(v. l.) Poststellen-Hund Willi, Iris Gerloff, Klaus Ringhof und Christine Müller / Foto: Simon Hofmann

Wo die Post abgeht

Ohne sie würde an der Universität Mannheim kein Lehr­stuhl und kein Mitarbeiter einen Brief erhalten oder versenden können – die Poststelle. Pro Jahr werden hier über 126.000 Postsendungen frankiert und abgeschickt. Seit über 20 Jahren ist das der Job von Leiterin Iris Gerloff und ihrem Team. FORUM hat sie einen Tag lang begleitet.

6 Uhr morgens: Langsam erhebt sich die Sonne über dem menschenleeren Ehrenhof und taucht die Schlossfassade in blutrote Farbe. Es ist der Moment, wenn Iris Gerloff die Tür zu ihrem Reich aufschließt, zur Poststelle im Verwaltungs­gebäude in L1, 1. Während andere noch schlafen, ist sie bereits putzm­unter auf den Beinen – eine der ersten jeden Morgen auf dem Campus. 164 Postfächer und verschiedene Postkübel warten hier darauf, befüllt zu werden. Wie ein Uhrwerk verteilt sie Briefe, Umschläge und Hauspost an ihre Adressaten. Einen Brief wirft sie in eine gelbe Kiste, auf der mit Edding „Irrläufer“ steht. „Teilweise bekommen hier ehemalige Professorinnen und Professoren Briefe, die schon seit Jahren verstorben sind. Manchmal erreicht uns sogar noch Post, die an Leute geht, die schon vor meiner Zeit aufgehört haben, hier zu arbeiten”, erzählt Gerloff.

Das war 1999. Damals hatte die Poststelle ihr Quartier noch im Ehrenhof Ost – ohne Computer, aber dafür mit einer ständig laufenden Kaffeemaschine. „Wir waren schon immer die erste Anlaufstelle des Tages für viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – nicht nur um Post aufzugeben oder abzuholen, auch um sich auszutauschen, einen Kaffee zu trinken und eine Zigarette zu rauchen. Teilweise hat man die Hand vor Augen nicht mehr gesehen, so verraucht war unser Büro”, erinnert sich die 58-Jährige und lacht. Eine Pinnwand mit alten und neuen Fotos von aktuellen und ehemaligen Kollegen, die Gerloff liebevoll aufbewahrt hat, zeugt noch von dieser Zeit. Es gibt nichts, was die gebürtige Weimaranerin in der Poststelle noch nicht gesehen hat. „Von essbarerer Unterwäsche, über Bobby-Cars bis zu mehreren Waschpulver-Paletten – hier kommen Lieferungen in jeder Größenordnung an“, sagt Iris Gerloff schmunzelnd. Auch wenn das so nicht gedacht sei.

Vor neun Jahren ist die Poststelle in das Verwaltungs­gebäude in L1 umgezogen. Die Herzlichkeit und das offene Ohr von Iris Gerloff sind jedoch geblieben. Noch immer ist die Poststelle ein Treffpunkt, um über Probleme zu sprechen. Was andere beim Friseur tun, tun die Uni-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter bei Iris Gerloff. Nebenbei scannt sie Pakete und lässt Ausgangspost durch die Frankiermaschine laufen. Heute ist es einigermaßen ruhig, an anderen Tagen ist sie neun Stunden am Stück auf den Beinen. „Wenn die Studierenden ihre Immatrikulations­bescheinigungen zugeschickt bekommen, ist bei uns die Hölle los. Im August frankieren wir bis zu 15.000 Briefe.” Verschickt und erhalten wird Post rund um den Globus. Bei den Millionen von Briefen, die Gerloff angenommen und abgeschickt hat, bleiben manche trotzdem in besonderer Erinnerung. „Einmal hatte ich einen Brief aus Zamalek, einem Kairoer Stadtbezirk, in der Hand“, erzählt die Poststellenleiterin nostalgisch. „Mit zwölf Jahren ging ich dort zur Schule, weil die Firma meines Vaters ihn dorthin versetzte – eine wunderschöne Zeit.“

6:30 Uhr: Ein Mann zieht einen mit Kisten beladenen Rollwagen in die Poststelle – es ist Fahrer Klaus Ringhof. Gerade kommt er vom Verteilzentrum der Deutschen Post im Mannheimer Stadtteil Farlach, wo er die Briefe abgeholt hat, die heute an die über 194 Lehr­stühle, Institute und die Verwaltung verteilt werden müssen. Schon immer hat der 58-Jährige sein Geld mit Fahren verdient: Früher arbeitete er als LKW-Fahrer und hatte später sogar ein eigenes Taxi-Unternehmen, schuftete Tag und Nacht. „Ich bin froh, seit fünf Jahren für die Universität arbeiten zu dürfen. Ich kann mir keinen besseren Arbeits­platz vorstellen. Ich bin die ganze Zeit unterwegs, anstatt im Büro zu sitzen. Ich habe zum ersten Mal im Leben geregelte Arbeits­zeiten und auch als ich einen Herzinfarkt erlitt, bekam ich weiter mein Gehalt – für mich alles andere als selbstverständlich“, sagt er. Auch in seiner Freizeit fahre er viel – vor allem im Wohnwagen zu Flüssen in ganz Europa, wo er an Goldschürfmeisterschaften teilnimmt – seine große Leidenschaft. Kaum ist Klaus Ringhof in der Poststelle angekommen, muss er auch schon die erste Campus-Tour vorbereiten. Das heißt Briefe und Hauspost-Umschläge sortieren und in Postkisten packen. Große Einrichtungen wie das Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung oder die Universitäts­bibliothek beliefert er. Vor der Poststelle hievt Ringhof die Kisten in seinen Sprinter, dreht den Zündschlüssel um, der Motor brummt. Als erstes fährt er in die Bibliothek in A3, über A5 und B6 zurück in die L-Quadrate. Die Postfächer befinden sich in Zimmern auf den Fluren, aber auch teils versteckt in Putzräumen und Tiefgaragen. Ringhof kennt sie alle und auch jeden Namen, den er auf den Umschlägen findet. Persönlich kennengelernt hat er jedoch die wenigsten. Wenn er unterwegs ist, sind die Büros meist noch leer.

9:30 Uhr: Mittlerweile hat auch für die restlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Universität der Arbeits­tag begonnen. In der Poststelle herrscht reges Treiben. Gesichter strecken sich von außen in die Postfächer, um nach Briefen Ausschau zu halten. Sekretärinnen kommen mit Stoffbeuteln bepackt, falls mal wieder besonders viele Sendungen für ihren Lehr­stuhl dabei sind. Eine von ihnen will wissen, ob Willi da ist – Gerloffs 14 Jahre alter Malteser-Rüde, der nur noch aus seinem Körbchen herauskommt, um sich streicheln oder füttern zu lassen. Dann kommt Christine Müller hereinspaziert. Die Botin der Universität verteilt mehrmals am Tag Briefe an die Verwaltungs­abteilungen und das Rektorat. Bereits um diese Uhrzeit zeigt ihr Fitnessband am Handgelenk 2.600 Schritte, sechs Kilometer kommen so am Tag zusammen. „Als ich vor sieben Jahren hier angefangen habe, fragte man mich beim Arbeits­amt, ob ich gut zu Fuß sei. Meine Schuhsohlen laufen sich jedenfalls sehr schnell ab“, sagt sie und lacht.

12 Uhr: Eine halbe Stunde hat Iris Gerloff Zeit, um mit Hund Willi im Schillerpark eine Runde zu drehen. Jeder Tag läuft so ab – Gerloff gefällt die Routine. „Dieser Job ist einfach wie für mich gemacht“, sagt sie. Kurz vor 15 Uhr fährt Klaus Ringhof nochmal zur Postzentrale, um die letzten Briefe zu versenden, während Iris Gerloff noch ausrechnet, wie viel Portokosten die Universität heute gezahlt hat. Dann schließt sich die Tür zur Poststelle, bis morgen wieder alles von vorne losgeht.

Text: Nadine Diehl / Oktober 2019