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Weniger Freiheit = Mehr Gleichheit?

Macht es eine Gesellschaft gleicher, wenn man den Eltern die Freiheit nimmt, selbst darüber zu entscheiden, auf welche Schule ihr Kind geht? Dieser Frage ist der Soziologe Dr. Jörg Dollmann vom Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung auf den Grund gegangen und gewann dafür gleich mehrere Preise – den Bojanovsky-Forschungs­preis der Universität und einen Award für den besten Artikel des Jahres im international renommierten European Sociological Review.

Nach fast 40 Jahren Rot-Grün bekam Nordrhein-Westfalen 2005 eine schwarz-gelbe Landes­regierung – aus der unverbindlichen Schulempfehlung wurde eine verbindliche. In einem natürlichen Experiment konnten sie testen, welche Auswirkungen das auf die soziale Ungleichheit hat. Was ist ihr Ergebnis?

Dollmann: Wenn sich die Eltern an das, was die Lehrer ihnen vorschreiben, halten müssen, ist das sozial weniger selektiv. Es ist ein bekannter Befund, dass Bildungs­aspirationen abhängig sind von der sozialen Schicht. Plakativ formuliert: Die Anwältin will, dass ihr Kind Abitur macht – egal wie. Dem Arbeiter reicht unter Umständen schon der Realschul­abschluss, obwohl sein Kind vielleicht zu mehr fähig wäre. Verbindliche Schulempfehlungen können da als soziales Korrektiv dienen.

Wenn die Lehr­kraft wirklich objektiv urteilt. Könnte es aber nicht sein, dass man einer kleinen Charlotte eher das Abitur zutraut als einem kleinen Ahmed?

Dollmann: Damit wären wir bei einem anderen Punkt, nämlich ethnischen Bildungs­ungleichheiten und deren Ursachen. Lehr­kräfte ziehen in ihre Empfehlungen Prognosen mit ein, ob es das jeweilige Kind auf dem Gymnasium schaffen kann – das geschieht aber eher entlang sozialer anstatt ethnischer Grenzen. Migranteneltern haben oftmals ein niedrigeres Bildungs­niveau und sind sozial schlechter gestellt. Entscheidet sich der Lehrer im Zweifelsfall gegen eine Gymnasialempfehlung, wird dies schnell als Diskriminierung gegen die Herkunft des Schülers wahrgenommen. Damit wäre ich jedoch vorsichtig. Im Einzelfall mag das vorkommen. Es zeigt sich jedoch in vielen Forschungs­arbeiten, dass ethnische Diskriminierung für die generellen Muster, die wir mit Blick auf Bildungs­ungleichheiten beobachten, keine zentrale Rolle zu spielen scheint.

Für welchen Bildungs­weg entscheiden sich Eltern, wenn sie frei wählen dürfen?

Dollmann: Hier laufen aus ethnischer und sozialer Sicht ebenfalls unterschiedliche Prozesse ab. Migranten haben genauso wie sozial höher gestellte Schichten sehr hohe Aspirationen für ihre Kinder – unabhängig von deren Leistungen. Das hängt wohl damit zusammen, dass viele mit dem Ziel hierherkommen, ihrer Familie ein besseres Leben zu ermöglichen. Wann immer sie die Chance haben, ihrem Kind einen besseren Bildungs­weg zu ermöglichen, machen sie das auch – das gilt besonders für türkische Familien. Überlässt man ihnen die Entscheidung, handeln sie ähnlich wie die Akademikerfamilien. Unverbindliche Empfehlungen reduzieren also die ethnische Ungleichheit, während sie die soziale Ungleichheit erhöhen – beides gleichzeitig zu verbessern, scheint nicht möglich zu sein.

Wie geht es dann aber nach der Grundschule weiter – reichen die hohen Bildungs­aspirationen der Eltern für ein Abi aus?

Dollmann: Am Beispiel von Baden-Württemberg kann man sehen, dass dem nicht unbedingt so ist. Als die grün-rote Landes­regierung die unverbindliche Schulempfehlung eingeführt hat, mussten mehr Schüler die fünfte Klasse wiederholen oder sogar auf die Realschule wechseln. Es ist davon auszugehen, dass Migrantenkinder, die durchschnittlich eher schwächere Leistungen in der Schule erzielen, besonders von diesen Klassenwiederholungen betroffen sind. Derart ambitionierte Bildungs­entscheidungen und mögliche Folge­probleme findet man übrigens nicht nur am Ende der Grundschulzeit. Auch nach dem Realschul­abschluss wechseln mehr Schüler mit Migrations­hintergrund auf ein Gymnasium als Deutsche. Ich untersuche in einem neuen Forschungs­projekt, wie sie dabei abschneiden. Erste Befunde deuten darauf hin, dass sie es auf diesem zweiten Weg vergleichsweise seltener zum Abitur schaffen als Schüler ohne Migrations­hintergrund.

Das würde dann ja aber heißen, dass es trotz der ambitionierten Entscheidungen keine soziale Mobilität gibt, wenn es die Kinder am Ende doch nicht schaffen?

Dollmann: Doch die gibt es, denn einige schaffen es ja dennoch, aber diese Mobilität benötigt eben Zeit. Die dritte, teilweise aber auch bereits die zweite Einwanderergeneration schließen in ihrem Bildungs­erfolg schon deutlich zur deutschen Bevölkerung auf. Und diese Bildungs­unterschiede – sofern sie in späteren Generationen noch bestehen – sind dabei größtenteils nichts spezifisch Ethnisches. Die Menschen, die man aus der Türkei in den 60ern nach Deutschland holte, waren eben keine Hochschul­absolventen, sondern wurden oftmals als Hilfsarbeiter angeworben. Das braucht dann einfach Zeit bis irgendwann einmal ein Kind als erstes in der Familie ein Gymnasium besucht und studieren geht. Wären es damals alle Ärzte gewesen, würde das heute sicherlich anders aussehen.

Interview: Nadine Diehl / April 2018