Seit 30 Jahren schon kümmert sich Buchbindemeisterin Susanne Kaerner um den Erhalt des Altbestands der Universitätsbibliothek / Foto: Simon Hofmann

Buch für Buch

2,3 Millionen Bücher auf über 21.000 Quadratmetern in fünf Bereichen – das ist die Bibliothek der Universität Mannheim. Doch wer entscheidet, welche Literatur dort steht? Wie kommt ein bestelltes Exemplar zum Nutzer? Und wer sorgt dafür, dass auch die Jahrhunderte alten Bücher der Universitäts­bibliothek erhalten bleiben? FORUM war auf Spurensuche.

Bücher ausleihen und zurückgeben – seit einigen Jahren geht das im Ausleihzentrum der Bibliothek im Westflügel völlig elektronisch. Weniger Arbeit ist es aber nicht geworden für das Team an der Theke: Es berät Studierende bei der Büchersuche, hilft bei Problemen und kümmert sich um Fernleihen. Lehr­amtsstudent Clemens Becker hat gerade Dienst, als eine Studentin ein Buch abholen möchte, das aus einer anderen Bibliothek angeliefert wurde. „Die meisten Nutzer sind sehr freundlich und freuen sich, wenn sie mit dem gewünschten Buch nach Hause gehen können“, sagt er. Seit Beginn seines Studiums vor fünf Jahren arbeitet Clemens Becker in der UB – mal an der Theke wie heute, mal sortiert er im Ordnungs­dienst Bücher zurück in die Regale oder sucht Bestellungen aus dem elfstöckigen Magazin im Bücherturm heraus. Im Signaturen-Dschungel kennt er sich bestens aus. „Wenn man das Zahlensystem erst einmal verinnerlicht hat, ist es kein Problem“, sagt er. „Ich bin immer wieder überrascht, wie schnell ich ein Buch finde.“

Das klimatisierte Tiefenmagazin unter dem Stiler Hof ist das Reich von Susanne Kaerner – der Buchrestauratorin der Universität. Hier unten lagern die Schätze der UB. „Wir haben einen sehr außergewöhnlichen Altbestand“, sagt Susanne Kaerner. Unter den rund 60.000 Büchern, die alle vor 1850 gedruckt wurden, befinden sich echte Seltenheiten – manchmal sogar das letzte Exemplar weltweit. Kaerner öffnet eine verriegelte Gittertür. Dahinter findet sich der kostbare Druck des Kolumbus-Briefes von 1494, Goethes Farbenlehre in der Erstausgabe von 1810 und die Schedelsche Weltchronik. Wie besonders dieser Altbestand ist, sieht Susanne Kaerner auch immer wieder an den Anfragen von Museen, die Exemplare für ihre Ausstellungen ausleihen möchten.

Zurück in der Werkstatt arbeitet sie an ihrer aktuellen Restaurierung weiter – einem Reisebericht aus dem Jahr 1595 über die Lebensgewohnheiten der amerikanischen Ureinwohner. Behutsam kehrt sie Seite für Seite mit einem Staubpinsel aus. Auf fast jeder ist ein Riss, den sie später mit hauchdünnem Japanpapier oder einem Faserbrei schließen muss. „Bei starker Abnutzung des Papiers nehme ich auch mal das gesamte Buch auseinander und wasche die einzelnen Seiten“, sagt sie. „Mein Anspruch ist es, bei jeder Restaurierung so nah wie möglich am Original zu bleiben und auch die Bindetechniken von damals beizubehalten.“

Ihre Arbeit empfindet die gelernte Buchbindemeisterin als Privileg. „Ich darf mitwirken, unser kulturelles Erbe zu bewahren – das ist ein tolles Gefühl“, sagt sie. „Um jedoch alle Bücher der UB zu restaurieren, bräuchte ich mehrere Leben.“ Seit 30 Jahren arbeitet Susanne Kaerner in der UB. Regelmäßig bereitet sie auch alte Drucke für Ausstellungen in der Universitäts­bibliothek auf. Kaerner zieht einen Pappkarton aus dem Regal mit Fundstücken aus alten Büchern. Ihnen hat sie eine gesamte Ausstellung gewidmet. „Von geheimen Botschaften, Zeichnungen, alten Spielkarten bis hin zu Schlüsseln, die im Buchrücken versteckt sind, findet man wirklich alles“, sagt sie. Der kurioseste Fund: Unmengen toter Fliegen auf braunen Blutflecken. „Das war ein Chirurgiebuch aus dem 17. Jahrhundert. Vermutlich haben Ärzte es als Vorlage bei Operationen benutzt.“

Mehr noch als von ihren alten Schätzen lebt eine Universitäts­bibliothek aber von ihrer Aktualität. Dass sie immer auf dem neuesten Stand ist, dafür sorgen die Fach­referentinnen und Fach­referenten – die zusätzlich zu ihrem wissenschaft­lichen Studium meist ein Bibliotheksreferendariat absolviert haben. Eine von ihnen ist Dr. Marion von Francken-Welz. Die promovierte Juristin ist für das Fach Rechts­wissenschaft zuständig. „Gerade in der Jura, wo sich die Rechts­prechung dauernd ändert, ist es wichtig, aktuell zu bleiben“, sagt sie. Um die neuesten juristischen Kommentare und Bücher zu bestellen, stöbert sie im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek, in Verlagskatalogen und auf Buchhandels­plattformen. Auch Anschaffungs­vorschläge von Studierenden und Forschenden erreichen sie täglich. „Trotz der neuen Medien ist das gedruckte Buch nach wie vor gefragt, weil viele damit einfach besser lernen können“, sagt von Francken-Welz.

Neben der Literatur­auswahl haben alle Fach­referenten noch andere Aufgaben. Dr. Marion von Francken-Welz ist ebenfalls stellvertretende Leiterin der Abteilung Medienbearbeitung, gibt Kurse zur erfolgreichen Recherche in Literatur­datenbanken und berät Studierende beim Schreiben ihrer wissenschaft­lichen Arbeiten. „Im Gegensatz zum Bild der verstaubten Bibliothekarin ist man also total am Puls der Zeit. Auch Themen wie Digitalisierung, der Umgang mit Forschungs­daten bis hin zu Open Access beschäftigen die Bibliothek“, sagt sie.

Einer, der die gesamte Entwicklung der Universitäts­bibliothek vom ersten PC bis ins digitale Zeitalter miterlebt hat, ist Bernhard Scheuermann. Im kommenden Jahr feiert er sein 45-jähriges Dienstjubiläum. Noch wie heute erinnert er sich an seinen ersten Arbeits­tag in der Erwerbungs­abteilung.
„Als erster Mann in diesem frauendominierten Arbeits­bereich wurde ich von meinen Kolleginnen freudig begrüßt: ‚Endlich ein Mann, der die schweren Bücher tragen kann‘“, sagt Scheuermann und lacht. Als Teamleiter der BWL-Bibliothek schätzt er den Kontakt zu den Studierenden. „Damals war der Gedanke, dass der Nutzer im Mittelpunkt stehen soll, noch nicht so ausgeprägt“, sagt er und freut sich, dass das heute anders ist. Überall stehen die Türen den Benutzerinnen und Benutzern der Bibliothek offen. Nach seiner Pensionierung will er als Seniorenstudent genau diesen Service dann gerne in Anspruch nehmen.

Text: Nadine Diehl / Oktober 2019