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Überwachung statt Vertrauen?

Versicherungen befinden sich in einer Problemlage: Sie stehen steigenden Kosten gegenüber und können diese derzeit nicht mehr auf dem Kapitalmarkt abfedern. Deshalb haben sie ein großes Interesse daran, ihre Versicherungsnehmer zu vorbildlichem Verhalten anzuhalten und dieses auch zu überwachen. Deren Daten machen es möglich.

Ein Gastbeitrag von Versicherungsrechtler Prof. Dr. Oliver Brand


Bremsverhalten, Geschwindigkeit, Fahrtdauer und Tageszeit – mit der „Blackbox“, die sich heute in jedem neuen Fahrzeug befindet, kann unser Fahrverhalten komplett erfasst und an Kfz-Versicherer übermittelt werden. Diese bieten ihren Kunden seit einiger Zeit den Abschluss von Zusatzvereinbarungen an, nach denen sie zur Aufzeichnung ihres Fahrverhaltens verpflichtet und im Gegenzug für vorbildliches Fahren belohnt werden – unter anderem mit Prämiennachlässen von bis zu 19 Prozent. Für die Risikogruppe – junge Männer zwischen 18 und 27, die sehr hohe Versicherungsprämien zahlen – können diese so genannten Telematiktarife durchaus interessant sein. Ob der Versicherungsnehmer konkret einen Nachlass erhält, richtet sich nach einem Punkteschema. Darin fließen Risikomerkmale ein, welche die Wahrscheinlichkeit eines Schadensfalles beeinflussen, zum Beispiel häufige Nacht- und Stadtfahrten, aber auch der „Fahrstil“ der versicherten Personen.

Erste Untersuchungen zeigen, dass Versicherte, die sich für eine Übermittlung ihrer Fahrdaten entschieden haben, tatsächlich ihr Verhalten ändern: Sie nehmen andere Strecken, parken weniger falsch und bremsen früher. Was bei den Kfz-Versicherungen funktioniert, ist in der Krankenversicherung einstweilen noch ein Tabuthema. Auch Krankenversicherer würden ihre Versicherungsnehmer gerne zu gesünderem Verhalten anhalten, indem sie ihre Vitaldaten laufend überwachen und gegebenenfalls Prämienrabatte für gesünderes Verhalten, wie regelmäßigen Sport, versprechen. Schließlich sehen sie sich explodierenden Kosten durch neue teure Behandlungsmethoden und eine immer älter werdende Bevölkerung gegenüber. Nach derzeitigem Rechtsstand ist es jedoch wohl nicht möglich, Rabatttarife aufgrund von Gesundheitsdaten anzubieten, auch wenn laut zweier Studien aus dem Jahr 2015 bis zu 40 Prozent der Versicherten dazu bereit wären. Hintergrund der rechtlichen Bedenken ist zum einen die Art der erhobenen Daten: Der Gesundheitszustand ist etwas sehr Persönliches, was nicht in die falschen Hände geraten darf, zum Beispiel an den Arbeitgeber. Fahrdaten sind vergleichsweise weniger sensibel.

Hinzu kommen versicherungstechnische Bedenken. Bei Autos lässt sich statistisch nachweisen, dass ein verändertes Fahrverhalten die Schadenshäufigkeit und damit die Kosten für den Versicherer senkt. Mit der Gesundheit geht das nicht so leicht: Verursachen Sporttreibende wirklich weniger Kosten, weil sie sich mehr bewegen oder sind sie teurer, weil sie sich öfter verletzen und ihre Gelenke womöglich schneller verschleißen? Die Allianz geht zum Beispiel davon aus, durch Anreize zu mehr Bewegung gerade einmal zwei Prozent der Gesamtkosten einsparen zu können. Etwa in dieser Größenordnung müsste sich aufgrund aufsichtsrechtlicher Gleichbehandlungspflichten auch der Rabatt für den Versicherten bewegen – bei Überwachung des gesamten Gesundheitsverhaltens wohlgemerkt.

Trotzdem ist die Telematik-Initiative der Versicherungswirtschaft durchaus positiv zu sehen. Als einer der ersten Wirtschaftszweige erkennt sie nämlich an, dass die Daten ihrer Kunden einen wirtschaftlichen Wert haben, der abgegolten werden muss. Auch Google, Facebook und Amazon wirtschaften mit unseren Daten, zahlen aber nichts dafür. Die Rechtswissenschaft wird sich darüber Gedanken machen müssen, ob der Preis, den die Versicherungswirtschaft für die Daten ihrer Kunden anbietet, angemessen ist und in welchem Umfang Daten als Prämienersatz zugelassen werden dürfen.

Die ärmeren Bevölkerungsschichten etwa könnten davon profitieren, wenn sie durch ihr Verhalten ihre Prämien reduzieren könnten. Es muss aber auch Grenzen geben. Hier gerät der Bereich der Pflichtversicherungen in den Blickpunkt. Darin könnten Telematiktarife ärmere Versicherte in die Zwangslage versetzen, ihre Daten am Ende „verkaufen“ zu MÜSSEN, da sie sich die teureren Normaltarife nicht mehr leisten können. Dadurch ergäbe sich eine Ungleichbehandlung von Arm und Reich.

Da Telematiktarife sich noch in der Entwicklung befinden, hat die Rechtswissenschaft die Chance, sie im Verbund mit der Versicherungsbetriebslehre und der Versicherungsmathematik von Anfang an kritisch zu begleiten, Chancen auszuloten und Risiken vermeiden zu helfen. Fest steht bereits heute, dass sich das Produkt „Versicherung“ durch Big Data verändern wird, fort von einem Vertrauensvertrag hin zu einem Überwachungsvertrag.

Zu den Bildern: Prof. Dr. Oliver Brand lässt seine Fahrzeugdaten lieber noch da, wo sie hingehören – in seinem Auto

Autor: Prof. Dr. Oliver Brand  I   Fotos (v. o.): Andreas Henn, Nadine Diehl  I   September 2017