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Es war einmal... Studieren ohne Abitur?

Wer darf studieren und wer erhält eine Absage? Nach dem Zweiten Weltkrieg stand die Wirtschafts­hochschule Mannheim bei der Zulassung von Studierenden vor enormen Herausforderungen.

Abitur­schnitt, Leistungs­kursnoten, GMAT oder TOEFL – ob ein Bewerber genug kann und weiß, um zum Studium zugelassen zu werden, das kann die Universität Mannheim inzwischen dank mehrerer Kriterien zuverlässig prüfen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Situation für die damalige Wirtschafts­hochschule aber wesentlich schwieriger: In einer Zeit, in der Kriegsheimkehrer mit Notabitur, Ostflüchtlinge ohne Dokumente oder Ausländer mit unbekannten Abschlüssen an die Universitäten drängten, gab es zwar Zulassungs­voraussetzungen – doch diese umzusetzen, war oft problematisch.

Dokumente des Universitäts­archivs zeugen von der schwierigen Aufgabe: Das Abgangszeugnis von Herrn J. steht beispielhaft für ganze Jahrgänge, die im Laufe des Krieges den Reifevermerk verfrüht erhielten: „Dem Schüler wird auf Grund der nachgewiesenen Einberufung zum Wehrdienst gemäss Erlass des Herrn Reichs­ministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung […] die Reife zuerkannt.“ Ein solches Notabitur – darin waren sich die Rektoren einig – qualifizierte nicht umfassend fürs Studium. Für solche Fälle richtete die Wirtschafts­hochschule Förderkurse ein, damit Bewerber mit einer vorläufigen Zulassung Ergänzungs­prüfungen ablegen konnten.

Ein anderer Bewerber hatte Dienst an der Westfront geleistet und konnte nach dem Krieg nicht mehr in seine besetzte Heimat zurückkehren. Er bewarb sich ohne Zeugnis an der Wirtschafts­hochschule.  Ein Postamtmann bezeugte lediglich mit einer Eidesstattlichen Erklärung, dass der Bewerber in Ostpreußen erfolgreich die Reife­prüfung abgelegt hatte. Beglaubigungen seiner ehemaligen Lehrer wollte er nachreichen, sobald sie vorhanden waren.

Da kein Fall dem anderen glich, schloss sich der erste Mannheimer Nachkriegsrektor Prof. Dr. Walter Waffenschmidt oft mit anderen Hochschulen kurz oder bat das Kultus­ministerium um Klärung von Streitfällen. Die beiden Bewerber hatten übrigens Glück: Sie konnten ihr Wirtschafts­studium in Mannheim aufnehmen.

Text: Rebecca Hallner / April 2018

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