Wer einmal lügt, der … versteht den anderen nicht

- Antonia Völker -

Unehrliches Verhalten kann zur Folge haben, dass man die Gefühle seines Gegenübers schlechter einschätzen kann.

„Lügen haben kurze Beine“, „Lügen, bis sich die Balken biegen“ oder „Jemandem ein X für ein U vormachen“ - allein die Anzahl an bekannten Sprichwörtern über das Lügen zeigt die Relevanz dieses Themas in unserer Gesellschaft auf. Wird man beim Lügen dann auch noch erwischt, kann uns das schnell unseren Ruf und das Vertrauen anderer Menschen kosten. Aber hat Lügen auch negative Konsequenzen für uns, wenn wir dabei nicht erwischt werden?

Dieser Frage ist ein Forschungs­team um Julia J. Lee nachgegangen. Die Forschenden vermuteten, dass unehrliches Verhalten einer Person ihre Fähigkeit zur Einschätzung der Gefühle eines Gegenübers verringert: Hat eine Person sich unehrlich verhalten, beginnt sie sich von ihren eigenen moralischen Prinzipien zu distanzieren, um so ihr Fehlverhalten vor sich selbst besser rechtfertigen zu können. Als Folge fokussiert sie sich mehr auf sich selbst, wodurch andere Menschen weniger wichtig erscheinen und die Beziehungen zu anderen an Bedeutung verlieren. Durch diese Veränderung des Fokus verschlechtert sich die Fähigkeit, den Gefühlszustand anderer einzuschätzen.

Um diese Annahmen zu überprüfen, führten die Forschenden eine Reihe von Experimenten durch, bei denen sie beispielsweise ein Gespräch mit einer weiteren Person führen sollten. Die Teilnehmenden wurden dabei in zwei Gruppen eingeteilt: Die Teilnehmenden der einen Gruppe erzählten ihrem Gegenüber eine ausgedachte Geschichte über ein Vorstellungs­gespräch für einen Job. In der anderen Gruppe erzählten die Teilnehmenden von ihren tatsächlichen Erfahrungen bei der Arbeits­suche. Danach schätzten sie das Ausmaß verschiedener Gefühle ihres Gegenübers während des Experiments ein. Auch die Gegenüber der Teilnehmenden berichteten über ihre eigenen Gefühle während des Experiments. Anschließend wurden die Einschätzungen der Teilnehmenden bezüglich der Gefühle ihres Gegenübers mit deren tatsächlichen Selbstberichten verglichen.

Es zeigte sich, dass die Teilnehmenden, die eine ausgedachte Geschichte erzählten, die Gefühle ihres Gegenübers schlechter einschätzten als jene Teilnehmende, die über ihre tatsächlichen Erlebnisse berichteten. Die Fähigkeit zur Einschätzung von Gefühlen verringerte sich somit in der Gruppe mit Instruktion zur Unehrlichkeit während der Gesprächssituation.

Die Ergebnisse der anderen Experimente der Studien­reihe wiesen auf noch weiterreichende Konsequenzen unehrlichen Verhaltens hin: So nahmen Teilnehmende mit Instruktion zur Unehrlichkeit andere Personen als weniger menschlich wahr und tendierten auch nachfolgend zu eher unehrlichem Verhalten, wenn sich ihnen die Möglichkeit dazu bot.

Die Ergebnisse der Studien­reihe zeigten insgesamt, dass Lügen auch negative Konsequenzen für uns haben können, wenn sie unbemerkt geblieben sind. Lügen können zur Folge haben, dass wir uns von unserem Gegenüber distanzieren und den Gefühlszustand des anderen schlechter einschätzen. Wir werden weniger empathisch, was uns den Umgang im täglichen Miteinander erschweren kann. Bei der Wahrheit zu bleiben, zahlt sich dementsprechend sogar in mehrfacher Hinsicht für uns aus.

 

Lee, J. J., Hardin, A. E., Parmar, B., & Gino, F. (2019). The interpersonal costs of dishonesty: How dishonest behavior reduces individuals’ ability to read others’ emotions. Journal of Experimental Psychology: General, 148(9), 1557–1574. https://doi.org/10.1037/xge0000639

Redaktion und Ansprech­partner*in¹: Selma Rudert¹, Mariela Jaffé

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