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„Ist die soziale Distanzierung auf einen bestimmten Zeitraum beschränkt, können wir diese Zeit gut überstehen“

Das Kontaktverbot hat das Leben aller in Deutschland verändert. Die Sozialpsychologin Dr. Jennifer Eck von der Universität Mannheim beschäftigte sich schon vor der Corona-Krise mit den Folgen sozialer Isolation. Im Interview beantwortet sie Fragen und gibt Tipps, wie man mit dem Mangel an persönlichem Kontakt am besten umgehen kann.

FORUM: Wie wirken sich die Beschränkungen des gesellschaft­lichen Lebens auf unser Wohlbefinden aus?

Eck: Am Anfang der Krise wurde die Gestaltungs­freiheit über unser Privatleben stark eingeschränkt. Ein solcher Kontrollverlust kann Gefühle wie Frustration und Ärger hervorrufen. Zudem mussten wir Aktivitäten aufgeben, die sonst eine zentrale Rolle in unserem Leben spielten, wie zum Beispiel Familie und Freunde treffen oder Sport treiben. Dies kann Un­zufriedenheit schüren und sich negativ auf unser Wohlbefinden auswirken. Darüber hinaus nahm für viele die psychische Belastung zu, zum Beispiel durch das Arbeiten im Homeoffice bei gleichzeitiger Kinderbetreuung.

FORUM: Und welche konkreten Folgen hat soziale Distanzierung für unsere Psyche?

Eck: Der Mensch besitzt ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Wir brauchen persönliche soziale Kontakte, damit es uns gut geht. Sind wir von wichtigen sozialen Kontakten längere Zeit räumlich getrennt, können wir uns einsam fühlen. Mit anderen zu telefonieren, Textnachrichten zu schreiben oder sich per Videochat auszutauschen kann dagegen helfen, allerdings nicht als dauerhafter Ersatz. Fühlen wir uns über einen längeren Zeitraum einsam und ein Ende ist nicht in Sicht, kann dies in einer Depression münden und auch die körperliche Gesundheit beeinträchtigen. Ist die soziale Distanz aber auf einen bestimmten Zeitraum beschränkt, können wir diese Zeit ganz gut überstehen.

FORUM: Welche Möglichkeiten gibt es, die psychische Belastung in solch einer Ausnahmesituation möglichst gering zu halten?

Eck: Wir sollten versuchen, eine tägliche Routine einzuhalten. Und uns nicht die ganze Zeit mit den aktuellen Geschehnissen beschäftigen, sondern auf das fokussieren, was wir gerade tun. Wichtig ist auch eine gesunde Balance zwischen Medienkonsum und anderen Dingen in unserem Leben. Es ist auch ratsam, nicht über das zu grübeln, was wir nicht ändern können. Ebenso können Pläne für die Zukunft helfen, die Situation erträglicher zu machen.

FORUM: Werden die rigorosen Maßnahmen, die mehrere Monate aufrechterhalten wurden, unsere Gesellschaft langfristig verändern?

Eck: Das ist eher unwahrscheinlich. Nach den ersten Lockerungen der Maßnahmen sind viele schnell wieder in gewohnte Verhaltensmuster zurückgefallen und haben es dann auch mit noch bestehenden Beschränkungen nicht mehr so genau genommen. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier und benötigt für langfristige Veränderungen Zeit.

Interview: Yvonne Kaul und Dr. Maartje Koschorreck / September 2020