Foto: Norbert Bach/Gestaltung: uc graphic

Es war einmal ... der erste Rektor der Universität

In den Sechzigerjahren forschte und lehrte der Nationalökonom und Wirtschafts­historiker Prof. Dr. Knut Borchardt in Mannheim. 1967, als die Wirtschafts­hochschule in „Universität Mannheim“ umbenannt wurde, war er ihr Rektor – und auch die Studentenbewegung hat er hautnah miterlebt. FORUM sprach mit ihm über diese aufregende Zeit.

November 1967. Der Tod Benno Ohnesorgs ist nicht mal ein halbes Jahr her. Um ihren politischen Anliegen Ausdruck zu verleihen, stören Studierende an Universitäten von Hamburg bis München akademische Feiern. Besonders im Fokus: Rektoratsübergaben. Als es auch in Mannheim soweit ist, ist Knut Borchardt darauf vorbereitet und sieht es sportlich. Als er seinem Nachfolger Rudolf Wildenmann im Rosengarten das Amt übergeben will, beginnen die Studierenden zu pfeifen, Luftballons steigen zu lassen und laut in die Hände zu klatschen – Applaus ist das nicht. Der Aufruhr steigert sich, als der baden-württembergische Ministerpräsident Hans Karl Filbinger die Bühne betritt. Er wird ausgebuht – seine NSDAP-Vergangenheit ist da noch gar nicht öffentlich. Dann verlässt der Block der Protestierenden den Festsaal.

„Wir wussten, dass sie das gemeinsame Mittagessen der Professoren mit ihren Gästen von den Nachbar­universitäten, Politik und Wirtschaft stören wollten, das traditionell in der Mensa stattfand. Deshalb hatten wir das Essen in ein nahegelegenes Hotel verlegt“, erinnert sich Borchardt. Die Studierenden fanden es erst heraus, als sie schon eine Weile vor der leeren Mensa standen. Als sie endlich zum Hotel kamen, hielt die Polizei sie davon ab, das Gebäude zu betreten. „Dass mir dieser Schabernack gelungen ist, empfinde ich nach wie vor als eine meiner Glanzleistungen“, sagt der heute 89-Jährige nicht ganz im Ernst, denn für die Belange der Studierenden habe er stets ein offenes Ohr gehabt. „Gegen die Umbenennung der Wirtschafts­hochschule haben sich die Proteste auch nie gerichtet. Dabei zogen wir alle an einem Strang – auch die Studierenden“, erzählt er.

Der größte Widerstand beim Ausbau und der Umbenennung der Wirtschafts­hochschule in Universität kam hingegen von den „alten“ Universitäten Heidelberg, Tübingen und Freiburg. 1962 hat die baden- württembergische Landes­regierung den Plan veröffentlicht, neue Hochschulen in Konstanz und Ulm zu gründen und die Wirtschafts­hochschule Mannheim, die bisher nur Diplom-Kaufleute und Diplom-Handels­lehrer ausbildete, durch eine entschiedene Erweiterung des Fächerkanons auszubauen. „Die altehrwürdigen Landes­universitäten beklagten sich zwar darüber, dass sie mit der Zahl der Studierenden überlastet seien. Trotzdem war es ihnen nicht recht, dass neue Universitäten die Überlastung abfingen“, erzählt Borchardt. „Vor allem die Universität Heidelberg fürchtete aufgrund der geografischen Nähe zu Mannheim die Konkurrenz.“ Dagegen durfte sich die Wirtschafts­hochschule über große Unterstützung der Stadt und des Landes freuen – zwei Landes­minister waren Mannheimer.

Bereits 1962 begann der Ausbau: „Damals gab es bei uns relativ viele Nebenfach­professuren, die als Ergänzung für unsere BWL-Studierenden gedacht waren. Daraus wurden nach und nach Vollfächer“, erzählt Borchardt. So wurde 1962 als erstes das Diplomstudium der VWL eingeführt, es folgten Soziologie und Politik. Aus einem Lehr­stuhl für Wirtschafts­psychologie entstand der Psychologie-Studien­gang; aus zwei juristischen Lehr­stühlen ein volljuristischer Studien­gang zum Staats­examen. Schließlich entwickelten sich aus den Einzellehr­stühlen für Romanistik, Germanistik und Anglistik Studien­gänge für das Lehr­amt an Gymnasien.

Dieser Ausbau habe viele Vorteile mit sich gebracht – allen voran hatte die Hochschule nun größere Chancen, hervorragende Professorinnen und Professoren zu gewinnen. „Man bekommt keine exzellenten Wissenschaft­ler, wenn ihnen klar ist, dass ihr Fach­gebiet nur den Status eines Nebenfachs haben wird“, sagt Borchardt. Am Ende des Prozesses wurden die Lehr­stühle zu drei Bereichen zusammengelegt: der Wirtschafts- und Sozial­wissenschaft­lichen, der Philosophischen und der Juristischen Fakultät.

Im Juli 1967 verkündete der Kultus­minister Baden-Württembergs schließlich die Umbenennung zur „Universität Mannheim (WH)“. „Dass wir den Zusatz Wirtschafts­hochschule behielten, beruhigte schließlich auch die alten Universitäten“, sagt Borchardt. „Zehn Jahre später entschied der Landtag, dass die Zusätze für alle neuen Universitäten ab sofort weggelassen werden sollten.“ Somit gehörte die Wirtschafts­hochschule zwar endgültig der Vergangenheit an. So ganz ist sie jedoch nie verschwunden: Am Ostflügel des Schlosses ziert der alte Schriftzug immer noch den Eingang zur Universität, die wie damals für ihre starke Wirtschafts­kompetenz bekannt ist – nur, dass sie heute nicht mehr nur in der Region als Konkurrenz wahrgenommen wird.

Text: Nadine Diehl / Oktober 2018