ABSOLVENTUM-Mitglied und Truppenpsychologe Dr. Jörn Ungerer bei einem Einsatz in Afghanistan / Foto: Privat

Ein Wiedersehen mit … Dr. Jörn Ungerer

Jörn Ungerer hat von 1996 bis 2000 in Mannheim Psychologie studiert. Direkt danach bewarb er sich bei der Bundes­wehr. Dort fing er als einer der ersten Truppenpsychologen an und betreut seitdem Soldatinnen und Soldaten – auch solche, die schwer traumatisiert von gefährlichen Auslands­einsätzen zurückkommen. Er selbst war sieben Mal für mehrere Monate in Afghanistan.

FORUM: Wie kam es, dass Ihr Psychologiestudium Sie direkt zur Bundes­wehr führte?

Ungerer: Ich wollte eigentlich immer in die Polizeipsychologie – dort gab es zu meiner Zeit aber nur wenige Stellen. Die Bundes­wehr war hingegen schon immer einer der größten Arbeitgeber für Psychologen. Gebraucht wird alles, von der klinischen Psychologie über die klassische Arbeits- und Organisations­psychologie bis hin zur Flugpsychologie für die Piloten. Als im Jahr 2001 die Auslands­einsätze in Afghanistan begannen, suchte die Bundes­wehr nochmal verstärkt. Die Soldaten benötigten unbedingt Betreuung vor, während und nach den Einsätzen. Drei Tage vor meiner letzten Prüfung hatte ich dann schon das Vorstellungs­gespräch in Düsseldorf und es klappte. Das Terrain war mir auch nicht ganz unbekannt, da ich nach dem Abitur Wehrdienst bei den Fallschirmjägern abgeleistet hatte.

FORUM: Sie waren einer der ersten Truppenpsychologen bei der Bundes­wehr. Mittlerweile gibt es über 140. Neben der Personalpsychologie ist das nun der zweitgrößte Block – wie muss man sich Ihre Arbeit vorstellen?

Ungerer: Ich leite ein sechsköpfiges Psychologen-Team, das für eine Truppe zuständig ist. Im Berufsalltag beraten wir die Soldatinnen und Soldaten in familiären und dienstlichen Problemen – und wir bereiten sie auf Extremeinsätze vor. Dazu schauen wir zunächst, wer überhaupt psychologisch stabil genug ist und aus einem geregelten familiären Umfeld kommt, um in einen gefährlichen Auslands­einsatz zu gehen. Dann bringen wir ihnen zum Beispiel den Umgang mit Extrembelastungen wie Tod und Verwundung bei. Im Einsatz selbst leisten wir psychologische Ersthilfe, um die Folgeschäden wie posttraumatische Belastungs­störungen so gering wie möglich zu halten.

FORUM: Sie waren zwischen 2004 und 2011 selbst jedes Jahr für mehrere Monate in Afghanistan. Was hat das mit Ihnen gemacht?

Ungerer: In den Militärcamps spürt man eine Art Pseudosicherheit, die nicht vorhanden ist. Einmal schlug eine Rakete sehr nah vom Camp ein, ein andermal war eine Sprengfalle angekündigt, als wir mit dem Konvoi unterwegs waren. Man ist also auch als Psychologe ganz konkret den Bedrohungen ausgesetzt. In meiner Zeit sind Soldaten gefallen und wurden schwer verwundet. Ich erlebte also selbst, wofür ich andere im vornherein ausgebildet hatte. So konnten wir im Psychologenteam prüfen, ob die Techniken in realen Einsätzen auch wirklich funktionieren. Ich habe das als großen Zugewinn empfunden.

FORUM: Wie hat Ihre Familie auf Ihren Auslands­einsatz reagiert?

Ungerer: Damals hatte ich mit meiner Frau vereinbart, dass wir während der Einsätze so offen und so oft wie möglich über alles miteinander sprechen – am Telefon und per Mail. Für Angehörige ist die Situation meist viel belastender als für einen selbst. Sobald sie im Fernsehen sehen, dass es in Afghanistan eine Explosion gab, denken sie sofort, dass man selbst davon betroffen ist – auch wenn der Ort hunderte Kilometer vom Camp entfernt ist. Irgendwann werde ich wieder hinmüssen, auch wenn es schwierig wird, zumal ich mittlerweile zwei Kinder habe.

FORUM: Sie haben in der Bundes­wehr auch promoviert.

Ungerer: Ja, 2010 wurde im Bundes­wehrkrankenhaus in Berlin eine neue Abteilung eingerichtet, das Psychotraumazentrum mit eigener Forschungs­abteilung. Dort habe ich über die Belastbarkeit von Soldatinnen und Soldaten in einer Spezialeinheit promoviert. Das hat mir großen Spaß gemacht, weil ich nach dem Studium an der Universität Mannheim auch immer wissenschaft­lich interessiert geblieben bin. Ich habe vier Jahre neben der Arbeit promoviert und bin danach wieder in die Truppenpsychologie zurückgekehrt.

FORUM: Zur Zeit Ihrer Promotion sind die posttraumatischen Belastungs­störungen (PTBS) unter Soldatinnen und Soldaten drastisch angestiegen. Haben Sie das im Bundes­wehrkrankenhaus gemerkt?

Ungerer: Sehr deutlich sogar. Trotzdem ist die Zahl bis heute im Wesentlichen gleich geblieben. Das liegt zum einen an der langen Latenzzeit dieser Störung – viele merken erst nach Jahren, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Und zum anderen trauen sich viele jetzt erst, Hilfe anzunehmen. Soldaten zeigen ungern Schwäche und versuchen, ihre Probleme zu verstecken. Psychologe und Soldat, das passt nicht so gut zusammen. Doch die Bundes­wehr hat sich diesbezüglich stark gewandelt. Und auch wir Psychologen sind weiter als vor zehn Jahren. Unsere Screenings und Therapieformen haben sich verbessert, sodass die Gesundungs­wahrscheinlichkeit zugenommen hat. Zwei Prozent der Soldaten kommen mit einer PTBS zurück. Das hört sich wenig an, in absoluten Zahlen sind es jedoch Tausende.

FORUM: Hat Sie die Universität Mannheim gut auf Ihren Job vorbereitet?

Ungerer: Das kann ich absolut bejahen. Ich wurde für das, was ich tue, hervorragend ausgebildet. Ich studierte damals im Schwerpunkt Arbeits- und Organisations­psychologie und Mannheim war darin zweifelsohne am besten aufgestellt. Die Uni Mannheim legt außerdem großen Wert auf saubere Methoden: Wie erstelle ich einen einwandfreien Fragebogen? Wie gehe ich an komplexe psychologische Problemstellungen heran? Das wird in Mannheim sehr gut gelehrt und ich habe da einen schönen Rucksack mitbekommen, mit dem ich praxis­orientiert arbeiten kann. Kolleginnen und Kollegen, die woanders studiert haben, fällt manches nicht so leicht. Meine Entscheidung für die Uni Mannheim war also ein absoluter Volltreffer.

FORUM: Wie halten Sie Kontakt zu Ihrer Alma Mater?

Ungerer: In der WG, in der ich eine Zeit lang gewohnt habe, habe ich meinen heutigen besten Freund kennengelernt und auch mit der Studentenwohnheim-Gang halte ich noch Kontakt. Ich bin häufig in Mannheim, der Bezug zur Stadt und zur Uni hat sich gehalten. Und im Wohnzimmer habe ich auch ein Bild vom Schloss hängen, das mich täglich an die tolle Zeit in Mannheim erinnert.

Interview: Nadine Diehl / April 2019