen und Gründer mit Migrationshintergrund öffentliche Beratungsangebote wahr. Das Institut für Mittelstandsforschung will, dass sich das ändert und versucht Wirtschaftsförderer, Auslandsämter, Handelskammern und andere Institutionen für diese Zielgruppe zu sensibilisieren. Erste Transferworkshops in Mannheim haben bereits stattgefunden, weitere sind in Stuttgart und Heilbronn geplant. Das ifm baut darüber hinaus eine Datenbank mit allen Gründungsberatungen in der Region auf, die auch auf Einrichtungen speziell für Migrantenunternehmen verweist. In Mannheim finden sich hier zum Beispiel das Deutsch-Türkische Wirtschaftszentrum oder der Verein ProSocialBusiness. „Die Städte verschenken ein riesiges Potenzial, wenn sie die für sie eigentlich so wichtigen Migrantenunternehmen nicht gezielt unterstützen“, sagt die Wissenschaftlerin. Und das sieht auch Acar so. Viele Deutsch-Türken gingen zurück in die Heimat ihrer Eltern, vor allem die sehr gut ausgebildeten. „Wenn sie hier in Deutschland nicht die Rahmenbedingungen erhalten, um ihr Können auszuschöpfen, versuchen sie es in der Türkei“, sagt Acar. „Den deutschen Städten gehen damit kluge Köpfe verloren.“

Zum Bild: Süleyman Acar, Absolvent der Universität Mannheim und erfolgreicher Unternehmer

Autorin: Nadine Diehl   I   Foto: Ben Van Skyhawk   I   April 2015

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