Ist Altersvorsorge für die Deutschen ein Thema? Die Wirtschaftspädagogin Prof. Dr. Carmela Aprea forscht dazu aktuell / Foto: Anna Logue

„Wir müssen uns früher mit der Vorsorge für den Ruhestand beschäftigen“

Prof. Dr. Carmela Aprea ist Inhaberin des Lehr­stuhls für Wirtschaftspädagogik – Design und Evaluation instruktionaler Systeme an der Universität Mannheim und erforscht aktuell, inwieweit die Bevölkerung sich mit dem Thema „Altersvorsorge“ befasst. FORUM hat mit ihr über ihr Forschungs­projekt, über den CSU-Vorschlag eines Renten-„Starterkit“ für Jugendliche bis 18 Jahre und die Einführung der Grundrente gesprochen.

FORUM: In ihrer Studie befragen Sie die erwerbstätige Bevölkerung zwischen 18 und 65 Jahren, ob sie sich für den Ruhestand gut versorgt sieht oder beunruhigt über die Auswirkungen des demografischen Wandels ist. Was erhoffen Sie sich von der Studie?

Aprea: Wir wollen herausfinden, ob die Bevölkerung mehr Informationen benötigt, zum Beispiel auf der Website der Renten­versicherung oder zur Ausgestaltung der Altersvorsorge. Durch die demografischen Veränderungen können wir uns nicht mehr nur auf die gesetzliche Rente verlassen und müssen früher unseren Ruhestand planen. Das klappt aber nur, wenn man rechtzeitig für das Thema sensibilisiert ist und genug über mögliche Alterssicherungen weiß.

FORUM: Frühzeitige Überlegungen für das Alter sind also unumgänglich?

Aprea: Ja, denn entweder müssen wir mehr ansparen oder länger arbeiten, wodurch manche vermutlich ihr Leben anders planen würden. Und Personen, die mehr ansparen möchten, dürfen nicht vergessen, dass betriebliche und private Altersvorsorge in den Kapital­markt eingebunden sind. Dadurch unterliegen Zinserträge und Renditen Schwankungen und werden möglicherweise nicht nur steigen. Auch diese Risiken sollten in den Überlegungen für den Lebensabend bedacht werden.

FORUM: Sie forschen auch zur finanziellen Bildung bei Jugendlichen. Denken diese an die Rente?

Aprea: Den meisten ist bewusst, dass die Rente irgendwann kommt. Aber, da das Thema weit in der Zukunft liegt und aus deren Perspektive nicht gerade spannend ist, beschäftigten sich wenige in jungen Jahren damit. Zumal man sich informieren muss und das notwendige Fach­vokabular nicht unbedingt leicht zu verstehen ist.

FORUM: Ein Vorschlag der CSU vom Januar zielt auf diese Generation ab: Bis zum 18. Lebensjahr sollen pro Kind monatlich 100 Euro in einen Fonds einbezahlt werden, ein so genanntes Renten-„Starterkit“. Was halten Sie davon?

Aprea: An sich eine gute Idee. Jedoch ist noch offen, ob jedes Kind das Renten-„Starterkit“ erhalten soll oder einige, zum Beispiel Kinder vermögender Eltern, davon ausgenommen sind. Auch die Finanzierung ist noch nicht geklärt: Aus Steuern ja, aber aus welchen? Prinzipiell ist dieser Vorschlag einfach eine Verlängerung des Kindergeldes, aber mit der Auflage, es für einen bestimmten Zweck anzulegen.

FORUM: Das Geld soll den Kindern bei ihrem späteren Eintritt in den Ruhestand zusammen mit den erworbenen Rentenansprüchen ausgezahlt werden.

Aprea: Dieser Eintritt in den Ruhestand liegt weit in der Zukunft, was viele Unwägbarkeiten mit sich bringt. Das „Starterkit“ muss hieb- und stichfest sein, denn es ist eine Art Grundsicherung, finanziert aus Steuermitteln. Wird der Fonds auf dem Kapital­markt angelegt, sollte er krisensicher sein, sonst bleibt wenig von dem Geld für die Kinder übrig.

FORUM: Im Juli wurde eine Neuerung im Renten­bereich beschlossen: die Grundrente. Diese wird als eigenständige Leistung auf die normale Rente aufgeschlagen. Ist die Grundrente für alle da?

Aprea: Die Grundrente soll vor allem die Personen unterstützen, die im Laufe ihres Arbeits­lebens nur wenige Bezüge angesammelt haben, zum Beispiel durch geringes Gehalt oder Teilzeitarbeit. Durch die Grundrente wird ihnen das Stigma genommen, mit einer geringen Rente am Existenzminium zu leben oder sogar in die Altersarmut abzurutschen.

FORUM: Dann bekommt nur Grundrente, wer wenig eingezahlt hat?

Aprea: Genau. Im Prinzip ist die Grundrente eine Mischform aus Erwerbsrente und Grundsicherung. Sie wird automatisch an alle ausgezahlt, die laut einer Einkommensprüfung in Frage kommen. Maßgeblich ist hier das zu versteuernde Einkommen unter Hinzurechnung des steuerfreien Teils der Rente beziehungs­weise eines Versorgungs­freibetrages und der Einkünfte aus Kapitalvermögen. Ziel der Grundrente ist es, dass die Lebensleistung aller Menschen angemessen gewürdigt wird.

FORUM: Die Grundrente soll schon nächstes Jahr eingeführt werden. Woher kommt das Geld, dass die Rentner erhalten sollen?

Aprea: Die Grundrente sollte zunächst über eine Transaktions­steuer auf Aktienkäufe finanziert werden. Das konnte auf europäischer Ebene bislang jedoch nicht durchgesetzt werden. Daher wird die Grundrente durch eine Anhebung des Bundes­zuschusses zur Renten­versicherung finanziert. Dieser Zuschuss soll um die anstehenden Kosten erhöht werden. Das heißt, die Grundrente wird aus anderen Steuermitteln finanziert.

Interview: Luisa Gebhardt / September 2020