Die Mannheimer Sozialpsychologen Anna Bruk und Prof. Dr. Herbert Bless / Foto: Daniela Haupt

Schwäche als Stärke auslegen funktioniert nur bei den anderen

Mannheimer Sozialpsychologen haben untersucht, warum Menschen ungern die eigene Verletzlichkeit offenbaren – dies aber gut finden, wenn andere es tun.

Vor einer großen Gruppe von Zuschauern unvorbereitet ein Lied singen, Gäste in eine nicht perfekt aufgeräumte Wohnung einladen oder jemandem spontan eine Liebes­erklärung machen – die meisten Menschen meiden solche Situationen. Sie fürchten sich vor einer Blamage und gehen davon aus, dass ihre Verletzlichkeit sie schwach und unvollkommen auf andere wirken lässt.

Dem scheint jedoch nicht so. Ganz im Gegenteil: Offenbart man die eigenen Schwächen, erleichtert dies häufig den Kontakt und verbessert sogar die Beziehungen zu anderen Menschen. Denn das Bekennen zur eigenen Verletzlichkeit sehen Außen­stehende häufig als Stärke an. Das ist das Ergebnis einer Studie der Mannheimer Sozialpsychologen Anna Bruk, Dr. Sabine Scholl und Prof. Dr. Herbert Bless, die im Journal of Personality and Social Psychology erschienen ist.

Die Studie umfasste insgesamt sieben Teil­studien mit mehr als 700 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. In einer der Studien luden Bruk und ihr Team Studierende dazu ein, einen improvisierten Song vor einer Jury zu singen. Davor beantworteten sie Fragen über Verletzlichkeit. Während die Probanden in der Jury das unvorbereitete Singen als Zeichen von Stärke und Mut interpretierten, fielen die Antworten der designierten Sängerinnen und Sänger viel vorsichtiger aus: Sie fühlten sich unzulänglich und hatten Bedenken, ihre schlechte Stimme oder fehlende Musikalität zu offenbaren. „Hier wird die Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung deutlich. Einerseits betrachten wir Verletzlichkeit als ein negatives Phänomen, als inneres Chaos, solange es um uns geht. Andererseits aber als ein Zeichen der Stärke und der Fähigkeit, zu den eigenen Schwächen zu stehen, wenn andere ihre Verletzlichkeit zeigen“, so Anna Bruk.

Grund für die Diskrepanz sei der Grad an Abstraktion: Je abstrakter ein Ereignis in unserer Vorstellung, umso positiver ist unsere Sicht darauf, so die Forscher. Das erklärt beispielsweise, warum Menschen vorsichtig agieren, wenn sie selbst ganz konkret in ein Ereignis involviert sind, anderen aber empfehlen, sich dem Risiko des potenziell negativen Feedbacks zu stellen. Ähnlich funktioniert es mit der Vorfreude auf bestimmte Ereignisse, wie eine Reise oder Hochzeit. „Ereignisse, die in der Zukunft passieren und damit noch sehr abstrakt sind, bewerten wir meist positiv“, erklärt Dr. Sabine Scholl. „Je näher das Ereignis rückt, desto stärker geraten negative Aspekte in den Mittelpunkt.“

Die Frage, wie sich die Diskrepanz überwinden lässt, und mit welchen positiven aber auch negativen Konsequenzen dies einhergeht, ist Gegenstand derzeit laufender Forschungs­arbeiten. Unabhängig davon zeigen die Ergebnisse der vorliegenden Studie: Mut und Überwindung der eigenen Ängste können helfen, knifflige Situationen im Leben zu meistern – ob beim Antreten eines neuen Jobs oder bei Auftritten vor fremdem Publikum. Freunde, Kollegen oder Vorgesetzte reagieren häufig viel wohlwollender als befürchtet. Deshalb sei es empfehlenswert, das eigene Augenmerk eher auf die schönen als auf die chaotischen Aspekte der eigenen Verletzlichkeit zu richten.

Text: Yvonne Kaul / April 2019