Prof. Dr. Ulrich Reininghaus und sein Team am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI), einem der Kooperations­partner der Universität Mannheim / Foto: Helena Dech

Psychischen Problemen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Smartphones vorbeugen

Um Jugendlichen und jungen Erwachsenen spätere Leiden durch die Entwicklung schwerer psychischer Gesundheits­probleme zu ersparen, trainieren sie bei der EMIcompass Studie am Smartphone den Umgang mit Gefühlen. Die Ergebnisse sollen langfristig als App angeboten werden, um psychischen Erkrankungen im Erwachsenenalter vorzubeugen und bei schweren Krankheitsverläufen eine erste Hilfe zu sein. Durchgeführt wird die Studie von Prof. Dr. Ulrich Reininghaus und seinem Team am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI), einem der Kooperations­partner der Universität Mannheim.

Schätzungs­weise wird jeder Vierte einmal im Laufe seines Lebens psychisch krank. Meistens treten erste Symptome schon weit vor dem 25. Lebensjahr auf. „Daher ist die frühe Erkennung und Intervention besonders wichtig“, sagt Prof. Dr. Ulrich Reininghaus, Leiter der Abteilung Public Mental Health am ZI. „Junge Menschen suchen bei psychischen Problemen meist erst spät Hilfe, oft ist die Erkrankung dann schon sehr ausgeprägt.“ Reininghaus möchte herausfinden, ob ein digital angebotenes Training psychische Beschwerden verringern kann.

„Bei psychischen Erkrankungen stehen häufig Selbstkritik und negative Gefühle im Vordergrund und das emotionale Gefahrensystem ist durcheinander. Wir trainieren den Umgang damit, sodass sich das System beruhigt und andere Systeme der emotionalen Regulation in den Vordergrund treten, die mit Selbstfürsorge, Selbstakzeptanz und positiven Gefühlen in Verbindung stehen“, sagt der Wissenschaft­ler. Befinden sich Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Beispiel in stressigen Situationen, so bietet ihnen das Studien-Smartphone wissenschaft­lich fundierte Übungen an, die helfen, mit diesen umzugehen.

An der EMIcompass Studie können Personen zwischen 14 und 25 Jahren teilnehmen, die sich im Alltag belastet fühlen sowie Personen, die ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen haben, weil zum Beispiel ein enges Familien­mitglied an einer schweren psychischen Erkrankung leidet. Außerdem richtet sie sich an jene, die zum ersten Mal aufgrund einer Angststörung, Depression, (Hypo-)Manie oder Psychose in Behandlung sind.

„Langfristig soll anhand der Studien­ergebnisse eine für junge Menschen einfach zugängliche App bereitgestellt werden“, erklärt Reininghaus. „Zuvor muss sich unser Training jedoch im wissenschaft­lichen Test behaupten.“

In der Anfangs­phase der EMIcompass Studie gibt es ein Einführungs­gespräch, an mehreren Tagen wird die Stimmung der Teilnehmer mit dem Smartphone erfasst. „Dann beginnt für einige von ihnen die sechswöchige Smartphone-Intervention mit begleitenden Sitzungen am ZI“, fügt Reininghaus hinzu. Per Zufallsprinzip werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dann in zwei Gruppen aufgeteilt. Beide Gruppen können die Standard­behandlung und ihre gewohnten Unterstützungen weiter in Anspruch nehmen, die eine Gruppe nimmt zusätzlich an vier Sitzungen teil und trainiert die dort erlernten Strategien mithilfe des Smartphones im Alltag.

In den darauffolgenden Wochen gibt es für alle Teilnehmer zwei weitere Untersuchungs­gespräche mit dem Studien­team und erneute Stimmungs­erfassungen im Alltag. Insgesamt erstreckt sich die Teilnahme über drei Monate. Bis Mitte 2021 läuft die Studie, die von der Deutschen Forschungs­gemeinschaft finanziert wird, in Mannheim. Die Auswertung erfolgt bis November 2021. Eine Aufwandsentschädigung wird gezahlt.

Text: Luisa Gebhardt / September 2020