Nini Asatiani und Osman Suntay, Mannheimer Chancenstipendiaten / Foto: Elmar Witt

Chance auf eine bessere Zukunft

Ihre Eltern sind schwer krank, sie werden in ihrer Heimat politisch verfolgt, flohen vor dem Krieg oder vor Wirtschafts­krisen – zwölf Studierende, die sich in einer prekären Notlage befinden, fördert die Stiftung Universität Mannheim in diesem Jahr erstmals mit einem Chancen-Stipendium. Ermöglicht wird es durch die Spenden und Zustiftungen der Marie-Luise und Normann Stassen-Stiftung sowie des Rheinhyp Unterstützungs­fonds.

27 Lebensläufe hängen an diesem Tag an einer Pinnwand im Rektorat. Die Mannheimer Absolventen Normann Stassen und Margitta Frölich vom Rheinhyp Unterstützungs­fonds sitzen zusammen mit den anderen Mitgliedern der Auswahl­kommission davor. Sie haben eine schwere Entscheidung zu treffen: Hinter den 27 Lebensläufen stecken 27 Schicksale von Studierenden, die für das neue Chancenstipendium in Frage  kommen. Viele von ihnen stammen aus krisengebeutelten Staaten außerhalb der EU wie Afghanistan, Bangladesch oder Syrien. „Das hat uns alle sehr getroffen“, sagt Stassen. „Selbstverständlich haben auch Deutsche finanziellen Bedarf. Uns wurde jedoch schnell klar, dass gerade die internationalen Studierenden unsere Hilfe benötigen.“ Grund dafür sind auch die Studien­gebühren in Höhe von 1.500 Euro pro Semester, die das Land Baden-Württemberg seit vergangenem Herbst für Nicht-EU-Bürger erhebt.

Osman Suntay ist einer der zwölf Stipendiatinnen und Stipendiaten, die die Kommission nach intensiver Einzel­prüfung ausgewählt hat. Ohne das Chancenstipendium hätte der türkische Student nicht nach Deutschland kommen können. BAföG, Studien­kredite oder reguläre Stipendien­programme – was für Studierende aus der EU selbstverständlich ist, ist für Osman außer Reichweite. Und er hat noch ein viel größeres Problem: In seiner Heimat wird er politisch verfolgt. Seine Universität wurde von der Regierung geschlossen, viele seiner ehemaligen Kommilitonen und Professoren sitzen im Gefängnis. Wäre Osman nicht geflohen, hätte man ihn ebenfalls festgenommen – weil er sich politisch engagierte und bei friedlichen Demonstrationen gegen die Medienzensur mitlief. „Das nimmt mich psychisch alles sehr mit“, erzählt er mit gesenktem Blick. „Die Angst, dass meinen Freunden etwas zustoßen könnte, frisst mich manchmal regelrecht auf. Ich hatte riesiges Glück und bin sehr dankbar, dass ich hier weiter Politik­wissenschaft studieren kann.“

Auch Nini Asatiani aus Georgien ist froh über die finanzielle Unterstützung. Die 20-jährige BWL-Studentin, die insgesamt sieben Sprachen spricht, hat zwei Jahre lang Vollzeit gearbeitet, um in Deutschland zu studieren. Weil Nicht-EU-Bürger eine eingeschränkte Arbeits­erlaubnis haben, konnte Nini sich die erste Zeit nichts dazu verdienen. Ihr Erspartes war nach einem Jahr weg und auch ihre Eltern können sie nicht unterstützen: Ihr Vater ist auf Arbeits­suche, ihre Mutter Lehr­erin –  jedoch völlig unterbezahlt. „Wer im Ausland studiert hat, kann heute aber auch in Georgien einen gutbezahlten Job finden“, sagt sie. „Deshalb will ich unbedingt in Deutschland einen Abschluss machen.“

Normann und Marie-Luise Stassen hatten bereits 2016 den Grundstein für das Chancenstipendium gelegt: 100.000 Euro stellten sie der Universität Mannheim für junge begabte Menschen zur Verfügung, die ohne finanzielle Unterstützung nicht studieren könnten. Die Stipendiaten wissen das Engagement der Unternehmerfamilie zu schätzen. „Ich habe großes Glück, sie kennen gelernt zu haben. Sie geben uns nie das Gefühl, dass sie uns finanzieren. Ganz im Gegenteil – sie ermahnen uns immer dazu, nicht dauernd so furchtbar dankbar zu sein“, sagt Nini und lacht.

Im vergangenen Jahr hat sich dem Stipendium der Stiftung Universität Mannheim noch ein größerer Geldgeber angeschlossen: Der Unterstützungs­fonds der ehemaligen Rheinischen Hypothekenbank, mit dem diese einst Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Notlagen unterstützte, beteiligt sich mit einer Zustiftung von 1,2 Millionen Euro. Damit ist die Finanzierung des Stipendiums nachhaltig gesichert. „Die Idee dahinter passt sehr gut zu unserem Vereinszweck. Deshalb haben wir uns entschieden,  einen großzügigen Teil unseres Vermögens an die Universität Mannheim und damit in gute Hände zu geben“, erklärt Margitta Frölich, eine der ehemaligen Vorstände und Liquidatoren des Vereins.  

Auch im kommenden Herbst werden Normann Stassen und Margitta Frölich gemeinsam mit Vertretern der Universität wieder Stipendiatinnen und Stipendiaten auswählen. Und auch dann wird die Entscheidung vermutlich wieder nicht leicht fallen. „Man kann nie allen helfen“, sagt Stassen. „Aber wenn es uns gelingt, wenigstens ein paar jungen Menschen ein Studium zu ermöglichen, ist schon viel erreicht.“

Text: Nadine Diehl / April 2018