Die Schnittmuster werden mithilfe von Augmented Reality auf den Stoff projiziert / Foto: Pattarina GmbH

Mannheimer Alumna erfolgreich mit Näh-App

Nora Baum näht gerne. An ihrem Hobby nervte die Alumna der Universität Mannheim jedoch eines gewaltig: Vor dem Nähen müssen die Konturen des Kleidungs­stücks mit Papierschablone und Stift aufwendig auf den Stoff gezeichnet werden. Deshalb hat sie eine App entwickelt, mit der Schnittmuster mittels Augmented Reality binnen Sekunden auf den Stoff gelangen. Und offenbar erleichtert das nicht nur ihr die Näharbeit: Die App wurde bereits fast 100.000 Mal her­untergeladen. Seit Beginn der Pandemie sind auch kostenlose Schnittmuster für Alltagsmasken auf Pattarina erhältlich.

„Nähen ist nie unmodern geworden: Auch in Ländern wie Großbritannien, den USA oder Russland wird fleißig an der Nähmaschine gesessen“, sagt die promovierte Sozial­wissenschaft­lerin. „Schätzungen zufolge nähen in Deutschland rund fünf Millionen Menschen.“ Nachdem Dr. Nora Baum und ihr Mitgründer Markus Uhlig das begehrte EXIST-Gründerstipendium der Bundes­republik Deutschland erhalten hatten, starteten sie im Mai 2018 mit der Schnittmuster-App Pattarina. Mit der ist Nähen ganz einfach: Kleidungs­stück in der App anklicken, Größe auswählen, dann werden die benötigten Teile – zum Beispiel die Ärmel und der Body eines T-Shirts – zum Zusammennähen angezeigt. Die virtuellen Schnittmuster können dann mit dem Smartphone mittels Augmented Reality auf den Stoff projiziert werden. So kann man die Konturen ganz einfach mit einem Stift nachzeichnen – ohne lästige Papierschablonen.

Die App selbst ist kostenlos. „Die Schnittmuster müssen die Nutzer allerdings bei uns kaufen. Sie stammen alle von Designerinnen und Designern, mit denen wir zusammen arbeiten“, erklärt die Gründerin. Über einen Code können sie jeweils in die App geladen werden.

Häufig werde Nora Baum gefragt, ob es für ihre App einen Markt gebe. „Natürlich gibt es den. Es fehlt nur an der Sichtbarkeit für das Nähen, besonders bei Männern, aber auch das wollen wir ändern“, sagt sie. Ein großer Schritt für das Nähen in die Öffentlichkeit war auch die Teilnahme bei der Gründershow „Die Höhle der Löwen“ vor einem Jahr. Eine Finanzierung durch Frank Thelen kam nicht zustande: Der Markt war ihm zu klein und Baum und Uhlig hatten noch nichts zu verkaufen. „Wir hatten gerade erst die App fertig und kaum Kooperationen mit Designern und nur wenige Schnittmuster anzubieten. Ein Jahr später hätten wir den Auftritt besser nutzen können“, erzählt Nora Baum. „Aber trotzdem hat es sich gelohnt: 40.000 Downloads während der Sendung.“

Dass die 38-Jährige eine solch ungewöhnliche Karriere eingeschlagen hat, überrascht nur auf den ersten Blick: Nach einem Abschluss in Bankwirtschaft an der Berufsakademie Leipzig, begann Baum 2004 ihr Studium der Soziologie und Politik­wissenschaft an der Universität Mannheim, engagierte sich in der Fach­schaft wie auch der anglistischen Theatergruppe, ging danach in die Unternehmens­beratung zu McKinsey und promovierte später an der Universität Cottbus zur Digitalisierung von Handwerksleistungen. „Meine Promotion hat am ehesten Verbindungen zur Pattarina-App, wo es im Prinzip um nichts anderes geht – die Digitalisierung des Nähens“, sagt die Allrounderin.

Mittlerweile wurde die App fast 100.000 Mal her­untergeladen. Und weitere Projekte stehen an: Designern soll das Hochladen von Schnittmustern noch leichter gemacht werden. Außerdem wollen die beiden Gründer Pattarina weltweit anbieten. „Es wäre verschwendetes Potenzial, würden wir die App nur in Deutschland zur Verfügung stellen“, sagt Baum. In andere Märkte einzusteigen, sei jedoch anspruchsvoll, denn die Nähgewohnheiten müssen lokal und regional angepasst werden. „Wir denken sogar noch weiter: Das Modell der Augmented Reality lässt sich auch auf Materialien wie Holz oder Fliesen anwenden.“ Die Mannheimer Alumna hat also noch viel vor.

Text: Luisa Gebhardt / September 2020