Markus Seelinger in seiner Werkstatt in A5 / Foto: Simon Hofmann

Alles unter Kontrolle vom Keller bis zum Dach

Ulrike Schütz und Markus Seelinger: Sie ist Hausmeisterin in den Gebäuden am Mannheimer Hauptbahnhof, er am anderen Ende des Campus in A5 – zwei Bezirke mit unterschiedlichen Herausforderungen. FORUM hat die beiden bei der Arbeit begleitet.

Sie trägt die blaue Arbeits­kleidung der Universität, um die Hüften eine Tasche mit ihren wichtigsten Werkzeugen, an ihren Füßen Arbeits­schuhe. Ulrike Schütz ist die einzige Frau unter den neun Hausmeistern der Universität. „Wenn Handwerker bei mir anrufen, um den Hausmeister zu sprechen, denken sie oft, ich sei die Sekretärin“, erzählt sie. „Dann sage ich: 'Der Hausmeister' – das bin ich.“ Verteilt sind die Teams auf drei Bezirke mit ihren jeweils eigenen Besonderheiten. Während die Hausmeister vom Ehrenhof neben ihren eigentlichen Tätigkeiten auch bei großen Events gefragt sind, haben die Kollegen im Ostflügel regen Kontakt mit den Studierenden, die auch schon mal wegen eines platten Fahrradreifens oder eines kaputten Schlosses an die Tür klopfen. Personen aus Aufzügen retten, Studierenden dabei helfen, ihren Geldbeutel wiederzufinden, oder weggeworfene Lebensmittel vor einer Einfahrt wegkratzen – wie an diesem Morgen – all das kommt noch hinzu. Einmal musste Ulrike Schütz in einem der Bibliotheksflure sogar eine Fledermaus retten, die sich dort verirrt hatte.

Ulrike Schütz‘ Bezirk hat durch die Nähe zum Bahnhof außerdem ein besonderes Problem. „Vor den Eingängen übernachten Obdachlose – im Sommer sogar mehr als im Winter. Wir müssen sie dann aufwecken, denn bleiben dürfen sie dort nicht“, sagt sie. Im Winter sei außerdem der Schneedienst eine besondere Herausforderung für alle. „Vor ein paar Jahren haben ein Kollege und ich mit der Schneeschippe vom Bahnhof bis zum Schloss die Wege freigeräumt, das hat Stunden gedauert. Die anderen Kollegen waren krank oder hatten Urlaub. Aber zum Glück haben wir in Mannheim eher selten Schneefall.“ Ihren Job liebt Ulrike Schütz – an jedem Tag muss sie andere Aufgaben und Arbeiten erledigen. Natürlich gibt es auch Routine, aber wenn nichts Dringliches ansteht, wie zum Beispiel flackernde Lampen, leere Papierdepots oder laufende WC-Spülungen, kann sie sich ihre Arbeit selbst einteilen. „Ich bin außerdem froh, mich den ganzen Tag bewegen zu können und zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu den Gebäuden unterwegs zu sein“, sagt Ulrike Schütz.

Nach der Ausbildung zur Holzbildhauerin studierte sie Kunst und Kommunikations­design. Aber sie wollte mehr mit  Menschen zu tun haben, „verließ“ den PC und wechselte zu IKEA, zunächst in die Logistik und dann in den Verkauf, auch im Gartenbau arbeitete sie einige Jahre. „Die Liebe zur Kunst ist aber immer geblieben, deshalb freue ich mich, in den Gebäuden der Uni mit ihren unterschiedlichen Baustilen zu arbeiten“, sagt Ulrike Schütz.

Zur selben Zeit ist am anderen Ende des Campus Hausmeister Markus Seelinger damit beschäftigt, alle Seminarräume für die heutigen Vorlesungen aufzuschließen – seine erste Aufgabe jeden Morgen. Über 50 Türen muss er in A5 und B6 öffnen, in seinem gesamten Bezirk ist er Herr über fast 2.000 Schlösser. „Da ist man schon mal gut zwei Stunden unterwegs“, sagt er und zückt einen der vielen farbigen Schlüssel an seinem Bund. Dabei kontrolliert er auch, ob alle Tische und Stühle an Ort und Stelle stehen – wenn nicht, muss er sie suchen gehen. Was fehlt, schreibt er sich in sein Notizbuch. „Die Studierenden holen gerne mal Stühle aus einem Raum in den anderen oder schieben Tische nach draußen. Aber ich will nicht jammern, schließlich ist das unser Job“, sagt der 58-Jährige.

Markus Seelinger ist eigentlich gelernter Industriebetriebs­schlosser – wie sein Vater. Bevor er vor vier Jahren an die Universität Mannheim kam, montierte er Hochkräne. Aufgewachsen ist er auf der ganzen Welt, lebte als Kind mehrere Jahre in Libyen, Tansania und Brasilien, wo sein Vater auf Montage war. „In den Camps habe ich immer in der Werkstatt meines Vaters gespielt und wollte in seine Fußstapfen treten“, erzählt Seelinger. „Meine Kindheit hat mich sehr geprägt und zu dem gemacht, was ich heute bin.“ Das heißt: Geht nicht, gibt es nicht bei Markus Seelinger. Wo er aufwuchs, musste man auf Ersatzteile oft Monate warten – das macht erfinderisch.

Markus Seelinger dreht weiter seine Runde. An die Außen­wand von B6 hat jemand Graffiti gesprüht, das will er später entfernen. Bevor er das Gebäude betritt, wirft er noch einen Blick in die Mülleimer. Insgesamt 28 Stück leeren er und seine Kollegen jede Woche – allein in ihrem Bezirk bis A3. Als nächstes geht es auf das Dach von B6, von hier aus habe er einen guten Blick auf die umliegenden Gebäude. „So kann ich kontrollieren, ob irgendwelche Jalousien kaputt sind“, sagt er. „Einen guten Hausmeister sollte man nie bemerken, aber es sollte trotzdem alles funktionieren.“ Dass es jedoch keineswegs unbemerkt bleibt, wie viel Mühe sich Seelinger und seine Kollegen geben, freut ihn. „Nicht selten bringen uns Sekretärinnen Kuchen oder Wurstsalat vorbei, wenn wir ihnen bei einem Problem geholfen haben“, sagt er und hofft deshalb, dass der Job als Hausmeister an der Universität Mannheim bis zur Rente sein letzter sein wird.

Text: Nadine Diehl / Oktober 2019