Illustration: Evelyn Mantei/uc graphic

Gastbeitrag: „Von Thadden wusste von Anfang an, wohin er seine Universität hinsteuern möchte“

Kaum eine andere deutsche Universität hat in solch kurzer Zeit den Weg zum internationalen Campus beschritten, in den weltweiten Rankings sich nach oben geschafft und sich so stark für den wissenschaft­lichen Nachwuchs eingesetzt – meint der ehemalige Präsident der Leibniz- Gemeinschaft Prof. Dr. Dr. h.c. Karl Ulrich Mayer. Das sei aber nicht einfach so passiert, sondern unausweichlich mit einem Mann verknüpft, der von Anfang an eine klare Vision hatte.

„Er ist intellektuell brillant und wie die berühmte Kerze, die an beiden Enden brennt. Das macht ihn fix und schnell, sodass im ersten Moment nicht immer alle mitkommen, wenn er mal wieder neue Ideen hat. Doch so ist es meist mit Vordenkern: Erst in der Rückschau sehen wir, was sie Großartiges geleistet haben. Denn Rektor Ernst-Ludwig von Thadden hatte von der ersten Amtsminute an nicht irgendwelche Ideen, mit denen er blindem Aktionismus verfiel, sondern eine klare Vision, wo er die Universität Mannheim in sechs Jahren sehen möchte.

Ob Internationalisierung, Nachwuchs­förderung, Forschung oder auch die bauliche Entwicklung der Universität – in diesen Bereichen liegen die größten Verdienste des frischen Alt-Rektors. So dürfen die Studierenden heute einen internationalen Campus erleben, auf dem Englisch und Deutsch gleichermaßen gesprochen werden. Ein Campus, wohin junge Menschen aus der ganzen Welt zum Studieren kommen können, ohne unsere komplizierte Sprache perfekt beherrschen zu müssen. Ermöglicht hat das auf von Thaddens Initiative nicht nur die Einführung englischsprachiger Studien­gänge, sondern vor allem die Bilingualisierung der Verwaltung. Besonders in der Übersetzungs­praxis hat die Universität Mannheim deutschland­weit eine Vorreiterrolle eingenommen und wurde so vom Land Baden-Württemberg aufgrund ihrer Expertise zur zentralen Koordinations­stelle für Übersetzungs­angelegenheiten im Hochschul­wesen erhoben.

 Hinzu kommt die internationale Rekrutierung von Professorinnen und Professoren. Auch hier hat sich von Thadden verdient gemacht und ging außerordentliche Wege in der Mobilisierung von Mitteln, um vor allem exzellente deutsche Wissenschaft­ler aus dem Ausland zurückzuholen. Wie die jüngste Berufung des Stanford-Ökonomen Stefan Reichelstein zeigt: Wir agieren auf einem internationalen Markt, auf dem man gewisse Leute nicht mit unseren deutschen Standards locken kann. Hier hat es von Thadden durch intelligentes Fundraising erreicht, der Universität für Berufungs­verhandlungen künftig mehr Flexibilität zu verschaffen.

Auch bei der Einführung der Juniorprofessur geht es im Grunde darum, internationale Personalstrukturen zu schaffen. Auch hier war Mannheim Avantgarde, indem sie deutschland­weit als eine von wenigen Universitäten nicht nur die Juniorprofessur, sondern gleich den so genannten Tenure Track miteingeführt hat: Wer sich in den sechs Jahren der Juniorprofessur bewährt, bekommt schon zu Beginn der Berufung garantiert, in eine reguläre W3-Professur überzugehen. Das macht die wissenschaft­liche Karriere und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie planbarer. Von Thadden ist national ein sichtbarer Vorkämpfer für diese Idee. Ohne sein unermüdliches Engagement – da bin ich mir sicher – würde es nicht den Zusatzparagraphen im Landes­hochschul­gesetz geben, der explizit dazu auffordert, Tenure Track-Stellen zu schaffen. Mannheim war innovativ und hat bereits davor ein Modell entwickelt, um im Rahmen der verfügbaren Landes­mittel solche Positionen zu ermöglichen.

Der Tenure Track war nicht nur Teil der Internationalisierungs­strategie des Rektors, sondern auch der Nachwuchs­förderung, um die sich von Thadden verdient gemacht hat. Auch hier war er ein Visionär und zwar schon bevor er Rektor wurde: Mit der Graduate School of Economic and Social Sciences (GESS), die er mitaufgebaut hat, hat er die Doktoranden­ausbildung revolutioniert – weg von der Lehr­stuhl­promotion, hin zu internationalen Standards. Auch deshalb konnte die GESS so viele kluge Köpfe aus dem Ausland gewinnen – nicht selbstverständlich für eine deutsche Doktoranden­schule.

Eine Sache, an die man sich sicher noch lange erinnern wird, sind die großen Erfolge in der Forschung in von Thaddens Amtszeit: Fünf ERC-Grants, Gründung und Ausbau zweier Leibniz- Campi sowie mehrere neue Sonderforschungs­bereiche. Die Finanzierung für den bereits vor von Thadden bestehenden Sonderforschungs­bereich „Politische Ökonomie von Reformen“ wurde in seiner Amtszeit gleich zwei Mal verlängert. Das ist außergewöhnlich und zeigt das große Renommee, für das selbstverständlich zu allererst die beteiligten Forscherinnen und Forscher verantwortlich sind. Es wird jedoch allzu oft vergessen, wie wichtig die Unterstützung des Rektorats bei solch großen Vorhaben ist. Ein Sechstel des Haushalts der Universität Mannheim besteht aus Drittmitteln – das ist eindrucksvoll für eine Universität dieser Größenordnung und kommt nicht von ungefähr.

Doch auch die besten Forschungs­einrichtungen nützen nichts, wenn sie nicht mit anderen vernetzt sind. Dazu braucht es jedoch einen Rektor, der diese Verbindungen versteht und fördert. Auch hier hat von Thadden einiges in Bewegung gesetzt. Innerhalb der Universität hat er konsequent den Weg der Profilschärfung fortgeführt: Alle Fakultäten und Fächer fühlen sich spürbar dem gemeinsamen Profil verpflichtet.

Beispiele aus jüngster Zeit sind das Zentrum für Integrations- und Migrations­forschung oder das Zentrum für Lehr­erbildung, wo sich beide Male der Zweisprachigkeits­schwerpunkt und die Migrations­forschung miteinander verbinden – und das sehr erfolgreich. Die Universität Mannheim pflegt auch mehrere enge Verknüpfungen mit außeruniversitären Einrichtungen in ihrem Umfeld, davon zeugt unter anderem die Vielzahl gemeinsamer Berufungen mit ZEW, GESIS und IDS – auch das ist keine Selbstverständlichkeit.

Der aktuellste Verdienst in Sachen Wissenschafts­vernetzung ist jedoch zweifelsohne das von Prof. von Thadden initiierte europäische Netzwerk der besten Hochschulen in den Wirtschafts- und Sozial­wissenschaften. Die Allianz sucht noch ihren Namen, aber das war Mannheim. Da ist von Thadden vorgeprescht und hat gesagt, wir brauchen so etwas – auch als Zeichen gegen ein gespaltenes Europa. Alle Rektoren der zwölf renommiertesten Universitäten waren da. Daran sieht man, wie attraktiv die Universität Mannheim auch in der Außen­wahrnehmung ist. Und auch das kommt wieder nicht von ungefähr.“

Text: Prof. Dr. Dr. h.c. Karl Ulrich Mayer / Oktober 2018