Universität Mannheim / Forum / Bildung / Ausgabe 1/2014 / System- oder Programmakkreditierung für die Universität Mannheim

Systemakkreditierung für die Universität Mannheim?

Seit der Bologna-Reform gibt es die Pflicht zur Akkreditierung von Studiengängen. An der Universität Mannheim sind seit März 2014 alle Studiengänge mit dem Qualitätssiegel des Akkreditierungsrates versehen. Bevor die nächsten „Re-Programmakkreditierungen“ anstehen, stellt sich nun die Frage, ob das bisherige System der Programmakkreditierung beibehalten werden soll oder eine Umstellung auf die Systemakkreditierung sinnvoll ist. FORUM hat dazu mit dem Prorektor für Studium und Lehre, Prof. Dr. Thomas Puhl, und den Mitarbeitern der Stabsstelle Qualitätsmanagement, Daniel Lehnert und Dr. Simone Unger, gesprochen.

FORUM: Worum geht es bei der Entscheidung Programm vs. Systemakkreditierung?

Prof. Puhl: Eine Akkreditierung ist die Voraussetzung für die Genehmigung von Studiengängen. Alle Studiengänge müssen vom Ministerium genehmigt werden und die Genehmigung wird nach dem Gesetz nur erteilt, wenn der Studiengang akkreditiert ist. Dabei können sich die Hochschulen aussuchen, ob sie das Verfahren der Programm- oder der Systemakkreditierung wählen. In Mannheim haben wir sehr früh gesagt, dass wir alle Studiengänge zunächst einmal programmakkreditieren wollen. Das macht auch Sinn, denn es zeigt, dass alle Studiengänge eine gewisse Basisqualität haben und das erleichtert den universitätseigenen Aufbau eines Qualitätssicherungssystems.

Daniel Lehnert: Anfang dieses Jahres wurden die letzten Studiengänge erstmalig akkreditiert. Das heißt, alle Studiengänge haben nun mindestens einmal das Verfahren der Programmakkreditierung erfolgreich durchlaufen. Deswegen ist nun ein guter Zeitpunkt um zu entscheiden, ob wir bei der Programmakkreditierung bleiben oder auf die Systemakkreditierung umsteigen.

Prof. Puhl: Hinzu kommt, dass 2016 für die Studiengänge der Fakultät für Sozialwissenschaften, der Philosophischen Fakultät und der Abteilung VWL die erste Re-Programmakkreditierung ansteht. Das heißt, wenn wir auf Systemakkreditierung wechseln wollen, sollten wir das jetzt machen, denn nur dann bleibt noch genug Zeit, um das für die Systemakkreditierung erforderliche Qualitätssicherungssystem rechtzeitig aufzubauen und die anstehenden Akkreditierungsverfahren bereits intern durchzuführen.

FORUM: Warum wird überhaupt akkreditiert?

Prof. Puhl: Das Akkreditierungssystem ist im Zuge des Bologna-Prozesses eingeführt worden. Es soll sicherstellen, dass die Studiengänge auch studierbar sind und eine für Hochschulen angemessene Qualität haben. Die Studiengänge sollen einheitliche Standards erfüllen, um auch international vergleichbar zu sein.

FORUM: Können Sie die zwei verschiedenen Arten der Akkreditierung kurz erklären?

Prof. Puhl: Programmakkreditierung bedeutet, dass jeder einzelne Studiengang von einer externen Akkreditierungsagentur durchleuchtet wird. Die Agentur stellt eine Gutachtergruppe zusammen, die den Studiengang untersucht und bewertet. Ist ein Studiengang akkreditiert, folgt alle sieben Jahre eine Reakkreditierung. Bei der Systemakkreditierung hingegen wird nicht jeder einzelne Studiengang extern überprüft, sondern die Universität baut selbst zentral ein Qualitätsmanagement auf, das die Studiengänge durchlaufen müssen. Dieses universitäre Qualitätssicherungssystem wird in seiner Funktionsweise dann von außen überprüft und in regelmäßigen Abständen evaluiert.

FORUM: Was sind die Vor- und Nachteile der verschiedenen Arten der Akkreditierung?

Prof. Puhl: Der große Vorzug der Systemakkreditierung besteht darin, dass die Universität selbst im Rahmen gewisser Richtlinien die Qualitätsstandards entwickelt und autonom durchsetzt. Man ist nicht so abhängig von externen Akteuren, wie das bei der Programakkreditierung der Fall ist. Ein Beispiel: Es ist vorgekommen, dass ein Studiengang einmal akkreditiert worden ist und dann im folgenden Reakkreditierungsverfahren sind völlig neue Auflagen gemacht worden im Vergleich zur Erstakkreditierung. Die Folge war, dass der Studiengang umgekrempelt werden musste. Da saßen die gleichen Gutachter von der gleichen Akkreditierungsagentur, aber die sagten, die Geschäftspolitik wurde geändert. Das würde uniintern nie passieren.

Dr. Simone Unger: Ein weiterer Vorteil der Systemakkreditierung liegt darin, dass die Uni sich regelmäßig selbst mit ihren eigenen Daten beschäftigt und aufmerksam Qualität und Entwicklung ihrer Studiengänge reflektiert (z.B. Erfolgs- oder Abbrecherquoten). Auch werden die Studiengänge uni-weit an gleichen Standards gemessen und letztlich gerechter bewertet. In den bisherigen Verfahren mit den unterschiedlichen Agenturen haben wir die Erfahrung gemacht, dass zum Teil bei den verschiedenen Studiengängen unterschiedliche Maßstäbe angelegt wurden: einmal musste ein Bachelorstudiengang exakt eine Punktlandung bei 180 ECTS-Punkten machen, ein anderes Mal konnten es mit vernünftigen Gründen im Interesse der Studierenden auch ein paar Punkte mehr sein. Indem wir ein eigenes Qualitätsmanagement einrichten, erhoffen wir uns, dass systematisch in allen Studiengängen die Qualität der Lehre besser wird und dass die Studiengangsverantwortlichen in den Fakultäten mehr Sicherheit über die einzuhaltenden Standards haben.

FORUM: Wie wird bei der Systemakkreditierung sichergestellt, dass die Studiengänge objektiv bewertet wurden, wenn hier quasi die Universität nur sich selbst verpflichtet ist?

Prof. Puhl: Das Moment externer Expertise ist in unseren Augen unverzichtbar im ganzen Qualitätsmanagement. Die wäre auch bei der Systemakkreditierung einzubauen. Zum einen kann man auch externe Gutachter in die dann uni-eigenen „Studiengangsakkreditierungen“ einbeziehen. Zum anderen wird ja das gesamte „System“ der uni-eigenen Qualitätssicherung regelmäßig akkreditiert (Systemakkreditierung), d.h. von einer Agentur und ihren Gutachtern anhand der Vorgaben der Kultusministerkonferenz und Richtlinien des Akkreditierungsrates bewertet – einmal am Anfang und dann im 8-Jahresrhythmus.

FORUM: Wie wird an der Universität die Entscheidung getroffen, welche Form der Akkreditierung zukünftig angewendet wird?

Prof. Puhl: Wir wollen alle Gruppen im Haus – die Fakultäten, die Verwaltung, die Studierenden, den AStA, die Fachschaften, das Justitiariat – einbinden und einladen, über diese Dinge zu sprechen. Auch alle Gremien, die damit befasst sind, die Senatskommission Lehre, der Senat, der Universitätsrat und das Concilium Decanale, sollen sich eine Meinung bilden und Stellung beziehen. Schließlich – idealerweise bis zum Ende des Frühjahrssemesters – wird das Rektorat entscheiden, welcher Weg weitergegangen wird.

FORUM: Wie würde es dann weitergehen, wenn die Entscheidung für die Systemakkreditierung fällt?

Prof. Puhl: Wenn wir uns für die Systemakkreditierung entscheiden, müssen wir ein Qualitätsmanagementsystem auf die Beine stellen, das den Ansprüchen des Akkreditierungsrates genügt: Das sollte Mindeststandards für Lehrevaluationen beinhalten und deren Follow-up-Prozesse regeln, das also zum Beispiel die Evaluationssatzung überarbeitet und damit ein effizientes, aber möglichst unbürokratisches Monitoring für die Studiengänge schafft. Dazu müsste ein Lenkungsausschuss berufen werden, in dem alle Fakultäten und das Rektorat vertreten sind. Hier würden die Grundsatzentscheidungen fallen. Auf der Arbeitsebene, bestehend aus der Stabsstelle Qualitätsmanagement und Vertretern der Fakultäten und den Dezernaten, würde dann ganz konkret die Systemakkreditierung vorbereitet werden. Das Ziel müsste sein, dass dies innerhalb eines Jahres soweit wäre, dass die „interne Akkreditierung“ an mindestens einem Studiengang erprobt werden könnte und wir den Antrag für die Systemakkreditierung stellen könnten. Erst mit diesem Antrag, übrigens, wenn also das von uns selbst aufgebaute Qualitätssicherungssystem feste Form gewonnen hat und für jeden erkennbar ist, was es bedeutet, würden wir uns formal auf die Systemakkreditierung festlegen.

Daniel Lehnert: Egal für welchen Weg wir uns entscheiden, wir brauchen ein gutes internes System, weil wir auch für die Reakkreditierung im Rahmen der Programmakkreditierung auf dieses angewiesen sind, wie wir bei der ersten Reakkreditierung, die bereits stattgefunden hat, gesehen haben. Wir haben jetzt damit angefangen, die Anforderungen systematisch zu erfassen und ein internes Qualitätssystem aufzubauen. Das, was wir jetzt schon parallel machen und gemacht haben, etwa der Aufbau eines Feedbackmanagements oder die Vorbereitung der geplanten Absolventenstudie, kann für beide Systeme verwendet werden.

FORUM: Inwiefern würden sich Veränderungen für die Fakultäten ergeben, falls die Entscheidung für die Systemakkreditierung fällt?

Daniel Lehnert: Die Fakultäten werden sowohl bei der Programm-, als auch bei der Systemakkreditierung einen bestimmten Arbeitsaufwand haben. Systemakkreditierung bedeutet dabei für sie nicht weniger Aufwand. Da im Rahmen der Systemakkreditierung von den Gutachtern einzelne Studiengänge rausgezogen und geprüft werden, müssen alle Studiengänge die Standards erfüllen.  Aber die Arbeit wird gleichmäßiger verteilt.

Dr. Simone Unger: Der Vorteil bei der Systemakkreditierung wäre, dass wir ein einheitliches System mit einheitlichen Qualitätsstandards an der gesamten Universität hätten. Hinzu kommt, dass die Fakultäten ihre Erfahrungen besser austauschen können, weil sie nicht mehr auf die unterschiedlichen Anforderungen verschiedener Agenturen eingehen müssen.

Prof. Puhl: Trotzdem bleibt auch bei der Systemakkreditierung die Autonomie der Fakultäten erhalten. Beispiel Fragebogen zur Lehrevaluation. Da gäbe es dann sicher ein Grundgerüst mit Fragen, aber die Fakultäten könnten es nach Bedarf anpassen und  spezifisch ergänzen. Unser Ziel ist nicht, vereinheitlichende Standards über alles zu walzen. Wir sind nicht bürokratiegläubig, sondern wollen ein laufendes System etablieren, das den Fakultäten ihre Freiräume lässt, hohe Standards unserer Studiengänge gewährleistet, dabei aber unsere Abhängigkeit von verschiedenen Agenturen stark reduziert und Autonomie an die Uni zurückholt.

Prof. Dr. Thomas Puhl ist Prorektor für Studium und Lehre an der Universität Mannheim und in dieser Funktion auch für die Akkreditierungen der Studiengänge verantwortlich.

Daniel Lehnert ist Mitarbeiter in der Stabsstelle Qualitätsmanagement und u.a. zuständig für die Programmakkreditierung und den Aufbau des Qualitätsmanagementsystems.

Dr. Simone Unger ist in der Stabsstelle Qualitätsmanagement u.a. verantwortlich für den Aufbau des Feedbackmanagements sowie des Qualitätsmanagementsystems. Vor ihrer Zeit an der Universität Mannheim war sie im Bereich „Akkreditierung“ für die Akkreditierungsagentur evalag tätig und betreute in dieser Funktion u.a. die Programmakkreditierung der Fakultät für Sozialwissenschaften an der Universität Mannheim. 

Weitere Informationen zum Thema „Akkreditierung“ finden Sie auf der Homepage der Stabsstelle Qualitätsmanagement.

Interview: Katja Hoffmann   I   Fotos: Stefanie Eichler und Laura Jugel    I   Mai 2014