MATEO-ICON U N D  SNG-ICON

Einführung zum Zeitraum 1750 - 1849

Professor Dr. Rolf Walter

Dieser Text ist durch den Autor urheberrechtlich geschützt und muß bei einer wissenschaftlichen Weiterverwendung wie folgt zitiert werden:
Walter, Rolf. "Einführung zum Zeitraum 1750 - 1849 der Bibliographie zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte des deutschen Südwestens 1750 - 1919." [http://www.uni-mannheim.de/mateo/hist/walter.htm]. Tag, Monat, Jahr Ihres Besuchs.

 I. AUS DEM PROJEKT DER ROBERT BOSCH STIFTUNG HERVORGEGANGENE ARBEITEN

Eines der größten Projekte, das bislang in Deutschland zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte einer Region durchgeführt wurde, ist das von der Robert Bosch Stiftung initiierte und geförderte, das inzwischen weitgehend abgeschlossen werden konnte. Soweit ich sehe, waren es bisher nur einige wenige Projektbearbeiter, deren Untersuchungszeitraum auf die Jahre 1800 bis 1850 zurückgeht. Im einzelnen handelt es sich um Gad Arnsberg, Vera Bloemer, Willi A. Boelcke, Reiner Flik, Andreas Gestrich, Helga Kees, Gert Kollmer, Frank Räth, Monika Richarz, Frieder Schmidt, Sylvia Schraut, Herbert Schwankl, Otto Windmüller und Rolf Walter. Das 18. Jahrhundert bearbeiteten bisher in diesem Rahmen nur Gert Kollmer, Willi A. Boelcke, Helga Kees, Reiner Flik, Renate Karoline Adler, Sabine Sander und Rolf Walter.

Gert Kollmer untersuchte die soziale Mobilität in der ständischen Gesellschaft am Beispiel der Familie Palm. Willi A. Boelcke analysierte die Wirtschaft Südwestdeutschlands in der Zeit des Spätmerkantilismus (1770 - 1780) und legte dazu eine Karte im Historischen Atlas von Baden-Württemberg vor. Ferner widmete er der Zeit des Merkantilismus einen Abschnitt in seiner südwestdeutschen Wirtschaftsgeschichte, die sich als Überblick eignet. Helga Kees' Arbeit über die Entwicklung der Manufaktur im badisch-pfälzischen Raum ordnet sich in die frühe Industriegeschichte ein. Reiner Fliks Dissertation gehört im Prinzip ebenfalls zum Typ der Vor- bzw. Frühindustrialisierungsstudien. Auch die Studie von Renate Karoline Adler gehört zum Rahmenthema "Industrialisierung und Sozialstrukturen" mit stärkerer Betonung des sozialhistorischen Aspekts. Nimmt man diese Arbeiten zusammen und sieht den Handel durch meine Studie als einigermaßen erschlossen an, so läßt sich feststellen, daß die meisten Punkte des ursprünglichen Gliederungsschemas noch weiße Flecken sind. Die Vorlesungsreihe "Wege in die Welt" schafft hier - was das 18. Jahrhundert anbelangt - nur teilweise Abhilfe durch die Beiträge von Otto Borst und Bernhard Kirchgässner. Borst beleuchtete die "Leitbilder und geistigen Antriebskräfte". Ihm ging es um die Verdeutlichung der Haltungen, der präindustriellen Vorübungen, der mentalen Eigenarten und Leitbilder und er fragte, inwieweit diese die Eigenart der württembergischen Industrie bestimmten. Für ihn unterliegt es keinem Zweifel, daß zwischen der Konfessions- und Industrialisierungskarte eindeutige Zusammenhänge bestehen. Kirchgässner, dessen Betrachtungszeitraum erst 1780 beginnt, wies auf die räumliche Zersplitterung und die Probleme hin, die diese mit sich brachte.

Man wird sicher feststellen dürfen, daß das 18. Jahrhundert sich bisher keiner besonders großen Aufmerksamkeit erfreute. Umso wichtiger erschien es mir, herauszufinden, inwieweit die in der Themenbeschreibung angeschnittenen Arbeitsfelder für das 18. Jahrhundert in der vorhandenen Forschungsliteratur Berücksichtigung fanden bzw. inwieweit hier noch deutliche "weiße Flecken" zu erkennen sind.

II. ZEITGENÖSSISCHE BESCHREIBUNGEN / REISEBÜCHER / INFORMATIONSQUELLEN

Wer zunächst einmal einfach Nachrichten über Württembergs Handel, Manufakturwesen, Kameral- und Polizeisachen sowie über Bergbau etc. für das mittlere 18. Jahrhundert sammeln möchte, könnte mit der Lektüre der "Schwäbischen Nachrichten" Johann Jacob Mosers von 1756 - 57 und seiner alphabetisch geordneten "Bibliothec" von 1758 beginnen und hätte damit bereits eine recht umfassende Vorstellung und Quellenbasis zur Weiterverfolgung seines wirtschaftshistorischen Gegenstands.

Wollte man nun die ökonomische Entwicklung südwestdeutscher Territorien mit anderen europäischen Gebieten vergleichen und darüber hinaus für die 1780er Jahre statistisch-empirisches Quellenmaterial erfassen wollen, wäre man bei August Friedrich Wilhelm Crome an der richtigen Adresse.

Die württembergische Landeskunde des frühen 19. Jahrhunderts ist wesentlich mit dem Namen Johann Daniel Georg von Memminger verbunden, der 1820 und 1841 umfassende Landesbeschreibungen erarbeitete. Memmingers Material wird ergänzt von Ludwig Voelter, Albert Fischer, der im übrigen auch Hohenzollern-Hechingen und Sigmaringen beschrieb, sowie von Karl August Zoller, der sich auf Stuttgart und Umgebung konzentrierte, Philipp Ludwig Adam (ebenfalls unter Einschluß von Hohenzollern) und Rudolph Moser. Sodann folgten die offiziellen Oberamts-Beschreibungen, auf die hier der Vollständigkeit halber einfach verwiesen werden soll.

Einen guten Überblick über das Vorhandensein, die Struktur, Verteilung bzw. Verbreitung von Gewerbe und Handel erhält man in den Adreßbüchern und Nachschlagewerken, die teilweise ganz Deutschland und sein ausländisches Umfeld oder einzelne Städte umfassen. Ein solches wurde 1811 von C. F. Schüßler für Stuttgart herausgegeben. Für Mannheim wäre das Adreßbuch von 1840 besonders hervorzuheben. Ganz Südwestdeutschland ist in dem Hand-Adressbuch von C. H. Setzer von 1826 enthalten. Frankfurt/M., Baden und Württemberg umfaßt ein Adreßbuch von 1837/38. Ebenfalls von Bedeutung sind in diesem Zusammenhang "Gewerbskalender" wie der badische von Wilhelm Ludwig Volz (1833 - 35) oder zeittypische "praktische Taschenbüchlein" über bestimmte Städte, z. B. über Karlsruhe 1842 mit einer Übersicht über die gewerbetreibenden Einwohner.

III. MERKANTILISTISCHE UND KAMERALISTISCHE LITERATUR

Bestimmte Teilregionen Badens und die Kurpfalz sind durch Dissertationen wirtschaftshistorisch erschlossen und der gesamte badische Raum ist schließlich durch die Arbeiten Wolfram Fischers umfassend untersucht worden.

In den 1760er Jahren machte man sich im Kreise der württembergischen Merkantilisten zunehmend Gedanken über die Anlegung weiterer Manufakturen und Fabriken und erhoffte sich davon entsprechende Wohlfahrtseffekte. Diesbezügliche konkrete Ratschläge stammen z. B. von Johann Friedrich Müller (1762).

IV. METROLOGISCHE WERKE

Eminent wichtig im Hinblick auf die Herstellung der Vergleichbarkeit von Münzen, Maßen und Gewichten sind die zeitgenössischen metrologischen Werke. Zusammenfassende regionenübergreifende Studien zur Raumwirtschaftsgeschichte wird man erst dann leisten können, wenn über die verwendeten Maße hinreichende Transparenz vorhanden ist. Für Württemberg wäre hier das "kurzgefaßte Weinrechenbüchlein" von Wilhelm Sebastian Jahn (1740, 2. Aufl. 1797) zu nennen. Besonders gefragt sind Maßbücher über die Schwellenzeit des frühen 19. Jahrhunderts, als die territoriale Flurbereinigung vielfach metrologische Änderungen mit sich brachte. Zu diesem Zweck konsultiere man für Württemberg Johann G. Böbel (1810) und die Tabellen von 1813 sowie für Baden das umfassende Tabellenwerk von 1812. Auch die folgende Zeit zollpolitischer und damit wirtschaftlicher Integration ordnet derlei Werken einen ganz besonderen Stellenwert zu. So übernahm z. B. das Fürstentum Hohenzollern-Sigmaringen 1820 das württembergische Fruchtmaß. Bei Vergleichsproblemen boten die "Reductions-Tabellen" Joseph Hiners praktische Hilfe.

Gleichermaßen wertvoll wie typisch für die Zeit des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts sind auch die Nachschlagewerke, in denen Geld- und Wechselkurse enthalten sind. Zu den bedeutendsten württembergischen gehört wohl das von Friedrich Andreas Braun von 1824/25, das u.a. die Geld- und Wechselkurse von 40 bedeutenden Handelsplätzen sowie ein alphabetisch geordnetes "Handlungs-Wörterbuch" enthält.

V. PRIMÄRER SEKTOR

V.1. Landwirtschaft

Wichtige Informationen über den Stand der badischen und württembergischen Landwirtschaft in der napoleonischen Zeit erhält man durch Joh. Dan. Alb. Hoeck.

Der Zustand fast sämtlicher landwirtschaftlicher Sparten Badens in den 1820er Jahren geht aus den von K. H. von Fahnenberg herausgegebenen "Verhandlungen" des badischen landwirtschaftlichen Vereins hervor.

Die württembergische Landwirtschaft im Spätmerkantilismus wurde 1767/68 vom Vater Friedrich Schillers, Johann Caspar Schiller, einer eingehenden Betrachtung unterzogen.

Die präziseste und "wissenschaftlichste" Untersuchung zum Agrarbereich des späten 18. Jahrhunderts entstand im Hohenlohischen und stammt aus der Feder des berühmten Pfarrers Johann Friedrich Mayer.

Den Zustand der württembergischen Landwirtschaft im späten 18. Jahrhundert mit zeittypischen Verbesserungsvorschlägen beschrieb Johann Gottlieb Steeb. Ab 1818 wurden die Annalen der Württembergischen Landwirtschaft herausgegeben und Carl Freiherr von Varnbüler sorgte für umfassende Information über die Förderung der württembergischen Landwirtschaft. Ab 1822 erschien das "Correspondenzblatt des Königlich Württembergischen Landwirtschaftlichen Vereins", das ebenfalls eine wichtige Quellenbasis zum Zustand der württembergischen Landwirtschaft in der Zeit der frühen Industrialisierung darstellt. Ab 1834 erschien ferner das "Wochenblatt für Land- und Hauswirtschaft" und in Baden wurde von 1833 an das "Badische Landwirtschaftliche Wochenblatt" herausgegeben. L. v. Babo gab in Heidelberg ab 1840 "Landwirtschaftliche Berichte" heraus, die dem Agrarhistoriker detaillierte Informationen vermitteln. Einen interessanten historischen Abriß über die Entwicklung der württembergischen Landwirtschaft enthält die Abhandlung von Karl Göriz von 1841. Er setzte sich insbesondere auch mit den Feldsystemen und Fruchtfolgen auseinander. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts versuchte Paul Sick, Formen und Erträge der Bodennutzung, der Viehwirtschaft, des Ackerbaus und der Obstzucht in vielen Tabellen und einigen Karten empirisch zu erfassen. Dieses Werk stellt eine wertvolle Bestandsaufnahme und eine gute Basis für die vergleichende agrarhistorische Forschung dar. Einen guten Überblick über die württembergische Landwirtschaft von 1760 bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts gibt Gustav Dehlinger.

Was die Tier- bzw. Viehhaltung und Tierzucht anbelangt, ist auf eine ganze Reihe von Abhandlungen zu den einzelnen Tierarten zu verweisen, so auf die für das württembergische Textilgewerbe wichtige Schaf-, die Rindvieh- und die Pferdezucht.

V.2. Forstwirtschaft

Ein weiterer wichtiger Wirtschaftsbereich des Primären Sektors war die Forstwirtschaft, besonders die des Schwarzwalds. Hier sei auf Wilhelm Heinrich Gwinners Abhandlung von 1833 verwiesen. Zur wichtigen Stellung Mannheims im Rahmen des südwestdeutschen Nutzholzhandels im 19. Jahrhunderts sei auf die Studie von Emil Wimmer verwiesen sowie für den badischen Schwarzwald auf die Heidelberger Dissertation von Wilhelm Werner Fuchs. Die Entwicklung der Forstwirtschaft im Fürstlich-Fürstenbergischen hat Erich Wohlfarth zusammengefaßt. Ein besonderes Problem stellte der Holzmangel des ausgehenden 18. Jahrhunderts dar. Dies wird von vielen zeitgenössischen Autoren behandelt, z. B. von Johann Heinrich Steeb (1798).

V.3. Weinbau

Der süddeutsche Weinbau und seine Erträge in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Untersuchungsgegenstand von Johann Philipp Bronner. Erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang auch die Wein-Chroniken von C.A. Closs, Karl Pfaff und J. Dornfeld.

V.4. Tabak

In Baden und in der Kurpfalz spielte der Tabakanbau, seine Verarbeitung und der Handel damit im 18. und 19. mit Anfängen im 17. Jahrhundert eine nicht unbeträchtliche Rolle. Unter den vielen Abhandlungen, die darüber vorliegen, sei jene von Ferdinand Schröder hervorgehoben.

V.5. Bergbau

Einen historischen Abriß zum badischen Bergbau bietet Otto Föhrenbach.

Das bedeutende württembergische Hüttenwerk Wasseralfingen, dessen Anfänge bis in die frühe Neuzeit zurückreichen, wurde 1896 von Julius Schall behandelt. Relativ ertragreich ist die Forschung über den (gesamtwirtschaftlich jedoch nicht sehr bedeutenden) württembergischen Kupfer- und Silbererzbergbau, nicht zuletzt durch die Dissertation von Mathilde Schnürlen. Dasselbe läßt sich über die Schwäbischen Eisenhüttenwerke sagen. Die daraus entstandene württembergische Eisenindustrie fand ein intensives Studium durch Gottfried Plumpe.

V.6. Salz

Zu den wichtigen Produkten des Primären Sektors gehörte auch das Salz, dessen Geschichte von Paul Neumann-Martell einer umfassenden Untersuchung unterzogen wurde. Daneben wären die Arbeiten von Karl Flaig, Paul Gehring, Werner Matti, Günter Schulz und Walter Carlé zu nennen. In jüngerer Zeit haben sich Günther Beck mit Wimpfen am Neckar und einige Autoren mit Schwäbisch Hall befaßt.

VI. INDUSTRIALISIERUNG UND SOZIALSTRUKTUREN

VI.1. Veränderungen der Sozialstrukturen durch die Industrialisierung (z. B. der Familien-, Gemeinde-, Siedlungsstrukturen; Einkommens- und Vermögensverhältnisse; sozialen und beruflichen Schichten; vertikalen und beruflichen Mobilität)

Dieses Forschungssegment ist in jüngerer Zeit neben deutschsprachigen durch eine Reihe fremdsprachiger Basisarbeiten bereichert worden. Stellvertretend sei hier das Werk von David Sabean genannt, der - auch methodisch Neuland erschließend - mit seiner Fallstudie über Neckarhausen die Zusammenhänge zwischen Besitz- und Sozialstrukturen im 18. und 19. Jahrhundert (bis 1870) analysierte und neue Ansätze moderner Sozialgeschichte aufzeigte.

Von Belang ist in diesem Zusammenhang auch die Studie von Maisch über die württembergischen Dörfer.

Die Agrar- und Erbverfassungen waren von ziemlicher Bedeutung für die Herausbildung der frühindustriellen Regionalstruktur. Insofern sind die Entwicklungen im 19. Jahrhundert nicht ohne Berücksichtigung der Verfassungen der früheren Jahrhunderte verständlich und so kommt Studien zu diesem Aspekt besondere Bedeutung zu. Hier verdient etwa die Arbeit von Albrecht Strobel zur Agrarverfassung des badischen Breisgaus in der Neuzeit Erwähnung.

Zu den gründlichsten Basis-Forschungsarbeiten der letzten Jahre zum Thema Agrarstruktur im 18. Jahrhundert gehört die Konstanzer Dissertation von Christhard Schrenk der den Hegau, genauer das Hegau- bzw. Hegauer Bodenseebecken, Parzelle für Parzelle untersuchte und zu bemerkenswerten Ergebnissen gelangte. So gelang es ihm, die Subsistenzgrenzen ziemlich genau zu bestimmen. Eine körperlich arbeitende erwachsene Person konnte ihren Getreidebedarf bei den im Hegau des 18. Jahrhunderts geltenden Abgabe- und Ertragsverhältnissen (ca. 8 dz Dinkel/ha) mit einem Hektar Ackerland decken. Die Subsistenzgrenze lag in den Ackerbaugemeinden bei mittleren Familiengrößen von 4,5 Personen unter Berücksichtigung des Nutzflächenquotienten bei etwa 6 ha landwirtschaftlicher Nutzfläche, im Rebland bei knapp einem Hektar. Von Interesse für die Handelsgeschichte ist Schrenks Erkenntnis, daß in den Orten mit stark präsenten Grundherren und der dortigen geringeren Bevölkerungsdichte eine wesentlich höhere Marktquote erzielt wurde als bei schwach präsenten Ortsherren, wo der Überschuß der großen Höfe überwiegend für den Verbrauch am Ort selbst benötigt wird. Infolgedessen sind an Orten mit stark präsenten Grundherren die Tendenzen zur Kommerzialisierung der Landwirtschaft erkennbarer ausgeprägt bzw. überhaupt vorhanden, als an Orten mit schwacher grundherrlicher Präsenz.

Während sich in Schrenks Arbeit Gründe für die Kommerzialisierung der Landwirtschaft nachweisen lassen, stellt eine andere Studie von Peter Bohl über das vorderösterreichische, realgeteilte, katholische Stockach im 17. und 18. Jahrhundert Indizien sicher, die auf die Richtigkeit von Schremmers These von der Territorialisierung des Gewerbes hindeuten. Während Bohl für die Stadt keinerlei Entwicklung einer Frühindustrialisierung im Gewerbesektor und der für sie typischen Berufe und Betriebe ausfindig machen konnte (was auch mit der Funktion Stockachs als Verwaltungszentrum zusammenhing) stellt er um 1800 eine erhebliche Zunahme der Handwerkstreibenden im Umland der Stadt fest. Bohls Dissertation bietet darüber hinaus wichtiges vitalstatistisches, finanzhistorisches und demographisches Material. Insbesondere wies er auch die durch die katholische Religion bestimmte Mentalität der Stockacher mit der Ablehnung empfängnisverhütender Mittel zur Geburtenkontrolle oder Familienplanung hin, die das demographische Verhalten grundsätzlich beeinflußten. Hier deutet sich ein sehr langes Verharren überkommener Strukturen an, wie sie in der bäuerlich vorindustriellen Gesellschaft üblich waren.

Eine andere Studie über "Die Transformation einer bäuerlichen Gesellschaft vor der Industrialisierung" wurde 1977 von Alfred Straub vorgelegt. Straub stellte im badischen Oberland nach 1734/35 eine Aufschwungsphase (günstige Absatzmöglichkeiten von Wein, Gartengewächsen, Vieh und Holz bei steigenden Preisen), eine Stabilisierung der agrarischen Produktion bei gleichzeitigem Bevölkerungswachstum fest. In der Teuerungsphase nach 1766 kam die physiokratische Wirtschaftspolitik zum Zuge mit dem Abbau feudaler Strukturen und der Einführung agrarischer Innovationen mit stärkerer Rentabilisierung bäuerlicher Betriebe auf Kosten unterbäuerlicher Familienwirtschaften. Die Voll- bzw. Zugbauern sowie die unterbäuerlichen Schichten der Reborte konnten sich nach 1766 stabilisieren, während die Einspänner und Taglöhner der Waldorte eine Verschlechterung ihrer ökonomischen Situation hinnehmen mußten (Proletarisierung). Die Wald- und Reborte entwickelten sich zunehmend ungleich, die regionalen Entwicklungsgefälle nahmen zu. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kam es zu ersten Ansätzen früher Industrialisierung im ländlichen Gebiet, wo das Arbeitskräfteangebot günstig war und die landesherrliche Wirtschaftspolitik Anreize bot. Die Abhängigkeit des markgräflichen Hinterlandes von der Stadt (v. a. Basel) nahm in der Aufschwungphase ab. Die Veränderungen der Situation in der Landwirtschaft führte zum Mentalitätenwandel, der regional (Wald- und Reborte) und soziale (Bauern und Taglöhner) unterschiedliche Ausprägungen erfuhr.

Daneben gibt es eine Reihe von Studien über gesellschaftliche Schichten, deren Rechte und soziale Entwicklung. Ein Beispiel hierfür ist der Aufsatz von Carl-Hans Hauptmeyer über die Gartenhäusler und Beisassen in Isny im 18. Jahrhundert. Es waren Bürger ohne Bürgerrecht, Minderbürger. Das Instrument des Beisitzes ermöglichte es der reformierten Stadt Isny, die Arbeitskräfte des katholischen Umlands zu nutzen, ohne diese Personen voll in die Stadt integrieren zu müssen. Sie besaßen Wohnerlaubnis, aber kein Recht auf Niederlassung.

Eine "Fallstudie" zur (vertikalen) sozialen Mobilität stammt von Gert Kollmer, der den Aufstieg einer bürgerlichen Familie (Palm) aus der württembergisch-reichsstädtischen Oberschicht bis in die gesellschaftliche Spitzengruppe des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation am Ende des 18. Jahrhunderts nachzeichnete. Im übrigen ist hier an seinen Beitrag über die wirtschaftliche und soziale Lage der Reichsritterschaft in den Ritterkantonen Neckar-Schwarzwald und Kocher zu erinnern.

Jüngere Forschungen ergaben, daß die bislang übliche Zweiteilung in zünftige und nichtzünftige Berufe nicht differenziert genug war. So plädierte Schremmer beispielsweise für die Unterscheidung von zunftfreien Professionisten, die in Berufskonferenz mit den Zünften stehen, und in solche, die ihre Berufe zunftfrei und ohne Konkurrenz mit den Zünftlern ausüben. Die nichtzünftigen Professionisten in Berufskonkurrenz mit den Zünftlern erscheinen nach den ... Merkmalen Betriebsgröße und Nachwuchsausbildung als die wirtschaftlich schwächste Gruppe unter den Gewerbetreibenden, die zunftfreien Gewerbetreibenden ohne Zunftkonkurrenz als die stärkste. (S. 63)

Während Arbeiten über die soziale Mobilität im 18. Jahrhundert insgesamt rar sind, ist das 19. Jahrhundert relativ gut erforscht. Hier kann Peter Borscheids Arbeit über die soziale Lage und Mobilität der Textilarbeiterschaft oder die Forschungen über die badischen Tabakarbeiter von Clemens Zimmermann hervorgehoben werden.

Es fehlt auch nicht an Studien über einzelne Berufsgruppen, deren sich die Eliteforschung im allgemeinen annimmt. So gibt es von Friedrich Wintterlin einen älteren Beitrag über die Geschichte des herzoglich württembergischen Kommerzienrats. Auch die zwischen Politik und Wirtschaft angesiedelten Berufsgruppen blieben nicht unbearbeitet, so etwa die württembergischen Konsuln, derer sich Günter Cordes annahm. Schließlich fehlt freilich auch die Gruppe der Beamten nicht. Die Entstehung des Berufsbeamtentums in Bayern und Württemberg zwischen 1780 und 1825 hat Bernd Wunder nachgezeichnet. Eine ähnliche Arbeit über die Rheinbundstaaten fügte er später hinzu.

VI.2. Wechselwirkungen zwischen dem Entstehen neuer Fabriken und der Land-Stadt-Wanderung

In Südwestdeutschland waren nur wenige Regionen gewerblich so überdurchschnittlich stark ausgeprägt, als daß sich aus dieser Situation starke Migrationen ergeben hätten. In den gewerbeträchtigsten Gebieten läßt sich allerdings ein überdurchschnittlicher Bevölkerungszuwachs feststellen. So kam Walter Troeltsch in seiner Studie über die Calwer Zeughandlungskompanie zu dem Ergebnis, dass im Lauf des 18. Jahrhunderts die Bevölkerung des Nagoldthals und der nächsten Umgebung in stärkerem Mass gewachsen ist, als im Durchschnitt des Herzogtums. (S. 412f.) Die Stadt Calw war der einzige Ort des Bezirks, der auf die Dauer eine Anziehungskraft für Erwerbslustige übte. Die deutliche Abschwächung seit 1785 ist durch die allgemeine geschäftliche Krisis zu erklären. Von wenigen grösseren oder industriereichen Städten, wie Stuttgart, Göppingen, Ebingen etc. abgesehen, haben die Städte keineswegs in der Regel eine gleiche Anziehungskraft bewahrt. Dies gilt z. B. von Nagold, von Urach, wie überhaupt von den kleineren Amts- und Landstädten, auch in Ludwigsburg ist sie nur soweit zu beobachten, als der Stadt gleichzeitig die herzogliche Gnadensonne leuchtete. Ein Beweis dafür ist auch in der schon früher ... hervorgehobenen Thatsache zu finden, dass sich die städtische Bevölkerung im 19. Jahrhundert nicht in stärkerem Masse als die ländliche anhäufte. (S. 428) Troeltsch gelangt insgesamt zu der Feststellung, daß das Gewerbe - in seinem Fall die Zeugmacherei - erstens keinen einheitlichen und zweitens generell einen nur geringen Einfluß auf den Ab- und Zuzug der Bevölkerung ausübte. Als entscheidender sah er Faktoren an, wie die Leichtigkeit des Landerwerbs, den Handwerks- und Gewerbebesatz, die Möglichkeiten des Nebenerwerbs und die Haltung der Ortsbehörden.

VI.3. Zusammenhänge zwischen wellenartig verlaufenden Auswanderungsbewegungen, der Wirtschaftsstruktur des Raumes und agrar- und industriewirtschaftlichen Konjunkturverläufen

Ein methodisch-theoretischer, ja formelhafter Ansatz zur Erforschung des Agrarsektors, der die Scherenanalyse (Abel etc.) mit einer Analyse der Hofgrößen- und Einkommensbeziehertypenstruktur zu verknüpfen versuchte und damit eine Methode bot, die sich verändernde Agrarstruktur als Bestimmungsfaktor der Agrarkonjunktur zu berücksichtigen, stammt von Hubert Freiburg und wird hier erwähnt, obwohl darin kein spezieller Bezug zu Südwestdeutschland enthalten ist. Freiburg weist jedoch einen theoretisch-modellhaften oder methodischen Weg, der gerade auf die vielen gewerblich territorialisierten Landregionen Südwestdeutschlands trefflich anwendbar ist.

Immer wieder begegnet der Historiker Zusammenhängen zwischen Formen der Grundherrschaft und des Erbrechts und im Falle der Realteilungsgebiete der durch höheren Bevölkerungsdruck und Gewerbeübersättigung verursachten erhöhten Neigung zur Auswanderung.

Das Thema "Süddeutsche Grundherrschaft in der Agrarkonjunktur des 18. Jahrhunderts" wurde in hervorhebenswerter Weise von Peter Scherer bearbeitet, wobei hier wesentliche Aspekte seiner umfassenden Abhandlung über das Reichsstift und Gotteshaus aufgegriffen werden. Seine Studie bezieht sich auf die Grundherrschaft Weingarten, die 1803 1100 Betriebe und 5800 Menschen umfaßte. Er weist auf den engen Zusammenhang zwischen dem Schweizer Handel und der Agrarkonjunktur in Weingarten hin und vergleicht die Rolle Oberschwabens mit der des europäischen Ostens und die der Schweiz mit der des industrialisierten Westens. Er hebt ferner die im Vergleich zur Schweiz niedrige Geburtenrate hervor und schreibt weiter: Das faktische Anerbenrecht hat noch bis ins 20. Jahrhundert hinein den Geburtenüberschuß niedrig gehalten. Das Heiratsalter lag wohl allgemein hoch, und jüngere Geschwister hatten oft keine Möglichkeit, einen Hausstand zu gründen. So kommt es, daß dieses Land trotz seiner geringen Bevölkerungsdichte und relativen Fruchtbarkeit Auswanderer nach den österreichischen Donaulanden stellte, ein Umstand, der immer wieder Verwunderung hervorgerufen hat. (S. 2) Wenn Scherer weiter betont: Vor dem fast immobilen Oberschwaben lag ... ein mächtig expandierender Markt (Schweiz, R. W.), dessen Nachfrage den Preis bis tief in das Land hinein bestimmte (S. 2), so sollte uns diese Erkenntnis davon abhalten, Wirtschaftsgeschichte innerhalb der politischen Grenzen sehen zu wollen. Oberschwaben konnte sich kaum gegen den importierten Preisauftrieb schützen. Die Agrar-, Konjunktur- und Preisgeschichte des nördlichen Bodenseeraumes und somit auch ein wichtiger Teil der Sozialgeschichte, der von der Agrarkonjunktur nicht zu trennen ist, kann man nur im interterritorialen Zusammenhang mit der Schweiz verstehen. Diese Erkenntnis wird durch Frank Göttmanns Habilitationsschrift vielfach untermauert. Scherer stellte eine Interessendivergenz zwischen produktionsorientierten Grundherrschaften und konsumorientierten Stadtherrschaften fest. Das Verbot des Mühlkaufs, d. h. des Direktkaufs von Getreide beim Erzeuger, benachteiligte z. B. die Herrschaften ohne Marktstätten: Die handelsbegünstigende Politik des Reichsstifts war der Stadt ein beständiger Alptraum. (S. 2)

Weingarten kann als "Fallstudie" für ein Anerbengebiet aufgefaßt werden. Der größte Teil der oberschwäbischen Bauern trug im 18. Jahrhundert die Güter vom Stift zu Lehen, freies Eigen war selten. Das Fallehen dominierte gegenüber dem Erblehen. In der Regel heiratete nur der älteste Sohn und die jüngeren Geschwister dienten ihm als dem "Hofbauern". Die Stiftsverwaltung unterschied drei Betriebstypen: Hof, Gut und Selde. 1740 waren von den 1100 erfaßten Betrieben 68 % Hof, 15 % Gut und 17 % Selde. "Hof" und "Gut" kennzeichneten verschiedene Betriebsgrößen. 1750 umfaßten über ein Drittel der Betriebe weniger als 10 ha (davon wiederum 2/3 unter 5 ha und damit unterhalb der Existenzgrenze), knapp die Hälfte weniger als 30 ha und nur ein Fünftel war über 30 ha groß (Scherer, S.3). Eine Nutzfläche von 8 ha wurde als absolutes Minimum für einen Betrieb angesehen. Den vielen Seldnern und Beisitzern, die unter diesen Umständen auswanderten, wozu Betriebszusammenlegungen zusätzlich beitrugen, standen saisonale Einwanderer für die Sommermonate gegenüber. Sog. "Schwabenkinder" kamen aus dem Montafon, aus den westtiroler Realteilungsgebieten und aus den Hochgebirgstälern am Arl zunächst ins vorderösterreichische Tettnang, dann nach Ravensburg (auf die sog. Kindermärkte, die gegenüber den einheimischen Kindern den Vorteil hatten, daß man sie nicht zur Schule schicken mußte), dann nach Weingarten und schließlich nach Waldsee. Ihre Entlohnung blieb am Ende des 18. Jahrhunderts bei steigenden Getreidepreisen gleich, d. h. der Reallohn sank.

Eine zusammenfassende Preisgeschichte gehört zu den auffälligsten Desideraten der südwestdeutschen Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Umso wertvoller sind einzelne Darstellungen mit Zahlenreihen lokalen Bezugs wie jene von Heinrich Titot für Heilbronn. Zu konsultieren wäre auch François-Georges Dreyfus' Beitrag über die Preisbewegungen im Oberrheingebiet im 18. Jahrhundert. Eine vergleichende Studie "Agrarpreise und Agrarkonjunktur am Bodensee 1794 - 1834" (Preise am Bodensee im Vergleich mit anderen Regionen) stammt von Wilfried Danner, wobei sich der Verfasser hier besonders der Agrarkrise in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts zuwendet. Jahresdurchschnittspreise für Dinkel und Gerste auf dem Esslinger Wochenmarkt 1826 - 1890 enthält die vorzügliche Studie Peter Borscheids über die Vermögensentwicklung und Vermögensverteilung im Großraum Stuttgart. Preisreihen für das badische Oberland sind dem Werk von Alfred Straub zu entnehmen.

Zu den Basisarbeiten der württembergischen Lohngeschichte gehört Hermann Loschs Abhandlung. Unter den jüngeren Studien können jene Wolfgang von Hippels über das Königreich Württemberg 1815 - 1865 mit einigem Gewinn konsultiert werden. Methodisch richtungsweisend ist in diesem Zusammenhang ein Beitrag von Eckart Schremmer über das Agrareinkommen und die Belastung der bäuerlichen Haushalte in der zweiten Hälfte des 18. und im 19. Jahrhundert am Beispiel der Gemeinde Ossweil (Kreis Ludwigsburg).

Die Frage nach Verlauf, Ausmaß, Struktur und Motiven der Auswanderung aus Württemberg wurde bisher in umfassendster Weise von Wolfgang von Hippel für das 18. und 19. Jahrhundert behandelt. Eine nach Umfang und Qualität adäquate Studie fehlt für Baden und die übrigen Territorien. In v. Hippels Arbeit erfährt auch die Demographie Württembergs eine eingehende Behandlung, wobei hierzu bereits von Troeltsch gut vorgearbeitet wurde. W. v. Hippels Bestandsaufnahme für das 18. Jahrhundert ergab, daß eine Wanderungsbilanz als Differenz zwischen Geborenenüberschuß und tatsächlichem Bevölkerungsverlauf nicht durchgehend, sondern nur für die Jahre 1751/55, 1757/61, 1795/99 und 1800/01 zuverlässig festgestellt werden kann (S. 27). Er kam zu der Feststellung, daß das Bevölkerungswachstum im Herzogtum trotz beachtlicher Emigration bemerkenswert hoch blieb (S. 29). Im Gegensatz zum 19. Jahrhundert waren Familien- und Gruppenwanderungen von Nachbarschaften die Regel (S. 46). Dabei überwogen die "Push"-Effekte bis um die Mitte des 19. Jh. die "Pull"-Effekte, d. h. daß überwiegend materielle Not im Ursprungsland die Massenauswanderung prägte (S. 115), was im übrigen auch für die englische Auswanderung festgestellt wurde. Die Studie bietet auch wichtige methodische Hinweise, etwa durch die tabellarische Erfassung der auswanderungsfördernden und auswanderungshemmenden Faktoren (S. 124). Reale und psychologische Faktoren wirkten zusammen, die "Wanderungsschwelle" wurde u.a. durch die Qualität der verfügbaren Verkehrsverbindungen bestimmt. Die "Kettenwanderung" (von Verwandten, Nachbarn und Freunden) verminderte entscheidend die "soziale Entfernung" zwischen Ursprungs- und Zielgebiet und damit die "psychischen Kosten" der Emigration (S. 127f.). Von größter Bedeutung sind v. Hippels Ergebnisse im Sinne der Überschrift, also in Hinblick auf den Zusammenhang zwischen Lebensmittelpreisentwicklung (Getreidepreise, insbesondere Dinkel) und Auswanderungsintensität. Seine Korrelationsanalyse ergab, daß der Zusammenhang (1813 - 1840) hochsignifikant war und in der zweiten Hälfte des 19. Jh. langsam abnahm (S. 148-151).

Erste umfangreichere Abhandlungen über die Auswanderung aus Württemberg entstanden bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts, wobei jene von Georg Christian Heinrich Bunz von 1796 hervorgehoben sei. Die Auswanderung von Schwaben nach Rußland war schon 1828 Gegenstand einer Schrift von Georg Leibbrandt. Vergleiche hierzu auch die Tübinger Dissertation von Heinz H. Becker. Die württembergische Emigration nach Westpreussen und in den Netzegau 1776 - 1786 ist Gegenstand einer Untersuchung von Max Miller.

Eingehende Auswanderungsstudien über Baden wurden von Eugen v. Philippovich betrieben.

Für die Pfalz sei auf die Arbeit von Daniel Häberle verwiesen. Sie wird jedoch von jüngeren Studien Sigrid Faltins und J. Heinz' bei weitem übertroffen, so daß mittlerweile die pfälzische Auswanderung als recht gut untersucht gelten darf.

Mit der Auswanderung aus dem Hochstift Speyer sowie aus Hohenzollern und vom oberen Neckar nach Südosteuropa befaßte sich in mehreren Beiträgen bzw. Monographien Werner Hacker. Derselbe Autor setzte sich intensiv mit der Emigration aus dem nördlichen Bodenseeraum, dem südöstlichen Schwarzwald und Oberschwaben auseinander. Die südwestdeutsche Massenwanderung nach Nordamerika ist Gegenstand einer Untersuchung von Gerhard P. Bassler.

Eine der umfassendsten Studien zum Thema Auswanderung nach Amerika 1816/17 erstellte Günter Moltmann in Verbindung mit Ingrid Schöberl. Methodisch außerordentlich wertvoll und sehr tiefgreifend ist die Untersuchung von Wolfgang v. Hippel über die Auswanderung aus Württemberg nach den USA im Zeitalter des Pauperismus. Eine weitere Studie von v. Hippel über die württembergischen Auswanderung und Auswanderungspolitik berücksichtigt darüber hinaus auch das 18. Jahrhundert. Interessant sind auch der Artikel und die Karten zur südwestdeutschen Auswanderung 1683 - 1811 von Arnold Scheuerbrandt im Historischen Atlas von Baden-Württemberg.

Insgesamt läßt sich sagen, daß das Thema "Wirtschaftsstruktur und Auswanderungsbewegung" für Württemberg im 18. und 19. Jahrhundert ziemlich erschöpfend behandelt ist, wenn man zudem noch v. Hippels weitere Arbeiten berücksichtigt.

VI.4. Auswirkungen der Industrialisierung im ländlichen Raum (z. B. Entstehen landwirtschaftlicher Zu- und Nebenerwerbsbetriebe)

In diesem Zusammenhang kann vielleicht an Schremmers These erinnert werden, daß die Ausgestaltung des Katastersteuerwesens in Württemberg zu einer Prämierung von Handwerksbetrieben auf dem flachen Land führte. Das Thema hat unter dem Begriff Protoindustrialisierung eine lange Diskussion nach sich gezogen. Die Stichworte "Reagrarisierung", "Kommerzialisierung" und Schremmers "Territorialisierung des Gewerbes" (Standort, Streuung, Dichte, Vielfalt), "Intensivierung des Gewerbes" (Umsätze, Einkommen, Beiträge zum Sozialprodukt) stehen für ganze Forschungskomplexe, die in diesem Zusammenhang durchgeführt wurden. Die Territorialisierung des Gewerbes wurde (nach Schremmer) von der Gruppe der formal selbständigen Handwerker und den überwiegend kleinbäuerlichen Bevölkerungsschichten mit einem gewerblichen Neben- und Zuerwerb getragen und dauerte bis in das 19. Jahrhundert hinein an. Daß die Frage "Zu wenig städtisches und zu viel ländliches Gewerbe" (z. B. in Baden um 1790) vom Landesherrn ausgangs des 18. Jahrhunderts aufgegriffen wurde, darauf hat ebenfalls Eckart Schremmer jüngst hingewiesen. Das Hofratskollegium wandte sich in seiner gutachterlichen Stellungnahme dagegen, das (Land-) Handwerk gesetzlich verbieten zu lassen, auch wenn das Verhältnis zwischen der Zahl der Gewerbetreibenden und der inländischen Bevölkerung bei einigen Berufen, die nur für den Inlandskonsum arbeiteten, damals als zu hoch angesehen wurde (S. 324).

In diesem Zusammenhang und mit Bezug auf Württemberg ist G. Stockmanns Versuch zu sehen, Nebenberuflichkeit und Nebenerwerbe als wichtige Elemente des "Scharniers" zwischen Landwirtschaft und Gewerbe, Stadt und Land (auch formal) besser faßbar zu machen.

VI.5. Handwerk, Gewerbe, Industrialisierung und/oder Konjunkturschwankungen

Für den Bereich des Handwerks und der frühen Industrie liegt mit Bezug auf Südwestdeutschland bereits ein umfassender Literaturbericht von Peter Assion (Herausgeber), Wolfgang Mermann (Mitarbeiter) und Heinz Plempe (Mitarbeiter) aus dem Jahre 1978 vor, der 2099 Titel unter 32 systematischen Punkten erfaßte. Auf ihn sei hier ausdrücklich verwiesen. Die einschlägigen Arbeiten von Eckart Schremmer, Otto Windmüller, Klaus Megerle und Willi A. Boelcke wären darüber hinaus zu berücksichtigen.

Glashütten

Die Entstehung und Entwicklung der Glashütten in Württemberg und Hohenzollern seit dem späten Mittelalter hat Karl Greiner nachgezeichnet. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang die Hamburger Dissertation von Gabriele Wohlauf, die u.a. einen Vergleich der Spiegelhütte Spiegelberg (Württemberg) mit der Spiegelglasmanufaktur Grünenplan im 18. Jahrhundert beinhaltet.

Porzellan/Fayencen

Die Porzellan- und Fayenceherstellung in Manufakturen spielte im 18. Jahrhundert in Baden und Württemberg an einigen Orten eine bedeutende Rolle. Bekannt sind die Produkte der Ludwigsburger Porzellanmanufaktur sowie jene der Fayence-Fabriken in Durlach, Mosbach, Frankenthal, Karlsruhe, Dautenstein und Crailsheim. Von Bedeutung waren auch Schrezheim und Mergentheim.

Papier

Die Entwicklung der württembergischen Papierfabrikation unter Berücksichtigung der dazugehörigen Rohstoffwirtschaft behandelte Otto Kempter in einer Tübinger Dissertation von 1921. Am eingehendsten setzten sich später Lore Sporhan-Krempel und Frieder Schmidt mit dieser Materie auseinander.

Textil: Allgemein

Eine vorzügliche Abhandlung über die Anfänge der württembergischen Textilindustrie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stellt die Hamburger Dissertation von Friedrich-Franz Wauschkuhn dar. Die Gründe für die relative Rückständigkeit der süddeutschen Textilindustrie wurden von E. Schremmer aufgezeigt. Da weite Teile der Textilindustrie auch von jüdischen Unternehmern geprägt waren, gewinnt das von Jacob und Eva Ch. Toury zusammen mit Peter Zimmermann verfaßte Werk einen besonderen Stellenwert. Das wichtige Kapitel der Finanzierung der südwestdeutschen Textilindustrie wurde von G. Kollmer aufgeschlagen. Reiner Flik untersucht im Rahmen seiner vorzüglichen Tübinger Dissertation von 1988 zwei der bedeutendsten frühindustriellen Textilzentren Württembergs vergleichend und analysiert dabei die unterschiedlichen Standortfaktoren wirtschaftstheoretisch.

Seide

Im Rahmen der "Industriepolitik" des Merkantilismus besaßen gewisse Luxustextilien einen besonderen Stellenwert. Dazu gehört beispielsweise die Seide, die man allenthalben durch die Pflanzung von Maulbeerbäumen zu gewinnen suchte, jedoch selten mit wirtschaftlichem Erfolg.

Leinen

Eines der wichtigsten Zentren der traditionellen Leinenweberei in Württemberg war Laichingen, worüber Karl Sasse eine Dissertation verfaßte. Leinenproduktion, -gewerbe und -handel im württembergischen Oberamt Urach im 18. Jahrhundert wurden von Hans Medick eingehend untersucht.

Baumwolle

Die Entstehung und Entwicklung der badischen Baumwollindustrie wurde von Heinrich Schützger in einer Tübinger Dissertation erforscht. Wertvoll ist in diesem Zusammenhang auch die Frankfurter Dissertation von Bruno Ruf. Die Verflechtungsbeziehungen der frühen badischen Baumwollindustrie mit dem Elsaß und der Schweiz thematisiert Erwin Teufel in seiner Innsbrucker Dissertation. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Göttinger Dissertation von Liselotte Dedi. Die pfälzische Baumwollindustrie behandelte Otto Weingarth in seiner Heidelberger Dissertation. Eine gute Arbeit zur Kaiserslauterer Textilindustrie seit dem 18. Jahrhunderts stammt von Willy Freitag.

Wolle

Geradezu einen wirtschaftshistorischen "Klassiker" stellt das Werk von Walter Troeltsch über die Calwer Zeughandelskompagnie dar.

Das bedeutende kurpfälzische Wollgewerbe wurde 1931 durch Ludwig Ziehner einer eingehenden wissenschaftlichen Untersuchung unterzogen.

Eine grundlegende Arbeit zum frühen badischen Wolle- und Zeughandlungsgewerbe im 18. Jahrhundert ist die Heidelberger Dissertation von Horst Zuber.

Kunsthandwerk und -gewerbe

Einen guten Einblick in die Entwicklung des Kunstgewerbes erhält man durch die Darstellung von Paul Gerstner zur Pforzheimer Bijouterie-Industrie (1767 - 1907) sowie durch das jüngere Werk von Erich Maschke (Hg.) und Hans-Joachim Hamann aus dem Jahr 1971, das ebenfalls die Schmuck- und Uhrenindustrie Pforzheims zum Gegenstand hat. Unlängst befaßte sich Wolfgang Pieper mit demselben Thema. Eine umfassende Darstellung erfuhr die Uhrmacherei ferner durch das zweibändige Werk von Gerd Bender.

Metallverarbeitung

Ein anschauliches Beispiel der frühen Entwicklung des metallverarbeitenden Gewerbes in Württemberg bietet Adolf Reile mit seiner Geschichte der Sensenfabrik Neuenbürg.

Zu den Regionen, über die wir wirtschafts-, insbesondere gewerbe- und industriehistorisch sehr gut unterrichtet sind, gehören der Schwarzwald und das Bodenseegebiet. Die erste Industrie- und Verkehrsgeschichte des Schwarzwalds stammt von Markus Fidelis Jäck, dargestellt in fünf Teilen in einem zeitgenössischen Magazin 1810 - 1814. Auf ihn stützen sich viele der späteren Autoren. Johann Baptist Trenkle und Eberhard Gothein erweiterten und vertieften im 19. Jahrhundert den Kenntnisstand über die "Protoindustrialisierung" des Schwarzwalds vor 1850. Zum Manufakturwesen Württembergs in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zieht man am besten die Tübinger Dissertation von Gerhard Krauter zu Rate. Eine neuere Mannheimer Dissertation von Jürgen Gysin kann als inhaltliche und chronologische Fortsetzung von Krauters Werk angesehen werden.

Eine Vorstellung von den Intentionen des württembergischen Merkantilismus bzw. Kameralismus geben die verschiedenen "Probschriften", also akademische Verteidigungsschriften ähnlich heutigen Dissertationen. Zu nennen wäre hier die von Ferdinand Friderich Pfeiffer zum Thema "Luxus" von 1779.

Die Agrar- und Wirtschaftsverhältnisse des Fürstentums Hohenlohe im 18. Jahrhundert wurden eingehend von Helmut Weik untersucht.

Wichtige Informationen über die Frühindustrialisierung Württembergs erhält man durch verschiedene, wiederum zeittypische "geographisch-statistisch-topographische" Landesbeschreibungen, die in der Regel sehr detailliert Auskunft über frühe Gewerbeansiedlungen, die Landwirtschaft sowie über die infrastrukturellen Bedingungen der einzelnen Regionen geben. Für Württemberg wäre hier insbesondere auf Philipp Ludwig Hermann Röder zu verweisen. In diesem Zusammenhang sind auch Abhandlungen in Form von "Miscellen" zu nennen, wie etwa die von August Ludwig Bilfinger von 1808, der interessante Daten zur Bevölkerungsentwicklung und zum Handel zu entnehmen sind. Die gewerblich-industrielle Situation Württembergs vor dem Zollverein wird am besten von Moriz Mohl wiedergegeben.

Neuere Arbeiten zur Industriegeschichte Württembergs im 19. Jahrhundert stammen von Klaus Megerle, Hubert Kiesewetter, Reiner Flik und Gert Kollmer.

Die Wirtschafts- und Sozialstruktur Hohenzollerns im 19. Jahrhundert ist Gegenstand der Tübinger Dissertation von Uwe Ziegler.

Für Baden begann eine systematische Industrialisierungsforschung mit Wolfram Fischers bedeutenden Beiträgen und Monographien. Der Schwerpunkt der Forschungen liegt hier - wie auch in den anderen Regionen - inzwischen stärker in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wobei die vorindustriellen Voraussetzungen noch nicht flächendeckend systematisch erarbeitet sind.

Selten beleuchtet wird der Zusammenhang zwischen Innovationen und Industrialisierung in der Art, wie dies Gottfried Plumpe tat. Die Tatsache, daß Württemberg sehr lange relativ stark agrarisch strukturiert war, darf nicht generell zu dem Urteil verleiten, es sei in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts rückständig gewesen. Für die mit Blick auf die "Industrielle Revolution" als "take-off"-Sektor wesentliche Eisenindustrie hat Plumpe nachgewiesen, daß dieser Sektor in Württemberg in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als technisch sehr dynamisch im deutschen und sogar mitteleuropäischen Maßstab anzusehen war, auch wenn wirtschaftlich (marktmäßig) nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden konnten (S. 154). Innovative Bedeutung - im Sinne Schumpeters heißt dies Erfindung und Durchsetzung am Markt - hatte etwa die Winderhitzung. Der externe Effekt, d. h. der Nutzen, den andere von den württembergischen Innovationen (z. B. Puddelverfahren auf der Grundlage alternativer Feuerungstechniken) hatten, war größer als der interne Nutzen. Immerhin weist dies auf die Exportmöglichkeit von Know-how hin und widerspräche wenigstens partiell der These von der technologischen Rückständigkeit (so es sie dann gäbe). Ein Wachstum der Eisenindustrie war nur bei Brenneinsparungen durch Verfahrensverbesserungen und technische Neuerungen möglich ... Die beiden wichtigsten Neuerungen waren die Benutzung der Gichtflamme der Hochöfen zur Heizung des Gebläsewindes und die Verwendung der Gichtgase als Brennstoff in Flammöfen zur Schmiedeeisenherstellung. Diese Neuerungen erlangten weit über Württemberg hinaus Bedeutung für die gesamte Eisenindustrie und waren darüber hinaus ein Grundstein für die Entwicklung der Metallurgie. (S. 132)

Die Heidelberger Dissertation von Hans Loreth versucht, mit volkswirtschaftlicher Methodik das Wachstum der württembergischen Wirtschaft nach 1818 zu ergründen.

Eine Spezialarbeit zur Krisen- und Konjunkturgeschichte Südwestdeutschlands steht noch aus.

VII. INFRASTRUKTUR UND WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG

VII.1. Infrastruktur - Grundlageninvestitionen

Dank der Heidelberger Dissertation Wolf-Rüdiger Otts von 1971 sind wir über die materielle Infrastruktur Württembergs in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts detailliert unterrichtet. Otts Analyse des Interdependenzverhältnisses zwischen Grundlageninvestitionen und Industrialisierung zeitigte wichtige Ergebnisse zu der Frage, ob die Industrialisierung infolge der Durchführung von Grundlageninvestitionen erst ermöglicht wurde oder, ob umgekehrt, die Industrialisierung den Anstoß zur Vornahme von Grundlageninvestitionen gegeben hat. Dies muß nach seinen Forschungen zu urteilen für die sechs von ihm untersuchten Infrastrukturbereiche gesondert beantwortet werden.

VII.2. Verkehr und Kommunikationssystem

Wichtige Beiträge zum Thema Verkehr 1750 - 1850 enthält der Historische Atlas von Baden-Württemberg, wobei hier neben den Karten (50x50 cm !) vor allem die erläuternden Beiträge von Ute Feyer von Interesse sind.

Im übrigen sind zu Württemberg die Arbeiten von Hans-Martin Haefelin, Karl Pfaff, Rolf Walter und Friedrich Haaß weiterführend. Was die Einordnung in das verkehrsmäßige Umfeld anbelangt, ist auf A. Härry (Schweiz) und Franz Joseph Baer (Baden) zu verweisen.

Was schließlich das Postwesen anbelangt, sei die in den 50er Jahren von Hermann Wolpert erstellte Bibliographie der württembergischen Postgeschichte hervorgehoben. Das Postwesen gehört zu den am besten erforschten Bereichen der Geschichtswissenschaft.

VII.3. Energiewirtschaft

Die Energiewirtschaft des deutschen Südwestens war Gegenstand eines breit angelegten Forschungsprojekts von Hugo Ott in Freiburg, das sich jedoch wesentlich außerhalb des hier zu betrachtenden Zeitraums bewegte. Im übrigen ist darauf hinzuweisen, daß sich zuweilen in Arbeiten historisch orientierter Wirtschaftsgeographen Ausführungen zu dieser Thematik finden lassen.

VII.4. Rechtssicherheit und Patentwesen

Eine interessante und eine der wenigen Fallstudien zu diesem Thema bietet die Diplomarbeit von Michael Rauck über den badischen Unternehmer und Erfinder Karl Friedrich Christian Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn (1785 - 1851), den bekannten Erfinder des Laufrads und der Draisine.

Den Patenten gingen sog. Privilegien voraus, die den Charakter eines Gnadenaktes des Landesherrn hatten und mehr oder weniger willkürlich vergeben wurden. Während England bereits 1624, Frankreich 1791 und Preußen als erstes deutsches Land 1815 Patentgesetze und Verordnungen erließ, folgte Baden 1842 einer Übereinkunft der Zollvereinsstaaten, die den Rahmen gesetzlicher Regelungen absteckte, und erließ 1845 ein eigenes Patentgesetz. Besonders mit Blick auf die vielen Kleinstaaten Mitteleuropas waren Erfindungspatente, die (wenn überhaupt) auf die Fabrikation und nicht auf den Gebrauch einer Erfindung gegeben wurden, nicht sehr wirkungsvoll. So konnte das patentgeschützte Objekt immer noch im Nachbarland produziert und dann in ein anderes Land eingeführt werden. Das Privileg, das Drais 1818 auf sein Laufrad bekam, wurde auf seine Anregung hin ausdrücklich auf den Gebrauch gegeben.

VIII. WIRTSCHAFTSPOLITIK, ÖFFENTLICHE FINANZWIRTSCHAFT UND WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG

Die Wirtschaftspolitik des ersten württembergischen Königs, Friedrich I., ist Gegenstand der Tübinger Dissertation von Joseph Wanner. Für die Zeit davor einschließlich des 17. Jahrhunderts ist die Arbeit von Wilhelm Söll nach wie vor maßgeblich. Eine gewisse Kontinuität ist in dieser Hinsicht durch das Werk von Gerhard Seybold gewährleistet.

Söll konnte an vielen Beispielen zeigen, wie schwierig es für Herzog Karl Eugen war, eine eigenständige Wirtschaftspolitik durchzusetzen, da durch den Erbvergleich von 1770 der alte Ständestaat besiegelt wurde und die Landschaft als entscheidungshemmender Faktor erhalten blieb. Ihre Zusammensetzung aus Prälaten und Bürgermeistern und die prinzipielle Schwierigkeit dualistischer Entscheidungsstrukturen ließen eine großzügige Wirtschaftspolitik nicht zu.

Auch was die Gewerbepolitik anbelangt, muß der Forschungsstand für Württemberg als zufriedenstellend angesehen werden. Während die Dissertation Gerhard Krauters dieses Thema für das 18. Jahrhundert mitbehandelt, stehen für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts die Arbeiten von Friedrich-Franz Wauschkuhn zur Verfügung.

Mit der badischen Finanz- und Wirtschaftspolitik zur Zeit des Markgrafen Karl Friedrich setzte sich bereits 1916 Wolfgang Windelband in seiner Heidelberger Habilitationsschrift auseinander. Die staatliche Wirtschaftspolitik Badens in der Zeit von 1819 bis 1836 wird von Hans Peter Müller erfaßt. Badens Gewerbepolitik 1800 - 1850 behandelt Wolfram Fischer umfassend.

Das Zunftwesen Badens in seiner geschichtlichen Entwicklung von den Anfängen bis in die Mitte der 1820er Jahre wurde 1825 von Kasimir Walchner dargestellt. Zum württembergischen Zunftwesen im 18. Jahrhundert konsultiere man die Tübinger Dissertation von Leo Hoffmann aus dem Jahre 1906. Für die Markgrafschaft Baden-Baden wäre die Frankfurter Doktorarbeit von Otto Ziegler zu nennen. Baden-Durlachs zünftige und nichtzünftige Gewerbestruktur wurde durch Eckart Schremmer einer eingehenden Untersuchung unterzogen.

Die Geschichte der einzelnen Handelskammern ist gut erforscht und bedarf kaum weiterer wissenschaftlicher Anstrengungen.

VIII.1. Wechselspiel zwischen Staat (Obrigkeit) und Wirtschaft (z. B. Untersuchung der Struktur und Entwicklung der öffentlichen Haushalte auf den Ebenen Land, Gemeinde und Stadt)

Generell läßt sich sagen, daß dieser Komplex dank der Arbeiten von Wolfram Fischer für Baden ziemlich gut erforscht ist.

Im Grunde enthalten nahezu alle Arbeiten zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte einzelner Städte mehr oder weniger dichte Daten zum kommunalen Finanzhaushalt. In vielen Stadtarchiven liegen die voluminösen Haushaltsbücher noch ungehoben herum, an Quellen fehlt es hier am allerwenigsten. Ich greife einige markante Beispiele heraus.

Das Pfullinger Stadtarchiv ist in dieser Hinsicht eine wahre Fundgrube. Die Akten wurden von Lothar Sigloch ausgewertet. Die dortigen Quellen lassen z. B. eine lückenlose Erfassung der Steuerbelastung pro Einwohner zwischen 1656 und 1874 zu. Sie betrug, wenn man das Jahrfünft 1656 - 1660 = 100 nimmt in den Jahrzehnten 1751 - 1760 66, 1771 - 1780 50 und 1801 - 1810 110. In Kriegs- und Krisenzeiten stieg die Belastung pro Einwohner an. Die Akten über städtische Haushalte enthalten meist auch (in besonderen Fällen nahezu lückenlose) Angaben über die Besoldung der Verwaltungsbeamten sowie des Personals an Schulen und Kirchen. Hier bietet wiederum Pfullingen ein hervorragendes Beispiel. Aufgrund der dortigen Unterlagen ist es möglich, intertemporale Vergleiche der Jahresbesoldungen gleicher Funktionen am gleichen Ort für das 17., 18. und 19. Jahrhundert festzustellen. Darüber hinaus liegen für einzelne Jahre (z. B. 1823) genaue Spezifikationen der Besoldung von 33 städtischen Bediensteten vor, wobei neben dem Geldeinkommen auch der Naturallohn und andere zusätzliche Einkünfte aufgeschlüsselt werden.

Eine jüngere Tübinger Dissertation von Kurt Rothe hat die Finanzwirtschaft der Reichsstadt Ulm im 18. Jahrhundert zum Gegenstand.

Auf Länderebene verfolgte Walter Steitz detailliert die Entwicklung von Budgetrecht und Haushaltsstruktur des württembergischen Hauptfinanzetats im 19. Jahrhundert. Steitz wies nach, daß die fiskalistische teilweise der politischen Entwicklung vorausging, indem effizientere Techniken der Steuer- (Abgaben-) Erhebung bereits im absolutistischen 18. Jahrhundert, also vor der Entfaltung des Liberalismus eingeführt wurden. So haben altstädtische Traditionen z. T. schon eine Kontrolle über das Finanzgebaren des Fürsten und eine teilexekutive Gewalt des Finanzgeschehens längst vor dem 19. Jahrhundert innegehabt. (S. 161)

Mit dem modernen öffentlichen Schuldenwesen in Bayern und Baden in der Zeit von 1780 - 1820 setzt sich sehr ausführlich Hans-Peter Ullmann auseinander.

Für die Kurpfalz hat Ludwig Blasse die direkten (einschließlich der unregelmäßig erhobenen direkten) und indirekten Steuern von den Anfängen bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts behandelt, wobei auch die Art der Steuererhebung und Berechnung erklärt wird. Bei der Ermittlung des Schatzungsgelds bzw. des Schatzungskapitals wird z. B. der Malter als Maßeinheit berücksichtigt. Da die Maltermaße - wie viele andere metrologische Grundeinheiten - jedoch von Region zu Region unterschiedlich waren, ist es schwierig, das Schatzungskapital zu messen. Das Beispiel sollte nur zeigen, wie hilfreich hier ein südwestdeutsches Metrologie-Handbuch wäre. Blasses Arbeit enthält nebenbei interessantes Zahlenmaterial, so z. B. über den Ertrag des Ungeldes in sämtlichen kurpfälzischen Oberämtern und Städten für die Jahre 1756 - 1765 (S. 69) sowie über die Verteilung des Schatzungskapitals auf die einzelnen Ämter in den Jahren 1717, 1723, 1759 und 1768, wodurch ein intertemporaler Vergleich ermöglicht wird.

Das Verhältnis zwischen Staat und Landwirtschaft vom späten 18. bis zum beginnenden 20. Jahrhundert wurde von Friedrich Facius beleuchtet, speziell die Entstehung und Entwicklung der agrarischen Interessenvertretung, Berufsorganisation und Selbstverwaltung in Württemberg.

VIII.2. Wirtschaftliche Bedeutung der öffentlichen (kommunalen) Betriebe ("Der Staat als Unternehmer")

Dieses Gebiet wurde bislang in der wirtschaftshistorischen Forschung zu wenig beachtet. Ausführungen hierzu finden sich teilweise in der Dissertation von Wolf-Rüdiger Ott.

IX. UNTERNEHMER, UNTERNEHMENSZIELE UND WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG

IX.1. Auswirkungen einzelner Unternehmen und Branchen auf die wirtschaftliche Entwicklung

Die Unternehmen waren in dem hier in Rede stehenden Betrachtungszeitraum gewöhnlich nicht von einer solchen Größe, daß sie die wirtschaftliche Entwicklung beeinflussen konnten, wenn man vielleicht von der Calwer Kompanie einmal absieht.

XI.2. Die Marktbeziehungen eines Unternehmens

Es gibt bislang wenige wirtschaftshistorische Arbeiten, die das Thema "Unternehmen und Markt" aufgreifen. Eine hervorhebenswerte "Fallstudie" zu diesem Thema mit Modellcharakter stammt von Arndt Kienlin, der die Marktbeziehungen der Kammgarnspinnerei Merkel & Kienlin in Esslingen/Neckar untersuchte. Er klärt nicht nur den Begriff "Beziehungen" definitorisch, sondern analysiert in systematischer Weise die Beziehungen zum Finanzmarkt, dem Arbeitsmarkt, den Märkten für Investitionsgüter und Energie, den Märkten für Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe und dem Absatzmarkt und schließlich noch die Beziehungen des Unternehmens innerhalb des Industriezweiges.

Der zeitliche Schwerpunkt dieser Studie liegt fast ausschließlich außerhalb meines Betrachtungszeitraums, ich wollte sie jedoch aufgrund ihrer richtungsweisenden Methodik zumindest erwähnen.

Von den Arbeiten über das 18. Jahrhundert wären in diesem Zusammenhang Troeltschs und Cornelia Schmids Werke über die Calwer Zeughandlungskompanie, Grete Karrs Arbeit über die Uracher Leinwandhandlungskompanie zu nennen. Ein bedeutender Forschungsertrag ist m. E. zu erwarten, wenn man mit Kienlins Methode an den umfangreichen Bestand über das Blaubeurer Unternehmen Lang oder an das umfangreiche unternehmenshistorisches Material im Schweizerischen Wirtschaftsarchiv in Basel, deren Inhalt sich sehr häufig auf Südwestdeutschland erstreckt, heranginge.

IX.3. Unternehmerbiographien und Tagebücher

Sehr viel über das Leben und Wirken eines oberschwäbischen Unternehmers erfahren wir z. B. aus dem Tagebuch des Ravensburger Kaufmanns Ulrich Christoph Gradmann aus den Jahren 1796 - 1845, das Peter Eitel bearbeitet hat.

IX.4. Unternehmer nach Konfessionen und Branchen

Einen guten Überblick über die Unternehmergeschichte Südwestdeutschlands vom späten Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert gibt Hermann Kellenbenz. Ferner erarbeitete Otto Borst wichtige, über die Darstellung einzelner Unternehmer hinausgehende Abhandlungen zum Unternehmertum Südwestdeutschlands, meist mit besonderer Bezugnahme auf den konfessionellen Zusammenhang.

Auch die Frage der Eliten bzw. Führungsschichten im Südwesten im späten 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist von Otto Borst bislang am eingehendsten behandelt worden.

Eine der umfassendsten Arbeiten über das Unternehmertum Baden-Württembergs der vergangenen Jahren ist die von Jacob Toury, der das jüdische Unternehmertum untersuchte und in diesem Zusammenhang übrigens auch auf die ersten Industriebankiers näher einging (S. 20-31). Des weiteren sei auf die Darstellung des jüdischen Unternehmertums im Rahmen der Arbeiten Utz Jeggles über die Judendörfer und die Beleuchtung der Zusammenhänge zwischen Konfession und Wirtschaft in diesem Rahmen nachdrücklich hingewiesen.

Ab 1825 ging Württemberg daran, die Interessen des Königreichs im Ausland auch durch Kaufleute wahrnehmen zu lassen, den Konsuln. Diesem Thema widmete Günter Cordes (1981) den Aufsatz: "Die württembergischen Konsuln - Kaufleute im Dienste des Staates". Einige dieser Kaufmanns-Konsuln wurden in Biographien hervorgehoben, so von Gabriele von Koenig-Warthausen (1941) in den "Schwäbischen Lebensbildern" unter dem Titel "Karl Kolb, Bankier und württembergischer Konsul in Rom 1800 - 1868".

Die "Offenburger Handelsleute zwischen 1700 und 1860" behandelte Otto Kähni, wobei in diesem Beitrag die Streitigkeiten zwischen seßhaftem und ambulantem Handel in der ehemaligen Reichsstadt anklingen. "Aus dem Leben eines oberschwäbischen Kaufmanns" berichtet Peter Eitel (1982), der sich dabei auf "Das Tagebuch des Ulrich Christoph Gradmann von Ravensburg aus den Jahren 1796 - 1845" stützt.

IX.5. Geschichte einzelner Unternehmen

Eine hervorhebenswerte und umfassende Studie über ein bedeutendes frühindustrielles Unternehmen stammt aus der Feder von Horst Zuber. Sie enthält die Fabriken und frühindustriellen Unternehmen Badens. Eine Einzeluntersuchung über die markgräfliche Papiermühle in Niefern im 18. Jahrhundert stellte Gerhard Piccard an.

Auf einen herzoglich-württembergischen Regiebetrieb im ausgehenden 18. Jahrhundert geht Willi A. Boelcke näher ein. Eine der wichtigsten württembergischen Handelsgesellschaften der merkantilistischen Zeit, die Uracher Leinwandhandlungskompagnie, erfuhr eine erste wissenschaftliche Bearbeitung durch die Tübinger Dissertation von Grete Karr. Dabei tritt jedoch der gewerbehistorische Aspekt in der Arbeit in den Vordergrund, so daß eine systematische Erforschung des Handels der Gesellschaft noch aussteht. Als "Klassiker" der Wirtschafts- und Sozialgeschichte könnte man das umfassende Werk von Walter Troeltsch über die Calwer Zeughandelskompagnie bezeichnen. Ergänzend konsultiere man Karte und Beiwort über "Die Calwer Zeughandelskompagnie" von Peter Eitel im Historischen Atlas von Baden-Württemberg.

X. DIENSTLEISTUNGEN, GELD, KREDIT UND WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG

Ökonomische Güter dienen der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse und erhöhen die menschliche Wohlfahrt. Neben den Sachgütern (Waren) und den Faktorleistungen (die nicht Ergebnis von Produktionsprozessen, sondern Produktionsgüter sind) zählen die Dienstleistungen (Dienste) zu den Gütern. Der Dienstleistungsbereich wird in der volkswirtschaftlichen Systematik oft auch als "Tertiärer Sektor" angesprochen. Eine Monographie, die den gesamten Dienstleistungsbereich Württembergs 1750 bis 1803 abdeckt, fehlt bislang. Der Handel als Teil des Tertiären Sektors ist in jüngster Zeit allerdings nahezu erschöpfend behandelt worden.

X.1. Bankensystem in Südwestdeutschland und seine wirtschaftliche Bedeutung

Die Herausbildung des privaten Bankensystems in Südwestdeutschland hat zunächst (mit Rückgriff auf Heinrich Schnee) das Hoffaktorentum, insbesondere die Hofbankiers, zu berücksichtigen. Ohne die jüdische "Haute Finance" hätte die Entwicklung vieler Herrschaften, so auch die Badens und Württembergs sowie die Hohenzollerns, einen anderen Verlauf genommen. In Baden halfen die Karlsruher Hoffaktoren dem Markgrafen bzw. Großherzog mit direkten Anleihen in einer politisch turbulenten Zeit über finanzielle Engpässe hinweg. Der mit Abstand bedeutendste unter ihnen war Salomon (von) Haber, der der Regierung von Baden in den ersten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts nicht weniger als 8.440.831 Gulden vorstreckte. Zum Bankhaus Haber & Söhne und ihre Bedeutung für die frühe Industriefinanzierung konsultiere man den Beitrag von Albrecht Strobel. Nach Haber folgten Elkan Reutlinger (1.814.640 Gulden), David Seligmann und Israel Jacobson. Kleinere Geldgeber liehen zum Vergleich insgesamt rund 220.000 Gulden. Ein Vergleich mit den nichtjüdischen Kreditgebern ergab 10,96 Mill. Gulden gegenüber rund 12,9 Mill. Gulden von jüdischen Bankiers. Auch unter den nicht-jüdischen Bankhäusern ragte ein einziges besonders hervor, nämlich das von Reinhardt aus Mannheim. Bernhard Kirchgässner hat sich mit der badischen Bankgeschichte intensiv auseinandergesetzt. Einer der Bankiers, über die er schrieb, Felix Hecht, hat einen Teil seines ungeheuer reichen Schrifttums dem Bankwesen und der frühen Bankpolitik in Süddeutschland gewidmet. Ernst Klein sind wichtige Aufschlüsse über das frühe württembergische Banksystem, ausgehend von den Hoffaktoren wie Oppenheimer und Kaulla, zu verdanken. Er befaßte sich auch in einer Reihe von Beiträgen mit dem frühen Bankensystem Württembergs, insbesondere auch mit der Königlich Württembergischen Hofbank.

Relativ wenig beleuchtet wurde bislang die Tätigkeit des jüdischen Stuttgarter Bankhauses Gebr. Benedict sowie die der nicht-jüdischen Bankiers G. H. Keller & Söhne, Stahl und Federer, Dörtenbach & Co. sowie des Industriekreditvermittlers Christian Weiß. Hier ist noch ein weites Forschungsfeld unbeackert geblieben, obwohl Material dazu im Hauptstaatsarchiv Stuttgart liegt. Teilweise ist dies von Rolf Walter in Angriff genommen worden.

Was die Organisation des Bankwesens in Württemberg anbelangt, kann auf Rudolf Kaulla und auf Arthur Löwenstein verwiesen werden. Die älteste badische Privatbankfirma ist das Bankhaus J. A. Krebs in Freiburg i. Br., die 1683 als Warengeschäft gegründet wurde und seit 1721 als Bank fungierte. Über sie gibt es eine Festschrift von Engelbert Krebs und Goetz Briefs.

X.2. Entstehung, Entwicklung, Tätigkeit und wirtschaftliche Bedeutung der Sparkassen

Dieser Themenkomplex ist für den ganzen südwestdeutschen Bereich relativ erschöpfend von dem Sparkassenhistoriker Hans-Peter de Longueville bearbeitet worden. Frühe Sparkassen gingen teilweise aus den Waisenkassen des 18. Jahrhunderts hervor. Die erste Waisenkasse wurde 1749 von Abt Anselm II. von Salem eingerichtet. 1767 folgte eine solche unter Fürstabt Martin II. Gerbert in St. Blasien und 1784 rief der Fürst von Fürstenberg die Waisenkasse in Heiligenberg ins Leben, die 1834 zur Sparkasse erweitert wurde. 1816 gab es eine "Ersparniskasse" in Karlsruhe und 1818 zog Württemberg mit der von Königin Katharina gestifteten "Württembergischen Spar-Casse" in Stuttgart nach, der nachmaligen Landessparkasse. Die weiteren Gründungen finden sich bei de Longueville in tabellarischer Form.

X.3. Wirtschaftliche Bedeutung des Geld- und Kreditwesens

Die wirtschaftliche Bedeutung des Geld- und Kreditwesens schließt die Frage des eventuellen Fehlens desselben mit ein. Harald Winkel hat hier vor kurzem die wesentlichsten Erkenntnisse zusammengefaßt. Besonders hervorhebenswert erschien mir sein Hinweis auf die große Bedeutung des Handelskapitals neben den Kapitalien aus der Grundentlastung, dem Auslandskapital und dem staatlichen Kapital. Eckart Schremmer hat den Zusammenhang zwischen Agrareinkommen und Kapitalbildung besonders beleuchtet.

Die Entstehung des Kreditwesens in Südwestdeutschland ist - wie in anderen Regionen Deutschlands auch - in engstem Zusammenhang mit dem (jüdischen) Hoffaktorentum zu sehen. Zu diesem Themenkomplex ist neben der "klassischen" Arbeit von Heinrich Schnee auf Rudolf Haas' Übersicht über das oberrheinische Bankwesen zu verweisen. Gert Kollmer befaßte sich mit den Finanzverflechtungen in Südwestdeutschland im 17. und 18. Jahrhundert und analysierte das Kreditverhältnis zwischen Bürgertum und Adel in dieser Zeit. Eine Reihe von Studien sind auch der allgemeinen Rentenanstalt zu Stuttgart von 1833 gewidmet.

X.4. Versicherungswesen

Das frühe Versicherungswesen Südwestdeutschlands ist bislang geschichtswissenschaftlich wenig erschlossen. Erste Versuche versicherungsmäßiger Organisation betrafen Witwen und Waisen in den grafschaftlichen oder fürstlichen Gebieten des späteren 18. Jahrhunderts. Davor gab es bereits allenthalben Brandversicherungs-Ordnungen, so in der Markgrafschaft Baden-Durlach 1758 (gleichzeitig Gründungsjahr der dortigen Brandversicherungssozietät), in Württemberg 1773 und im Hohenlohischen ein Jahr später. Das erste Brandschadens-Versicherungs-Institut geht in Württemberg auf das Jahr 1772 zurück. 1773 war das Gründungsjahr der württembergischen Gebäudebrandversicherungsanstalt, deren zweihundertjährige Geschichte 1973 von Paul Sauer nachgezeichnet wurde. Weitere Ansätze konzentrierten sich auf Versicherungsgegenstände im Bereich der Landwirtschaft. In den 1820er Jahren gab es erste Ansätze einer Krankenversicherung in Stuttgart. Weitere versicherungsrechtliche Regelungen betrafen insbesondere den Hagelschlag. Für Hohenzollern sei diesbezüglich die Freiburger Dissertation von Paul Belle genannt.

XI. HANDEL UND AUSSENWIRTSCHAFTLICHE BEZIEHUNGEN

XI.1. Binnen- und Außenhandel (z. B. Zusammenhang von lokalem, regionalem und überregionalem Handel; außenwirtschaftliche Beziehungen Badens und Württembergs zu den Nachbarländern in agrar- und industriewirtschaftlicher Hinsicht)

Am besten erforscht sind inzwischen die Beziehungen zwischen dem nördlichen und ostschweizerischen Raum und dem Bodenseegebiet mit Südschwaben. Von besonderer Bedeutung sind in diesem Zusammenhang die systematischen historischen Marktforschungen von Jörg Vögele und Frank Göttmann. Vögele untersuchte den Einzugsbereich des Stockacher Wochenmarkts (Stockach war Marktort der österreichischen Landgrafschaft Nellenburg) in der Mitte des 18. Jh. und kam zu folgenden Ergebnissen: 1. Die Marktbeziehungen nehmen nicht konstant mit steigender Entfernung ab, sondern werden durch die Lage der zentralen Orte im Raum bestimmt (S. 172) 2. Für die Erreichbarkeit spielen die großräumigen wirtschaftsstrukturellen Bedingungen eine herausragende Rolle (Radolfzell, Überlingen, Nähe zur Schweiz, woher 95,2% der Käufer kamen) 3. Stockachs Markt diente nicht primär der Versorgung der Stadt, sondern hauptsächlich der Nahrungsmittelversorgung der Schweiz (S. 173). In seiner Dissertation analysiert Vögele einige Kornmärkte des Bodenseeraums (Radolfzell, Überlingen und Ravensburg), die räumliche Struktur der Ökonomie und deren Wandlungen, wobei er als Untersuchungszeiträume die Jahre 1818 - 1822 und 1875 - 1879 herausgriff und damit einen langfristigen intertemporalen Vergleich ermöglichte und die Transformation regionaler Marktbeziehungen über die Industrialisierungsschwelle hinaus beobachten konnte.

Methodisch ist die Arbeit deshalb von besonderem Interesse, weil sie sich nationalökonomischer Theorieansätze bedient, also versucht, die realtypische Entwicklung der idealtypischen (Thünen-Model, Theorie der Zentralen Orte) gegenüberzustellen.

Der württembergische Handel der zweiten Hälfte des 18. und ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde in jüngerer Zeit von Rolf Walter einer eingehenden Untersuchung unterzogen. Die Darstellung umfaßt auch die Württemberg benachbarten Regionen. Der Viehhandel - damals eine vorwiegend jüdische Domäne - ist durch die Forschungen von Monika Richarz sowie durch die Arbeiten Uri Kaufmanns zum Landjudentum (allerdings schwerpunktmäßig für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts) besonders gründlich erschlossen worden.

Eine Vorstellung von der Bedeutung des ambulanten Handels im Betrachtungszeitraum bekommt man durch die Lektüre des Aufsatzes von Otto Trüdinger "Zwei württembergische Hausiergemeinden", der eine komparative Studie über den Hausierhandel der Gemeinden Eningen und Gönningen enthält. 1899 verfasste Trüdinger im Rahmen der vom Verein für Socialpolitik angeregten "Untersuchungen über die Lage des Hausiergewerbes in Deutschland" einen Beitrag über "Das Hausiergewerbe in Württemberg", in dem er auch auf die Hausiergemeinden auf den "Wäldern" im Oberamtsbezirk Crailsheim einging, nämlich auf Unterdeufstetten, Matzenbach, Wildenstein und Lautenbach. Ferner finden dort Lützenhardt (OA Horb) und Burgberg (OA Heidenheim) eingehendere Behandlung. Ähnlich angelegt ist der Beitrag von Fritz Loser über "Die Bedeutung von Händler- und Hausiergemeinden für die Entwicklung der württembergischen Industrie, aufgezeigt an charakteristischen Beispielen". Loser bezieht sich auf das Verhältnis Eningen-Reutlingen, Jebenhausen-Göppingen, Hechingen-Tailfingen und auf die Hausiergemeinde Schloßberg. Zu Eningen fertigte S. Ebensperger an der Universität Tübingen eine Diplomarbeit über "Die Bedeutung und der Umfang des Eninger Hausierhandels im 19. Jahrhundert 1803 - 1878". "Der Leinwandwanderhandel der Rauhen Alb, insbesondere der Orte Gerstetten und Laichingen" ist von Eugen Nübling eingehend behandelt worden. Mit der Eigenschaft von Hausiererzügen als ländliche "Kulturbringer" im südlichen Württemberg im 19. Jh. setzte sich 1982 Angelika Bischoff-Luithlen auseinander.

XI.2. Wechselwirkungen zwischen außenwirtschaftlichen und außenpolitischen Beziehungen des Südwestens (z. B. wirtschaftspolitische Rolle der Regierungen und Behörden, deren Lenkungsfunktionen und Zollpolitik)

Die politischen Beziehungen der Grafschaft Mömpelgard zu Württemberg wurden in einer Tübinger Dissertation von Wolfgang Scherb aufgearbeitet.

Die Zölle als wesentliche Einnahmeposten der merkantilistischen Staatsetats brachten einen entsprechenden Niederschlag im zeitgenössischen Schrifttum mit sich. Im Vorfeld der Bildung des Deutschen Zollvereins beschäftigte man sich besonders intensiv mit zollpolitischen Erwägungen, so daß sich das Schrifttum darüber in dieser Zeit häuft. Besondere Aufmerksamkeit im Hinblick auf die Gründung des Zollvereins verdienen hier die Studien von Carl Friedrich Nebenius, Karl Heinrich Rau und Carl Friedrich Wilhelm Dieterici.

Unter den neueren wissenschaftlichen Arbeiten zum Zollverein ist für Baden die Dissertation von Hans-Peter Müller hervorzuheben. Ruth Kappel und Gert Kollmer haben sich mit dem Zollverein im württembergischen Zusammenhang besonders intensiv auseinandergesetzt.

XI.3. Übergänge vom Merkantilismus zum liberalen Handelsverkehr im 19. Jahrhundert

Auf diese Thematik geht die Dissertation von Gerhard Seybold ausführlich ein. Ferner ist auch auf die Habilitationsschrift von Rolf Walter zu verweisen. Im übrigen sollte hier unbedingt auch zeitgenössisches Material berücksichtigt und die Schriften Friedrich Lists gelesen werden. Die List-Forschung nimmt im wirtschaftshistorischen Schrifttum Württembergs einen ziemlich breiten Raum ein.

XI.4. Ausstellungen/Messen

In den 20er und 30er Jahren des 19. Jahrhunderts gewann das Gewerbe- und Industrieausstellungswesen an Bedeutung. Eine zusammenfassende Darstellung dieser Marktveranstaltungen und ihrer Vorläufer in Württemberg enthält die Hohenheimer Dissertation von Herbert R. Schwankl. Eine ähnlich tiefgreifende Darstellung für den badischen Raum fehlt bislang.

XII. SOZIALGESCHICHTE

In einigen Abschnitten vorliegender Einleitung wurde bereits auf einige wichtige Werke der Sozialgeschichte Südwestdeutschlands hingewiesen, sofern sie zum Verständnis des dortigen Kontextes relevant erschienen. Hier nun soll so ausführlich wie nötig und so gerafft wie möglich auf die wichtigsten Darstellungen bezug genommen werden.

Ein erster Versuch, die Sozialgeschichte Südwestdeutschlands vom Mittelalter bis in die 1970er Jahre zu erfassen, stammt von Arnold Weller. Diese Darstellung, die den Betrachtungszeitraum teilweise abdeckt, d. h. die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, wurde 1989 von Willi A. Boelcke in hoher Auflage publiziert, so daß diese Studie, gefördert und herausgegeben von der Landeszentrale für politische Bildung, leicht zugänglich ist.

Zu den Gegenständen der Sozialgeschichte - auch bereits der zeitgenössischen - zählen Armut und Hunger. Eine zeitgenössische Vorstellung vom Pauperismus im Großherzogtum Baden stammt von Daniel Abegg aus dem Jahre 1849. Mit den aus dem Pauperismus resultierenden Gesetzgebungsmaßnahmen, z. B. Ehebeschränkungen, setzte sich Klaus-Jürgen Matz eingehend auseinander.

Immer wieder auftretende Hungerkrisen waren 1770/71 und 1816/17 Anlaß zur Thematisierung dieses Problems. Eine eingehende wissenschaftliche Behandlung erfuhr dieser Gegenstand 1966 durch Dorothee Bayer, die sowohl Baden als auch Württemberg 1816/17 untersuchte.

Oft haben Studien über den sozialen Protest ihren Ursprung in den materiellen Mißständen, entstanden durch Armut und Hunger, oder aber in politischer Repression. Hierzu existiert eine Arbeit von Rainer Wirtz, der sich mit den Widersetzlichkeiten aller Art in Baden in der Zeit von 1815 bis 1848 befaßte.

Zur Frage der Vermögens- und Besitzstrukturen bestimmter gesellschaftlicher Schichten existieren meist lokalbezogene Einzelstudien mit mehr oder weniger repräsentativem Charakter. Hervorhebenswert sind in diesem Zusammenhang die aus dem Forschungsprojekt von Peter Borscheid hervorgegangenen Studien, insbesondere die von Anja R. Benscheidt über den kleinbürgerlichen Besitz in Nürtingen/Neckar für die Zeit von 1660 bis 1840, die quellenmäßig auf Handwerkerinventaren beruhen. Hinzuweisen ist in diesem Kontext auch auf Studien, die aus der "Schule" v. Hippels stammen, wie z. B. Sylvia Schrauts hervorragende Analyse der Vermögensverhältnisse in Esslingen.

Lohn- und Einkommensstudien als Basis für die Reallohnforschung und damit die Beurteilung von Existenz- und Subsistenzfragen sind für den fraglichen Zeitraum nur bruchstückhaft vorhanden. Die Untersuchungen von Reiner Flik und Wolfgang von Hippel bilden hier Inseln im Meer der allgemeinen Unkenntnis.

Studien zu den einzelnen sozialen Schichten sind selten. Relativ gut untersucht sind die Textilarbeiter, dank der Forschungen von Peter Borscheid und Heilwig Schomerus Letzterer legte auch einige Basisstudien über die Metallarbeiter vor. Zum Thema Unterschicht gibt es zumindest lokalbezogen interessante Materialsammlungen, wie die von Peter Kühn zu Mannheim nach 1835. Otto Borst hat sich der (pietistischen) Unternehmer angenommen.

Zum Fürsorgewesen in historischer Perspektive (am Beispiel Badens) wäre auf Otto Schells Arbeit von 1927 hinzuweisen.

Oft enthalten auch institutionengeschichtliche Untersuchungen sozialhistorisch relevante Gegenstände. Zu denken ist hier etwa an Studien über die agrarische Interessenvertretung, Berufsorganisation und Selbstverwaltung von Friedrich Facius. Zu den württembergischen Konsumvereinen vor 1871 gibt es die Tübinger wirtschaftswissenschaftliche Dissertation von Hans-Peter Huss.

Die "soziale Institution" Schule, von der Volksschule bis hin zur "öffentlichen Kinder-Industrie-Anstalt" war insbesondere im pietistischen Württemberg sehr häufig Gegenstand zeitgenössischer und neuerer Studien. 1933 behandelte Eugen Schmid das württembergische evangelische Volksschulwesen nach 1806. Johann Gottlieb Schmidling verfaßte bereits 1821 eine Schrift über die erwähnten Kinder-Industrie-Anstalten unter besonderer Bezugnahme auf Württemberg.

Bildung und Erziehung

Die Geschichte des gewerblichen und kaufmännischen Schulwesens Württembergs erfuhr eine umfassende, allerdings für den Zeitraum vor 1834 lediglich als Überblick anzusprechende Bearbeitung durch Karl Roth. Roths Arbeit ist das württembergische Pendant zu Emil Gutmans Werk "Die Gewerbeschule Badens" von 1930. Während der Regierungszeit Karl Eugens, insbesondere nach 1767, war man sehr um die Hebung des Unterrichts bemüht. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde in Stuttgart eine Armenkastenschule errichtet. Zudem bestanden in dieser Zeit eine Garnisonsschule, die Spitalschule, die Waisenhausschule und die Französische Schule. 1790 zählte Stuttgart 12 deutsche Schulen (S. 20). Mit der Armenkastenschule war 1802 eine Industrieschule verbunden worden, um arme Kinder im Baumwollspinnen, Nähen und Stricken zu unterrichten. Die Sonn- und Feiertagsschulen, deren Einrichtung 1739, 1795 und 1801 empfohlen wurde und die sich mit der Unterweisung der schulentlassenen Jugend beschäftigten, sollte also die Volksschulkenntnisse festigen und vertiefen (S. 21). 1836 wurde ein Volksschulgesetz erlassen. Der gehobene Schulunterricht wurde durch die 1770 gestiftete und 1775 nach Stuttgart verlegte Hohe Karlsschule gewährleistet, die realistischen Charakter trug und bis 1794 existierte; die erste eigentliche Realschule wurde 1783 in Nürtingen (1796 in Stuttgart) errichtet. Sie hatten ursprünglich den Zweck bei der zunehmenden Bevölkerung künftighin Gewerbs- und Handelsleuten einen eigenen zweckmäßigen, sie auf ihre Bestimmung vorbereitenden Unterricht zu ertheilen. (zit. n. Roth, S. 23) 1835 wurde von der württembergischen Staatsregierung die allgemeine Errichtung von Realschulen angeordnet. Die humanistische Bildung wurde vom Pädagogium in Stuttgart (das aus der Lateinschule hervorging), dem späteren Gymnasium illustre (Stuttgarter Gymnasium, Eberhard-Ludwig-Gymnasium) übernommen, das bereits 1686 ins Leben gerufen wurde. Dem württembergischen Kronprinzen Karl stand noch 1862 die humanistische Bildung zu stark im Vordergrund. Er bevorzugte die praxisorientierte gewerblichen Ausbildung, was durch seinen Ausspruch Wir wissen zuviel und können zuwenig belegt ist (S. 22). Durch die Errichtung der ersten privaten Sonntagsgewerbeschule Anfang 1825 und die erste öffentliche 1826 (beide in Stuttgart) wurde erstmals ein besonderer öffentlicher Unterricht für Angehörige des Gewerbestandes erteilt. 1826 gab es in Württemberg in 11 Städten Gewerbeschulen und 1827 zählte man 30 Sonntagsgewerbeschulen (S. 24). Zu den Lehrgegenständen zählten Recht- und Schönschreiben, Rechnen (schriftlich und im Kopf!), Geometrie, Elemente der Mechanik und Zeichnen (geometrisches, von Ornamenten, Fachzeichnen).

Die Stuttgarter Sonntagsgewerbeschule zählte 1832 246 Schüler (181 Lehrlinge, 65 Gesellen).

Siegfried Schoch war es, der im Rahmen seiner Studie über Formen sozialen und sozialpolitischen Denkens und Handelns auch auf die Entstehung, auf Sinn und Funktion der württembergischen Industrieschulen einging, deren Schülerzahl von 7570 (1822) auf 18270 (1829) rapide anstieg. Willi A. Boelcke hob in seiner Sozialgeschichte Baden-Württembergs hervor, daß die württembergischen Industrieschulen als die ältesten Vorläufer der modernen Berufsschulen auf deutschem Boden angesprochen werden können.

Der Ingenieurausbildung im Königreich Württemberg im 19. Jahrhundert und deren Vorgeschichte hat sich jüngst Gerhard Zweckbronner in einer Studie angenommen.

Eine weitere wertvolle Arbeit zum frühen Schulwesen in Württemberg stammt von Fritz Neukamm. Zur Frage der Ausbildungsinvestitionen im 19. Jahrhundert konsultiere man die erwähnte Dissertation von Wolf-Rüdiger Ott und darüber hinaus (an dieser Stelle sicher unvermutet) den Nachtrag in Ludwig Köhlers Geschichte des württembergischen Gewerberechts.

Schutz der Volksgesundheit und der Umwelt

In diesem Zusammenhang ist vielleicht eine medizinhistorische Dissertation von Walter Stemmer über die Geschichte des Waisen-, Toll- und Krankenhauses sowie des Zucht- und Arbeitshauses in Pforzheim erwähnenswert. Inzwischen gibt es sogar eine Sozialgeschichte der württembergischen Ärzte im 19. Jahrhundert, die Annette Drees verfaßte. Diese und eine Reihe weiterer Studien, etwa jene von Bernhard Stier (1988) und Sabine Sanders vorzügliches Werk über die württembergischen Handwerkschirurgen im 18. und 19. Jahrhundert zeigen beispielhaft, welch beträchtliche Fortschritte die medizinhistorische Forschung in jüngerer Zeit machte.

Wie Hermann Grees richtig bemerkt, steht die historische Umweltforschung noch sehr am Anfang. Wie sie aussehen könnte, zeigt er an einigen württembergischen Beispielen auf. Als "Bausteine" dienen ihm vier Beispiele. Das erste betraf die bedeutende Silberwarenfabrik Gebr. Bruckmann in Heilbronn, die 1863 ihr Hammer- und Walzwerk erweitern und in einem Neubau eine Dampfmaschine aufstellen wollte, wogegen die Nachbarschaft Einspruch erhob. 1854 war bereits ohne Erlaubnis ein acht Zentner schwerer Fallhammer installiert worden, dessen schwere Schläge beim Nachbarn die gefüllten Weinfässer erzittern ließen. Der Einspruch wurde verworfen. Das zweite Beispiel betraf den 1838 gegründeten Baumwollbetrieb Elsas in Ludwigsburg, der 1860 eine Dampfmaschine aufstellte, wogegen die Militärverwaltung der großen Garnison protestierte. Die Luft werde verschmutzt und Wäsche und Uniformen im benachbarten Zeug-Magazin dreckig. Der Fabrikant bekommt die Auflage, einen Etagenrost einzubauen, der die vollkommene Rußverbrennung garantiert. Im dritten Beispiel erhebt der Eigentümer der seinerzeit berühmten privaten Hautklinik in Cannstatt, Veiel, Einspruch gegen den Bau eines Gipswerkes mit Dampfmaschine in der Nähe seines Anwesens. Der Einspruch wurde abgewiesen. Eine Art früher "Umweltbürgerinitiative" stellte Grees für das Jahr 1863 in Ulm fest, wo sich eine Reihe angesehener Bürger für eine allgemeine Verfügung gegen Großfeuer-Einrichtungen einsetzten, was später möglicherweise zur amtlichen Kontrolle der Feuerungsanlagen führte.

Für Ulm gibt es eine medizinische Dissertation von Beatrice Hetzel zum Thema: "Maßnahmen zur Verhütung von Seuchen und ihre Auswirkungen im 19. Jahrhundert". Über die Entwicklung von Krankenkassen in Ulm von 1801 - 1883 gibt es eine Spezialstudie von Ferry Kemper.

Pharmaindustrie und Apothekengeschichte

Hervorhebenswert ist in diesem Zusammenhang die inzwischen 15 Bände umfassende, unregelmäßig erscheinende Aufsatzreihe "Beiträge zur württembergischen Apothekengeschichte". Im übrigen gibt es von demselben Herausgeber (A. Wankmüller) einen "Kleinen Atlas zur Apothekengeschichte Süddeutschlands".

Zuweilen greifen rechts- und sozialhistorische Komponenten so ineinander, daß es sinnvoll erscheint, auch die in juristischen Fakultäten entstandenen Untersuchungen zu berücksichtigen. Ein Beispiel dafür bietet Ludwig Kleins Tübinger Dissertation von 1933 über die geschichtliche Entwicklung des Gemeindebürgerrechts in Württemberg.

Schließlich sei noch auf Arbeiten zur Ideengeschichte sozialer Bewegungen und des sozialpolitischen Denkens hingewiesen. Stellvertretend kann hier die Studie von Siegfried Schoch über Württemberg 1770 - 1870 genannt werden.

XIII. AUFFÄLLIGE DESIDERATE

1. Der wirtschaftshistorischen Landesforschung wäre außerordentlich gedient, wenn man mit neuesten statistischen Methoden die Masse an vorhandenem quantitativem Material aggregieren und auswerten würde.

Ansätze hierzu sind in den Arbeiten von Hans Loreth (es fehlt aber immer noch ein "badischer Loreth"), Wolf-Rüdiger Ott und Eckart Schremmer (Verlängerung der Reihen von W. G. Hoffmann vor 1850) zu sehen.

ZIEL: Eine "historische Statistik Südwestdeutschlands"

Vorteile: Ermöglichung intertemporaler Vergleiche durch "Lange Reihen", exaktere Einschätzung der historischen Realität, z. B. durch die Möglichkeit von Reallohnreihen, Präzisierung der bisher vorhandenen historischen Konjunkturparameter und Vergleich derselben mit den Ergebnissen der Konjunkturgeschichtsforschung in anderen (deutschen) Ländern.

2. Es müßten die verheißungsvollen Anfänge, die die historische Marktforschung bereits genommen hat (Grees, Borchardt, Göttmann, Vögele) eine kontinuierliche Fortsetzung erfahren. Dazu ist jedoch, wie Göttmann gezeigt hat, die Aufarbeitung der äußerst heterogenen und höchst komplizierten Metrologie notwendig, d. h. der Maße und Gewichte, eventuell auch der Münzen.

ZIEL: Ein Handbuch zur historischen Metrologie Südwestdeutschlands

Vorteile: Eine einigermaßen abgesicherte Wirtschaftsgeschichte Südwestdeutschlands, insbesondere im stark territorial zersplitterten 18. Jahrhundert, kann erst geschrieben werden, wenn die Metrologie geklärt ist. Für den Versuch "volkswirtschaftliche Gesamtgrößen" für diese Zeit zu erarbeiten, ist die lückenlose Erschließung der Metrologie eine "conditio sine qua non".

3. Ein Desiderat ist weiterhin eine, auf die allerwesentlichsten Unternehmen beschränkte, systematische Unternehmensgeschichte, wie sie etwa zu Westfalen, dem Rheinland und dem Bergischen Land existiert.

ZIEL: Bündige Information über Entstehung und Entwicklung der südwestdeutschen Industrie-, Handels- und Bankunternehmen.

4. Ähnliches gilt für die Unternehmergeschichte, die ebenfalls in anderen Bundesländern wesentlich weiter ist. Dasselbe gilt für die Eliteforschung bzw. die Analyse der Verflechtungsbeziehungen und die systematische Herausarbeitung der Klientelsysteme, wie dies z. B. früher in Augsburg (Wolfgang Reinhard und seine Gruppe) erfolgte. Mannheim ist übrigens durch die hervorhebenswerte Studie von Hesselmann in dieser Beziehung bereits erforscht, somit ist ein "modellartiger" Ansatz vorhanden.

ZIEL: Feststellung der wirtschaftlichen und politischen Entscheidungsträger in den einzelnen südwestdeutschen Territorien. Erstellung einer "Soziomatrix" (historischen Verflechtungsanalyse)

5. Wir sind uns seit langem im klaren darüber, daß die landwirtschaftliche und/oder gewerbliche Nebenbeschäftigung in Südwestdeutschland, die Territorialisierung des Gewerbes und des Handels, die Reagrarisierung recht spezifische Ausprägungen erfuhr. Ich empfinde das Fehlen einer zusammenfassenden Studie darüber als Mangel.

ZIEL: Präzisierung und umfassende Analyse des "Scharnierbereichs" Landwirtschaft/Gewerbe, Landwirtschaft/Handel und Gewerbe/Handel mit besonderer Berücksichtigung der Nebenbeschäftigung.

6. Vergleichende Darstellungen

Wolfram Fischer stellte im Rahmen der von der Robert Bosch Stiftung organisierten Konferenz im Juni 1988 fest, die Entwicklungen in Sachsen, im Elsaß, in der Schweiz und im Südwesten seien mehr oder weniger gleichförmig verlaufen, und er nannte als Merkmale die Agrarverfassung (d. h. Realteilung) sowie die überdurchschnittliche Bevölkerungs- und Gewerbedichte.
 


Gefördert von der

Logo der Robert Bosch Stiftung GmbH (Stuttgart) 

[ Zurück zur vorigen Seite ]


Gestaltung dieser Seite durch: Stephan Riediger und Frank Swiaczny