Prof. Dr. Thomas Puhl im Gespräch mit Katja Bär

„Ein starkes Signal für Mannheim“

Das 100-jährige Uni-Jubiläum gab 2007 den Startschuss: Um die besten Studierenden von den damals frisch eingeführten Studien­gebühren zu entlasten, entschloss sich die Universität Mannheim, ein hochschul­eigenes Stipendium aufzubauen. Was mit nur einem Programm begann, hat sich über die Jahre zu einem breiten Angebot entwickelt. Wozu es überhaupt Stipendien braucht, was Förderer dazu bewegt, jungen Menschen ein Studium zu finanzieren, und warum Stipendien auch denen zu Gute kommen, die keins haben – darüber sprach FORUM mit Prof. Dr. Thomas Puhl, Prorektor für Studium und Lehre.

Herr Professor Puhl, in den vergangenen zehn Jahren ist viel passiert. Heute hat die Universität Mannheim als eine von wenigen deutschen Hochschulen ein eigenes Stipendiensystem: Sie fördert akademische und sportliche Leistung, Studierende in finanziellen Notlagen, kulturelle Bildung und Auslands­aufenthalte. Steckt hinter dieser ganzen Vielfalt auch eine Strategie?

Puhl: Jedes unserer Stipendien hat gewiss eine ganz eigene Entstehungs­geschichte und geht auf die Initiative unterschiedlicher Förderer zurück. Nehmen wir beispielsweise das Deutschland­stipendium. Das ist der vom Bund finanzierte Nachfolger unseres ersten Stipendiums, das die Universität 2007 mithilfe ihrer guten Kontakte in die Wirtschaft, zu den Freunden der Universität und ABSOLVENTUM auf den Weg gebracht hat. Das Sportstipendium wiederum ist auf Initiative einer einzelnen Familie entstanden, der die berufliche Zukunft junger Spitzensportler sehr wichtig ist. Das Bronnbacher Stipendium wurde vom Kulturkreis der Deutschen Wirtschaft angestoßen, einem Verein, der künftigen Führungs­kräften einen Sinn für künstlerische Prozesse und Denkweisen vermitteln möchte. Zusammengenommen geht von unserem bunten Stipendien-System so ein gemeinsames, enorm starkes Signal für Mannheim aus, das zeigt: Wir haben gute Leute, die wir in ihrer Vielfalt fördern und in ihren unterschiedlichen Belangen ernst nehmen.

Stipendien verbinden viele in erster Linie mit finanzieller Förderung. Sind sie mehr als ein Taschengeld für fleißige Studierende?

Puhl: Die ideelle Förderung spielt – nicht nur bei vielen Stipendiengebern, sondern auch für die Studierenden – oft eine entscheidende Rolle. Beispielhaft dafür ist etwa die gemeinschaft­liche Auseinandersetzung mit unterschiedlichsten Kunstformen beim Bronnbacher Stipendium oder die Koordinations­hilfe für Spitzensportlerinnen und Spitzensportler, die sich der Doppelbelastung von Leistungs­sport und akademischer Ausbildung aussetzen. Die Tragweite der finanziellen Förderung sollte man jedoch auch nicht unterschätzen. Sie ist für Studierende und Doktoranden nach wie vor wichtig, da sie sonst unter dem Druck stehen, arbeiten oder bei ihren Eltern „betteln“ zu müssen. Ein Stipendium bedeutet ein Stück Unabhängigkeit und schafft Freiräume. Und das ist uns als Universität ein besonderes Anliegen: Wir möchten nicht nur, dass unsere Studierenden sich ein profundes Wissen in ihrem Fach aneignen, sondern auch, dass sie den Kopf frei haben, um sich außerhalb des Studiums zu engagieren und zu verantwortungs­bewussten Menschen heranzuwachsen.

Viele Universitäten hatten in den ersten Jahren Probleme, genügend Förderer für das Deutschland­stipendium zu begeistern. Nicht jedoch die Universität Mannheim. Sie konnte zu Beginn sogar über das vorgegebene Kontingent hinaus Stipendien vergeben. Was hat diese Uni anders gemacht als andere?

Puhl: Wir haben unser Umfeld schon immer gepflegt und hatten früh ein breites Netzwerk von Leuten, die sich der Universität verbunden fühlen. Die Freunde der Universität Mannheim pflegen seit den 50er Jahren das Unternehmens­netzwerk und sind bis heute der größte Stipendiengeber. ABSOLVENTUM dagegen war bei seiner Gründung 1995 das erste Absolventen­netzwerk in Deutschland. Das war eine Idee, die wir ein wenig von den Amerikanern abgekupfert hatten. Diese Vernetzung mit der Gesellschaft und vor allem mit den Alumni ist ganz wichtig. Die Amerikaner sagen nicht: „Ich zahle meine Steuern und damit habe ich meine Schuldigkeit getan.“ Sie fühlen eine Verpflichtung der Einrichtung gegenüber, die sie gefördert und stark gemacht hat – bis in die nächste Generation. Glücklicherweise findet dieser Gedanke auch in Deutschland eine wachsende Verbreitung.

Was bewegt Menschen, Unternehmen oder Einrichtungen dazu, Stipendien­programme zu unterstützen?

Puhl: Das ist sehr unterschiedlich. Unternehmen können den Wunsch haben, gute Leute zu finden und Kontakte zu Studierenden herzustellen. Oder sie fördern ein bestimmtes Studien­fach, einfach weil sie dieses für bedeutend halten. Ich kenne einen Industrieverband, der fördert Lehr­erinnen und Lehrer. Das sind keine Leute, die anschließend bei ihnen arbeiten werden, aber dem Verband ist dieses Anliegen trotzdem wichtig, weil Lehrer wiederum den Humus für die nächsten Generationen bereiten. Ein anderer hat eine erfolgreiche Firma aufgebaut, weil er bei uns eine gute Ausbildung genossen hat, und möchte jetzt mit einem Stipendium etwas zurückgeben. So hat jeder Mäzen frei entschieden, eigene Schwerpunkte zu setzen und ganz persönliche Anliegen umzusetzen. Und dass die Leute das tun, ist in jedem Einzelfall hoch anzuerkennen.

Haben auch andere Studierende etwas von der hohen Stipendiendichte an der Universität Mannheim?

Puhl: Das sehe ich schon so. Wenn wir sagen können, wir haben einen besonders hohen Anteil an Stipendiaten, dann ist das ein Beleg dafür, dass viele der besten Köpfe bei uns landen. Schauen wir uns beispielsweise die Studien­stiftung des deutschen Volkes an. Bei denen sind wir derzeit unter den fünf Prozent der erfolgreichsten Universitäten in Deutschland: 1,25 Prozent unserer Studierenden bekommen ein Stipendium der Studien­stiftung. Der bundes­deutsche Durchschnitt liegt dagegen bei nur 0,34 Prozent. Das ist eine Art Ranking, das zeigt: Unsere Studierenden sind klasse. Und das wiederum ist gegenüber Bewerbern, aber auch gegenüber zukünftigen Professoren ein gutes Argument: „Wenn ihr schlaue Studierende haben wollt, mit denen es Spaß macht zu arbeiten, dann müsst ihr nach Mannheim kommen.“ Das ist ein wechselseitiger Verstärkungs­mechanismus, von dem alle profitieren. Und natürlich nimmt jeder Absolvent den guten Ruf Mannheims mit – etwa ins Bewerbungs­gespräch bei seinem künftigen Arbeitgeber. Wenn diese „Marke Mannheim“ stimmt, tut das also jedem gut, der bei uns seinen Abschluss macht.

Leistungs­stipendien wie die Stipendien der Begabten­förderungs­werke oder das Deutschland­stipendium stehen immer wieder in der Kritik, Studierende aus bildungs­nahen Haushalten zu begünstigen und die Bildungs­ungleichheit zwischen Akademiker- und Nicht-Akademikerkindern weiter zu vergrößern. Ist das aus Ihrer Sicht ein berechtigter Kritikpunkt?

Puhl: Ich finde es durchaus berechtigt, Eliten zu fördern. Ein Gemeinwesen, das keine verantwortungs­bewussten Eliten hat, läuft Gefahr zu scheitern. Wir brauchen Eliten und vor allem solche, die ihre Fähigkeiten und ihr Kapital so einsetzen, dass sie nicht nur das eigene Portemonnaie, sondern auch das Gemeinwohl fördern. Wenn wir uns aber fragen, wer denn das Potenzial hat, zu so einer Elite zu gehören, dann sollten wir auf die richtigen Indikatoren setzen. Natürlich ist es so, dass Kinder aus doppelten Akademiker-Haushalten im Studium statistisch am erfolgreichsten sind. Die Herkunft ist also noch immer oft entscheidend für den Studien­erfolg. Wenn junge Menschen aber aus schwierigen Verhältnissen kommen und nicht bei einem Abitur­schnitt von 1,0 gelandet sind, sondern bei 1,6 oder 2,0, haben sie vielleicht trotzdem mehr Potenzial als die „Eins-Nuller“-Kandidaten – weil sie auf dem Weg dorthin Hindernisse zu überwinden hatten, die dreimal so groß waren. Das lässt erwarten, dass sie auch künftig besonders viel aus sich „herausholen“. Damit es nicht zu einer ständigen Reproduktion der gleichen Eliten kommt und anderes Potenzial brach liegt, müssen wir uns in den Auswahlgremien die Lebensläufe unter diesem Aspekt genau anschauen. Dafür gibt es ein wachsendes Bewusstsein und ich glaube, wir sind da auf einem guten Weg.

Seit vergangenem Herbst gibt es ein neues Stipendium an der Universität Mannheim: das Mannheimer Chancenstipendium. Es soll begabte Studierende unterstützen, die sich in finanziellen Notlagen befinden. Ist das ein Versuch, dieses Potenzial besser auszuschöpfen?

Puhl: Ja, deswegen halte ich das Mannheimer Chancenstipendium der Stiftung Universität Mannheim für ein wichtiges Ergänzungs­element unseres Stipendiensystems. Es darf nicht sein, dass jemand nicht studieren kann oder schlechtere Studien­bedingungen hat, nur weil der finanzielle Hintergrund in der Familie nicht so stimmt. Das Mannheimer Chancenstipendium soll diejenigen auffangen, die durch die sozialen Maschen unseres Systems fallen – meistens sind das Studierende aus Nicht-EU-Ländern, die keinen Anspruch auf BAföG haben, aber vereinzelt auch deutsche Studierende, bei denen mehrere widrige Umstände zusammenkommen.

Ist in nächster Zeit ein weiterer Ausbau der Stipendien geplant?

Puhl: Da wir auf das Engagement privater Förderer angewiesen sind, ist das schwer zu sagen. Die Universität selbst darf aus Steuermitteln keine Stipendien vergeben, da wir unsere Gelder nur für die vom Landes­haushalt vorgegebenen Zwecke verwenden dürfen. Was wir aber tun können, ist in der Öffentlichkeit den Gedanken zu fördern, dass es lohnend ist, sich privat zu engagieren und in künftige Generationen zu investieren. Der Gedanke der generationen­übergreifenden Solidarität ist in Deutschland noch nicht weit genug verbreitet. Wenn wir da einen Kulturwandel schaffen, dann ist nach oben noch viel möglich.

Interview: Katja Bär und Linda Schädler / April 2018