Illustration: Evelyn Mantei/uc graphic

Mannheim Spirit

Zeitgeist, Erfindergeist, Teamgeist – kann auch eine Universität einen Geist haben? Etwas, das unter der Oberfläche stets mitschwingt – das alle spüren, aber am Ende doch nicht so richtig zu fassen ist? FORUM hat sich auf die Suche nach dem „Mannheim Spirit“ begeben – und wurde fündig.

Geister wohnen in Schlössern – das weiß jedes Kind. Doch der Geist, den wir suchen, ist keiner der im Barockschloss spukt. Es ist einer, der den Menschen die sich tagtäglich im und ums Schloss auf dem Campus bewegen, innewohnt. Wie den 12.000 Studierenden beispielsweise. Jeder von ihnen hat seine eigene Geschichte – doch eines vereint sie, meint die Mannheimer BWL-Professorin Laura Edinger-Schons: „Das sind allesamt extrem schlaue und kreative junge Menschen, die sich fragen, wie sie die Welt verändern können.“ Festgestellt hat die Professorin das vor allem in ihren Praxisseminaren zum Thema Unternehmens­verantwortung, in denen Studierende Startups mit sozialem Zweck entwickeln. Bereits beim ersten Mal gab es weit mehr Bewerber als Plätze. „Ich glaube, dass ehrgeizige Studierende mit ihrem Tatendrang auch immer etwas Gutes tun wollen. In Mannheim merkt man das besonders“, erklärt Schons. „Es macht Spaß, mit jungen Menschen zusammenzuarbeiten, die nicht nur wegen der Credits ins Seminar kommen. Für mich ist das einer der wichtigsten Gründe, warum ich gerne an der Universität Mannheim lehre.“ Auch, dass sich so viele Studierende nach einem langen Vorlesungs­tag noch in Initiativen engagieren, erlebe sie an anderen Unis in dieser Intensität nicht, so die Wissenschaft­lerin.

Sie helfen Geflüchteten oder benachteiligten Kindern in Mannheim, kämpfen für ein ökologischeres Bewusstsein auf dem Campus oder versorgen afrikanische Krankenhäuser mit Elektrizität. In über 50 Studierenden­initiativen engagieren sich Studentinnen und Studenten an der Universität Mannheim auf vielfältigste Weise. Dass die Universität Mannheim mehr Raum für soziales Engagement bietet als andere deutsche Universitäten, wurde jüngst auch im Times Higher Education Teaching Ranking bestätigt: Darin erhält Mannheim auf Basis europaweiter Studierenden­umfragen neun von zehn Punkten in der Kategorie „Soziale Interaktion“ und liegt damit deutlich über dem bundes­weiten Durchschnitt.

Doch auch lange nach dem Studium setzen sich die Alumni für ihre Alma Mater ein und halten Vorträge, geben Workshops oder unterstützen Studierende beim Berufseinstieg als ABSOLVENTUM-Mentorin oder -Mentor. „Die Bindung der Ehemaligen ist wesentlich stärker als an anderen Unis“, sagt der Mannheimer Germanist und ABSOLVENTUM-Vizepräsident Prof. Dr. Thomas Wortmann, der vorher in Köln und Tübingen geforscht hat. „Ich finde es faszinierend: Die meisten sind in ihren Jobs stark eingespannt und haben trotzdem den Wunsch, etwas zurückgeben zu wollen. Sicherlich auch, weil ein Abschluss der Uni Mannheim für viele ein Türöffner ist und sie stolz sind, an einer solchen Uni das Examen geschafft zu haben.“

Dieser Stolz scheint ein Leben lang anzuhalten. So haben im vergangenen Jahr 72 ehemalige Studierende den weiten Weg aus Norwegen auf sich genommen – nur um zum Mannheimer Schlossfest zu kommen. Organisiert hat dieses „Klassentreffen“ der besonderen Art der 70-jährige Norweger Per Knudsen. Ab 1967 hat er in Mannheim BWL studiert, war stellvertretender Direktor der Universitäts­bibliothek und engagiert sich inzwischen als ehrenamtliches Vorstands­mitglied bei ABSOLVENTUM. Der älteste Teilnehmer des Norweger-Treffens war 83 Jahre alt, manche hatten Mannheim das letzte Mal zu ihrer Studien­zeit vor über 50 Jahren gesehen. „Was sie alle gemein haben, ist diese extreme Dankbarkeit für die Ausbildung und die gute Zeit, die sie hier genossen haben. Viele schicken noch ihre Kinder und Enkel zum Studieren nach Mannheim“, erzählt Knudsen.

Für diese Bindung, die noch heute so stark ist wie damals, macht Thomas Wortmann auch die Größe der Universität Mannheim verantwortlich. „Anders als an großen Massen­universitäten, wie München oder Berlin, haben wir an dieser relativ kleinen Uni einen viel engeren Kontakt zu den Studierenden“, erklärt er. „Sie sind für uns Dozenten nicht nur eine Nummer und das merken sie sich. Ich habe selten erlebt, dass so viele Alumni nach ihrem Examen noch eine Abschiedsmail schreiben, um sich zu bedanken.“

Das gute Verhältnis zwischen Professoren und Studierenden bestätigt auch BaKuWi-Student Paul Pasler. Er ist erster Vorsitzender der Fach­schaft für Sprach- und Literatur­wissenschaften (SpLit). „Die meisten meiner Professorinnen und Professoren sind Feuer und Flamme für ihr Fach und übertragen ihre Leidenschaft auf die Studierenden“, sagt er. „Und auch wenn wir mit ihnen über unsere Anliegen und Probleme sprechen, haben sie immer ein offenes Ohr.“ Dass das Verhältnis so gut ist, dazu trage aber auch das Engagement der Studierenden bei, meint Pasler. So bezieht die Fach­schaft SpLit bei ihren eigenen Veranstaltungen die Dozierenden mit ein, zum Beispiel als Jury­mitglieder bei ihrem Kurzgeschichtenwettbewerb oder als geladene Gäste bei ihren Sommerfesten.

Engagement, Bindung und eine starke Identifikation – an der Universität Mannheim gehen sie Hand in Hand und scheinen einen Großteil des „Mannheim Spirit“ auszumachen. Am Ende wird er trotzdem nicht ganz zu fassen sein. Wie das mit einem Geist eben so ist.

Text: Nadine Diehl / Oktober 2018