Die britische Journalistin Dina Gold / Foto: Noel St. John

Ein schwieriges Erbe

2015 veröffentlichte die ehemalige BBC-Journalistin Dina Gold das Buch „Stolen Legacy“. Darin erzählt die Ur-Enkelin eines erfolgreichen Berliner Pelzhändlers die Geschichte der systematischen Enteignung jüdischer Geschäftsleute während der NS-Zeit – und von ihrem persönlichen Kampf um Wiedergutmachung für das Unrecht, das ihrer eigenen Familie widerfuhr. Bei den Recherchen für ihr Buch stieß Gold auch auf den Namen Dr. Kurt Hamann. Hamann, der später zwei Mal mit dem Bundes­verdienstkreuz und als Ehrensenator der Universität Mannheim ausgezeichnet wurde, galt in der Nachkriegszeit lange als un­problematisch. Doch war er, wie Golds Recherchen zu Tage brachten, als langjähriger Vorstandsvorsitzender der Victoria-Versicherung verantwortlich für viele „Arisierungen“ während der NS-Zeit. Die neuen Er­kenntnisse haben die Universität Mannheim nun dazu veranlasst, eine nach ihm benannte Stiftung umzubenennen – und die Biografien potenziell historisch belasteter Ehrenträger und Rektoren aus der Vergangenheit genau zu untersuchen. FORUM sprach mit Dina Gold über ihren langen Weg für Gerechtigkeit.


FORUM: Ihr Ur-Großvater Victor Wolff betrieb eines der international erfolgreichsten Pelz-Unternehmen in Deutschland. Bereits 1910 hatte er ein sechsstöckiges Gebäude in der Krausenstraße 17/18 in Ost-Berlin errichten lassen mit Büro-, Lager- und Verkaufsflächen. 1937 ließ die Victoria-Versicherung, die heute zur ERGO gehört, einen Zwangs­verkauf für das Gebäude anordnen und es direkt in den Besitz der Reichsbahn übergehen. Direkt nach dem Mauerfall haben Sie sich auf den Weg dorthin gemacht, um eine Entschädigung für das Unrecht an Ihrer Familie einzufordern. Mittlerweile waren darin Teile des Bundes­verkehrs­ministeriums untergebracht. Was war das für ein Gefühl?

Gold: Es war total überwältigend. Ich war nervös, denn alles was ich hatte, waren die Geschichten meiner Großmutter, die mir von diesem Gebäude erzählt hatte, das einst meiner Familie gehört haben soll – und die Kopie eines Auszugs aus dem Firmenregister des Deutschen Reichsadressbuchs von 1920. Am Eingang begrüßte mich ein Herr Münch und fragte, was ich wolle. Ich sagte ihm, dass ich hergekommen sei, um Anspruch auf das Gebäude meiner Familie zu erheben. Der Mann war zunächst sprachlos, doch er sagte mir auch, dass sie wussten, dass dieser Moment wahrscheinlich irgendwann kommen würde. Die Mitarbeiter würden es immer das „Wolff Gebäude“ nennen, wüssten aber nicht genau wieso.

FORUM: Danach dauerte es noch weitere sechs Jahre bis Ihre Familie entschädigt wurde. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Gold: Als eine emotionale Achterbahnfahrt. Mein Mann und ich waren beide berufstätig, hatten zwei Kinder und ein drittes war unterwegs. Oft haben wir uns frei genommen, um nach Berlin zu fliegen und unsere Freizeit mit Recherchen zu verbringen. Nachdem ich mehr und mehr Beweise für die Geschichte meiner Großmutter fand, begann auch meine Mutter, sich dafür zu interessieren und half mir. Sie war mit der deutschen Sprache aufgewachsen, konnte Briefe schreiben und Telefonate für mich führen. Natürlich engagierten wir auch Anwälte. Innerhalb von zweieinhalb Jahren hatten wir dann alle Dokumente beisammen, um zu beweisen, dass meine Mutter und ihre drei Geschwister die rechtmäßigen Erben des Gebäudes sind. Danach zog es sich jedoch. Ich vermute, dass man darauf wartete, dass meine Mutter vorher stirbt.

FORUM: Doch es kam anders. Ihre Familie wurde 1996 mit heute umgerechnet rund 19 Millionen Euro entschädigt – ein besonderer Fall in der deutschen Nachkriegsgeschichte und ein langer Kampf für Sie. Was haben Sie dabei über sich selbst und über Ihre Familie gelernt?

Gold: Ich habe zum Beispiel herausgefunden, wie der Onkel meiner Mutter zu Tode kam. Vor der Enteignung durch die Victoria-Versicherung 1937 floh meine Mutter zusammen mit ihren Eltern und Geschwistern aus Deutschland. Victors jüngerer Sohn Fritz blieb in Berlin, um das Gebäude, so gut es ging, zu verwalten. Meine Mutter wusste, dass ihr Onkel getötet wurde, kannte jedoch nicht die genauen Umstände. Während unserer Recherchen fanden wir seinen Namen in einer Liste für das Konzentrations­lager Sachsenhausen datiert auf den November 1938 und auf einer Transportliste von 1943 von Berlin nach Ausschwitz, wo er ermordet wurde. Meine Mutter hatte schlaflose Nächte, als sie die genaue Geschichte nach all den Jahrzehnten erfuhr. Und was ich für mich selbst aus der ganzen Sache mitnehme: Man darf niemals aufgeben.

FORUM: Warum waren es ausgerechnet Sie, die sich so sehr für die eigene Familiengeschichte interessierte?

Gold: Die erste Generation hat sich meist ein neues Leben aufgebaut und will das erlebte Leid hinter sich lassen. Die zweite Generation ist von den Geschichten hingegen fasziniert. Ich schleppte einfach nicht denselben emotionalen Ballast mit mir herum wie meine Mutter. Sie wusste nicht, ob das Gebäude wirklich ihrer Familie gehörte, noch ob es wert sein würde, eine Entschädigung dafür einzufordern. Sie erinnerte sich nur noch daran, wie sie als kleines Mädchen das Gebäude besuchte und auf den Pelzen im Keller herumspringen durfte. Auch meine drei Kinder finden es wichtig, dass ich unsere Familiengeschichte aufgearbeitet habe.

FORUM: Wie haben Sie herausgefunden, welche Rolle Kurt Hamann zu dieser Zeit spielte?

Gold: Bei einem Besuch des Britischen Nationalarchivs stieß mein Mann auf ein Buch des britischen Kriegs­ministeriums von 1944, das als „vertraulich“ gekennzeichnet war. Es trug den Titel „Who‘s Who in Nazi Germany“. Darin war auch der damalige Vorstandsvorsitzende der Victoria-Versicherung, Dr. Kurt Hamann, gelistet. Als ich spät nachts seinen Namen googelte, tauchte dieser in Zusammenhang mit der Universität Mannheim auf, die eine Stiftung zur Förderung wissenschaft­licher Arbeiten zu versicherungs­wirtschaft­lichen Themen nach ihm benannt hatte. Ich war geschockt und konnte es nicht glauben. Ich habe dem damaligen Rektor Prof. Dr. Ernst-Ludwig von Thadden eine E-Mail geschrieben – und versucht, noch mehr über Kurt Hamann herauszufinden. Er war zwar nicht in der NSDAP, als Vorstandsvorsitzender war er jedoch für die Geschäfts­praktiken der Victoria verantwortlich. Diese gehörte auch einem Konsortium an, das Zwangs­arbeits­lager in Auschwitz, Buchenwald und Stutthof versicherte. Außerdem war Hamann im Ehrenkomitee des Hauses der Deutschen Kunst an der Seite von Goebbels und Göring.

FORUM: Die Universität Mannheim gab daraufhin eine wissenschaft­liche Studie in Auftrag, um die genauen Hintergründe über Kurt Hamann zu erfahren. Als die Ergebnisse vorlagen, beschloss sie, ihm die Ehrensenatorenwürde zu entziehen und die Stiftung umzubenennen - in „Stiftung zur Förderung der Versicherungs­wissenschaft an der Universität Mannheim“. Das Regierungs­präsidium Karlsruhe hat dies vor Kurzem genehmigt. Reicht eine Umbenennung aus oder müsste Ihrer Meinung nach mehr getan werden?

Gold: Die Generation von heute hat keine Schuld an dem, was passiert ist. Sie hat jedoch eine Verantwortung, daran zu erinnern. Aus diesem Grund habe ich mich auch dafür eingesetzt, dass an dem Gebäude in der Krausenstraße, worin sich heute das Bundes­innen­ministerium befindet, eine Plakette angebracht wird, die seine Geschichte erklärt. Und, dass mein Großonkel Fritz einen Stolperstein vor seiner ehemaligen Wohnung in der Dresdner Straße 97 in Berlin-Mitte bekommt. Mehr können wir heute im Prinzip auch nicht mehr tun, als diese Geschichten zu erzählen.

Interview: Nadine Diehl / April 2019

www.stolenlegacy.com