Frauen in der Wissenschaft haben an der Universität Mannheim eine lange Tradition: Als erste deutsche Hochschule beschäftigte die damalige Handelshochschule Mannheim ab 1908 eine Frau als Dozentin. Auch wenn der Weg zur Professur für viele Frauen immer noch kein leichter ist, haben sich die Bedingungen für Wissenschaftlerinnen seitdem enorm verbessert. Das zeigen die Karrieren dreier Professorinnen – von damals bis heute.

Lindenhof, 1910. In der Erdgeschosswohnung von Professor Sally Altmann herrscht Trubel. Einer nach dem anderen treten Studierende der Handelshochschule in die bürgerliche Stube des Dozenten, sie machen es sich auf den Sofas bequem. Als alle ihren Platz gefunden haben, beginnt die wöchentliche Diskussion – über aktuelle Wirtschaftsthemen, Politik, Soziales. Das Außergewöhnliche an diesem Seminartreffen ist nicht der Ort: Altmann ist engagiert, hat eine offene Tür für Studierende. Es ist seine Frau. Denn sie reicht nicht nur Tee, sie diskutiert mit.

Auch in anderer Hinsicht entspricht Dr. Elisabeth Altmann-Gottheiner nicht der damaligen Norm. Sie engagiert sich im Vorstand mehrerer Vereine der Frauenbewegung, kämpft für mehr Rechte und Bildung für Frauen. Im Beruf lebt sie das eigene Ideal: Seit 1908 unterrichtet und forscht die Nationalökonomin an der Handelshochschule Mannheim, hält Seminare zur Arbeiterinnen- und Frauenfrage, zu internationaler Sozialpolitik. Sie ist damit die erste weibliche Lehrbeauftragte an einer Hochschule – nicht nur in Mannheim und Baden, sondern im ganzen Deutschen Reich.

Wie die männlichen Dozenten die Pionierin im Kollegium aufnehmen, ist nicht überliefert. Der Rektor jedenfalls lobt ihre wissenschaftliche Arbeit. Altmann-Gottheiner sei „eine unentbehrliche Ergänzung des Lehrplans“. 1925 wird sie auf seinen Vorschlag zur Ehrenprofessorin ernannt. Ihr selbst ist diese Ehrung „als Frau doppelt wertvoll“. Der Weg dorthin war immerhin nicht leicht: Erst 1896, als die gebürtige Berlinerin 22 ist, dürfen die ersten Schülerinnen in Preußen das Abitur ablegen. Die Zulassung zur Universität bleibt ihnen bis 1908 verwehrt. Elisabeth Gottheiner jedoch hat den Willen zur Bildung: Ihr Studium der Nationalökonomie nimmt sie kurzerhand in London auf. Sie promoviert 1902 in Zürich – zwei Jahre vor ihrem späteren Ehemann.

Eine Stelle als Dozentin erhält Altmann-Gottheiner jedoch erst, als Sally Altmann an die Handelshochschule berufen wird. „Wahrscheinlich hat er ihre Anstellung in seinen Berufungsverhandlungen durchgesetzt“, sagt die Mannheimer Historikerin Dr. Rosmarie Günther, die das Leben der Ökonomin erforscht hat. Das Mannheimer Kollegium sei zwar recht liberal gewesen, „ohne die Unterstützung eines Mannes hätte sie es zur damaligen Zeit trotzdem nicht geschafft.“ So bleibt Altmann- Gottheiner auch lange die einzige weibliche Wissenschaftlerin an der Handelshochschule. Bis zu ihrer Schließung 1933 kommen aber noch drei weitere Frauen hinzu.

1946. Als die Wirtschaftshochschule neu gegründet wird, gerät der Aufwärtstrend zunächst ins Stocken. Zwanzig Jahre dauert es, bis mit der Geografin Gudrun Höhl und der Erziehungswissenschaftlerin Elfriede Höhn die ersten zwei Frauen auf Mannheimer Lehrstühle berufen werden. Die erste Lehrstuhlinhaberin in der Informatik ist Prof. Dr. Mila Majster- Cederbaum: Als sie 1984 mit nur 35 Jahren Professorin an der Universität Mannheim wird, ist die Gleichstellung zwar im Grundgesetz verankert. Trotzdem muss sich die Wissenschaftlerin gegenüber männlichen Kollegen immer wieder beweisen. Schon während des Studiums der Mathematik und Physik war Majster-Cederbaum ständig mit Vorurteilen konfrontiert. „Ich war eine von nur drei Studentinnen“, erinnert sich die emeritierte Professorin, die heute als Seniorprofessorin an der TU München forscht. „Bei Gruppenarbeiten wurde mir von Dozenten unterstellt, ich schreibe meinen Namen nur mit aufs Papier.“ Auch die ersten Jahre als Lehrstuhlinhaberin seien schwierig gewesen. Als einzige Frau an der Fakultät fühlte sie sich von den Kollegen zunächst nicht ernst genommen: „Im Fakultätsrat wurden meine Beiträge oft einfach übergangen.“ Ein Kollege bezweifelte zudem nicht nur ihre fachlichen, sondern auch ihre Fähigkeiten als Mutter – weil sie berufstätig war. „Als ich zur Dekanin ernannt wurde, ist der Respekt jedoch deutlich gewachsen“, sagt sie.

Um anderen Frauen den Weg zur Professur zu erleichtern, setzte sich Majster-Cederbaum später als Prorektorin für Forschung für junge Wissenschaftlerinnen ein, rief ein Doktorandinnenkolloquium ins Leben und unterstützte weibliche Promovierende als Mentorin. Eine solche Förderung hat Prof. Dr. Suzan Denise Hüttemann, seit September Juniorprofessorin für Strafrecht, nicht bekommen. Sie hat in Italien am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz promoviert. Gerade ihre Zeit dort habe sie aber in ihrer Karriere bestärkt: „Im Ausland sind Frauen in der Wissenschaft viel üblicher“, sagt sie.

An der Universität Mannheim sind mittlerweile 50 von 195 Professuren von Frauen besetzt. Dass es in den Rechtswissenschaften noch immer an Professorinnen mangle, liege vermutlich an der langen Ausbildungszeit und der starken Konkurrenz mit der Justiz, so Hüttemann. Durch Juniorprofessorenstellen wie ihre werde es für Frauen aber attraktiver, in der Wissenschaft zu bleiben. Dass sie eine von nur zwei weiblichen Professorinnen in der Abteilung ist, empfindet sie nicht als Problem. „Das Kollegium ist aufgeschlossen“, sagt Hüttemann. „Man setzt sich nachdrücklich dafür ein, Frauen zu fördern.“

Zu den Bildern (v. o.): Prof. Dr. Elisabeth Altmann-Gottheiner, die erste Hochschuldozentin Deutschlands (Universitätsarchiv), Dr. Rosmarie Günther (privat), Prof. Dr. Mila Majster- Cederbaum (Elisa Berdica), Prof. Dr. Suzan Denise Hüttemann (privat)

Autorin: Linda Schädler   I    März 2017

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