Universität Mannheim / Forum / Netzwerk / Ausgabe 2/2016 / Viel erreicht und viel vor

Viel erreicht und viel vor

Seit 2011 gibt es an der Universität Mannheim die Stabsstelle für Gleichstellung und soziale Vielfalt. Zu ihren Aufgaben gehört unter anderem die Familienfreundlichkeit an der Universität auszubauen und Frauen in der Wissenschaft zu fördern. FORUM sprach mit der Leiterin der Stabsstelle, Alexandra Raquet, über die Meilensteine der vergangenen fünf Jahre und Zukunftspläne. 


FORUM: Die Stabsstelle Gleichstellung und soziale Vielfalt feiert in diesem Jahr ihr fünfjähriges Bestehen. Welche Bedeutung hat diese Einrichtung für die Universität Mannheim?

Raquet: Die Politik und auch große Drittmittelgeber haben den Druck auf die Universitäten erhöht, indem sie regelmäßige Reportings und Rankings für die Gleichstellungsarbeit eingeführt haben. Darauf hat die Universität reagiert und mehr Mittel für die Gleichstellungsarbeit zur Verfügung gestellt. Das Thema Gleichstellung steht seither vielmehr im Fokus: Wir haben eine Prorektorin, die neben anderen Zuständigkeitsgebieten explizit auch die Chancengleichheit und damit die Gleichstellung im Blick hat. Diese Bemühungen finden sich auch in den Bewertungen der Universität im Bereich Gleichstellung wieder: Als die Deutsche Forschungsgemeinschaft 2009 die forschungsorientierten Gleichstellungsstandards einführte, erreichte die Gleichstellungsarbeit an der Universität die letzte von vier möglichen Kategorien. Vier Jahre später wurden wir dann bereits schon in die zweitbeste Kategorie eingeordnet. Auch in der zweiten Förderrunde des Professorinnenprogramms des Bundes konnte die Universität mit ihrem Gleichstellungskonzept überzeugen. Wir haben in kurzer Zeit sehr viel Aufholarbeit geleistet, dennoch bleibt noch Luft nach oben.

FORUM: 2013 wurde die Universität Mannheim zum dritten Mal in Folge mit dem Qualitätssiegel „familiengerechte Hochschule“ der Hertie-Stiftung ausgezeichnet. Was muss eine Hochschule dafür tun, um diese Auszeichnung zu erhalten?

Raquet: Die Universität stellt sich dabei in einem Wettbewerb mit allen anderen Hochschulen und Unternehmen einem externen Begutachtungsverfahren, bei dem die familienfreundlichen Maßnahmen und die Strategie von einem Auditor kritisch beurteilt werden. Das Siegel wird dann für bestimmte Stadien auf dem Weg zu mehr Familienfreundlichkeit vergeben, die auf allen Entscheidungsebenen und für alle Personengruppen verankert sein muss – seien es Studierende mit Kind, Beschäftigte oder das wissenschaftliche Personal. Zur Unterstützung von Familien bietet die Universität etwa einige Belegplätze in campusnahen Kitas, ein Eltern-Kind-Zimmer und ein Beratungsangebot für alle Angehörigen der Universität. Auch das Thema Pflege ist für die Beschäftigten aktuell. Hier haben wir unter anderem Leitfäden für Mitarbeiter und Vorgesetzte entwickelt, zum Beispiel wie der Wiedereinstieg in den Beruf nach einer familienbedingten Pause möglichst gut gestaltet werden kann und haben erste Workshops zur familienfreundlichen Personalführung angeboten. Um das Siegel zu bekommen, muss die Universität auch nachweisen, dass sie die familienfreundliche Strategie kontinuierlich verfolgt und weiterentwickelt.

FORUM: Während der Promotion ist der Frauenanteil mit dem der Männer nahezu identisch. Die wissenschaftliche Karriereleiter hinauf bis zur Professur sinkt der Anteil jedoch drastisch. Welche Projekte hat die Stabsstelle die vergangenen Jahre in Gang gebracht, um an der Universität Mannheim diesem Problem, welches fast alle Hochschulen in Deutschland betrifft, entgegenzuwirken?

Raquet: Als zentrales Element haben wir das modulare WOVEN-Programm entwickelt. Es zielt darauf ab, Frauen für eine Karriere in der Wissenschaft zu gewinnen und sie in jedem Karriereschritt mit passenden Angeboten zu unterstützen – angefangen von Angeboten für Studierende, Promovierende bis hin zu Maßnahmen für Habilitandinnen. Mit dem Baustein acadeMIA haben wir einen einjährigen Doktorandinnen-Lehrgang geschaffen. Er beinhaltet neben einem Qualifizierungsprogramm auch Kaminabende mit weiblichen role models, die zum einen Wege in die Wissenschaft, aber auch in die Wirtschaft aufzeigen. Neben solchen Qualifizierungsprogrammen haben wir außerdem Leitfäden für die Herstellung von Chancengleichheit in Berufungsverfahren entwickelt und uns dafür eingesetzt, dass proaktiv nach qualifizierten Frauen für die Besetzung von Professuren gesucht wird, wenn der Bewerberinnenanteil nicht zehn Prozent über dem Anteil an Professorinnen in der jeweiligen Fakultät liegt.

FORUM: Zu Ihrem Aufgabenbereich gehört auch das sogenannte Genderconsulting – was verbirgt sich hinter diesem Begriff?

Raquet: Gleichstellungsaspekte haben auch immer mehr Bedeutung für Drittmittelgeber. Unser Service beinhaltet zwei Dinge: Wir unterstützen die Einrichtungen der Universität bei der Beantragung von Drittmitteln für Forschungsprojekte mit der Formulierung von Gleichstellungspassagen. War der Antrag erfolgreich, beraten wir, wie die Gleichstellungsmittel zielgruppenspezifisch verausgabt werden können. Aktuell haben wir ein Qualifizierungsprogramm auf Englisch für die Graduiertenschule GESS, den Sonderforschungsbereich 884 und das Graduiertenkolleg „Statistische Modellierung komplexer Systeme und Prozesse – Moderne nichtparametrische Ansätze“ entwickelt und setzen es um. Es orientiert sich speziell an den Bedürfnissen der dortigen Nachwuchswissenschaftlerinnen.

FORUM: Und was werden die großen Projekte für die nächsten fünf Jahre sein?

Raquet: Zurzeit liegt der Fokus auf dem Qualitätsmanagement für alle unsere Angebote. Zwei acadeMIA-Jahrgänge beispielsweise haben den Promovendinnenlehrgang bislang absolviert. Diese befragen wir, wo sie zwischenzeitlich beruflich angekommen sind, wie sie von acadeMIA auf dem Weg in die wissenschaftliche Karriere unterstützt wurden und was sie sich eventuell anders gewünscht hätten. Daneben haben wir noch viel vor: Im nächsten Jahr möchten wir ein Qualifizierungsprogramm für Post-Doktorandinnen konzipieren und erarbeiten gerade Möglichkeiten, wie wir Dual-Career-Couples beim Ankommen in Mannheim systematischer und bestmöglich unterstützen können. Maßnahmen aus dem Gleichstellungsplan gilt es kontinuierlich umzusetzen und wir bemühen uns um Ausschreibungen für ein vom Europäischen Sozialfonds gefördertes Projekt. Aber zuerst feiern wir noch unser fünfjähriges Bestehen im Rahmen der diesjährigen Frauenwirtschaftstage am 13. Oktober 2016, welche vom Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau jährlich ausgerufen werden. Die Vorbereitungen dafür laufen auf Hochtouren.

Zum Bild: Alexandra Raquet, Leiterin der Stabstelle Gleichstellung und soziale Vielfalt


Interview: Nadine Diehl   I   Foto: Sabine Arndt  I   August 2016

Weitere Informationen:

Stabsstelle Gleichstellung und soziale Vielfalt