Foto: Norbert Bach / Gestaltung: uc graphic

In der Türkei verfolgte Philosophieprofessorin findet Zuflucht an der Universität Mannheim

Die Universität Mannheim hat Fördergelder der Philipp Schwartz-Initiative eingeworben und nimmt eine Wissenschaft­lerin aus der Türkei auf. Die Initiative gewährt ein 24-monatiges Stipendium, um gefährdete Wissenschaft­lerinnen und Wissenschaft­ler zu schützen und ihnen Forschungsmöglichkeiten in Deutschland zu eröffnen.

Die 48-Jährige war seit vielen Jahren an einer Istanbuler Universität als Philosophieprofessorin tätig, bevor sie 2017 quasi über Nacht ihre Stelle verlor. Zuletzt habe sie bei ihrer Vorlesung immer Besuch von Fremden bekommen, die sich als Handwerker ausgegeben hatten, erzählt sie. Das Thema der Vorlesung: Die Theorie von Aristoteles über das Wesen eines Tyrannen. Ihre Identität möchte sie nicht preisgeben – aus Angst, dass ihre Familie in der Türkei noch stärkeren Repressalien ausgesetzt wird.

Aufgrund der Notstandsverordnung von Präsident Erdogan nach dem gescheiterten Putschversuch im Sommer 2016 konnte die Wissenschaft­lerin nicht mehr im öffentlichen Dienst arbeiten. Ihr Pass war ungültig gemacht, sie selbst wurde stigmatisiert und auf Schritt und Tritt verfolgt. Angesichts der drohenden Strafverfolgung verließ sie die Türkei. „Ich wollte mein Leben und das Leben meiner Kinder retten“, sagt die Philosophieprofessorin. Sie flüchtete nach Griechenland und fand dort in einem UN-Camp Zuflucht, bevor sie nach Deutschland kam. Ihre Töchter zogen nach.

Der Mannheimer Philosophieprofessor Dr. Bernward Gesang hat sie zur Förderung vorgeschlagen – und war mit seinem Antrag erfolgreich: „Meine Kollegin hat mir ihre schockierende Situation geschildert, die einem eindrucksvoll vor Augen führt, welches Glück man hat, nicht Tausend Kilometer südöstlich zu leben, was ja dem Zufall unterliegt. Zudem war ihr Forschungs­projekt vielversprechend, innovativ und ließ sich an einen Schwerpunkt meiner Forschung anschließen“, erklärt er. Am Lehr­stuhl von Prof. Gesang arbeitet die Stipendiatin zurzeit an einem Projekt über die Zukunft der menschlichen Fortpflanzung.

Die Universität Mannheim baut ihre Unterstützung für bedrohte Wissenschaft­lerinnen und Wissenschaft­ler kontinuierlich aus und ist auch Mitglied des Netzwerks „Chance for Science“ für geflüchtete und in Deutschland lebende Forschende, Akademiker und Studierende.

Die Philipp Schwartz-Initiative besteht seit 2016. Sie ist nach einem Pathologen jüdischer Abstammung benannt, der 1933 vor den Nationalsozialisten in die Schweiz floh und hier die „Notgemeinschaft deutscher Wissenschaft­ler im Ausland“ gründete. Mit der Philipp Schwartz-Initiative gewährt die Alexander von Humboldt-Stiftung Forschenden, die in ihren Heimatländern verfolgt werden, ein Vollstipendium für 24 Monate. Von den Stipendiatinnen und Stipendiaten kommen mittlerweile die meisten aus der Türkei.

Text: Yvonne Kaul / September 2020