Foto: Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg

Starkes Übergewicht wird als selbstverschuldet wahrgenommen

Repräsentative Befragungen in Deutschland, Großbritannien und den USA

Gemeinsame Pressemitteilung mit dem Max-Planck-Institut für Bildungs­forschung
5. Februar 2018

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Obwohl Experten für die weltweite Zunahme von stark übergewichtigen Menschen hauptsächlich veränderte Umweltbedingungen verantwortlich machen, gibt die breite Öffentlichkeit dem Einzelnen die Schuld an seinem Übergewicht. Ihrer Meinung nach sollten Betroffene resultierende medizinische Behandlungs­kosten deshalb selbst tragen. Dies zeigt eine aktuelle Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungs­forschung und der Universität Mannheim, welche in der Fach­zeitschrift Annals of Behavioral Medicine veröffentlicht wurde.

Fast ein Drittel der Weltbevölkerung ist übergewichtig. Wissenschaft­ler sprechen bereits von einer globalen Gesundheitskrise, und die Weltgesundheits­organisation fordert beispielsweise eine 20-prozentige Zuckersteuer für Getränke. Denn Experten sind sich einig, dass für die Zunahme von Adipositas, also starkem Übergewicht, vor allem veränderte Umweltbedingungen verantwortlich sind. Schließlich ernähren sich Menschen in Industrienationen heute weitaus kalorienreicher als früher, während sie sich gleichzeitig weniger bewegen. „Wir haben jahrhundertelang vom Schlaraffenland geträumt. Einem Land mit Essen im Überfluss, das uns ohne Anstrengung quasi in den Mund fliegt. Heute leben wir in einem modernen Schlaraffenland – doch das bringt neue Probleme mit sich“, sagt Jutta Mata, Professorin für Gesundheitspsychologie an der Universität Mannheim und assoziierte Wissenschaft­lerin am Max-Planck-Institut für Bildungs­forschung.

Die gesellschaft­liche Unterstützung für politische Maßnahmen und Regelungen, die die Umweltbedingungen in den Fokus nehmen, ist bisher jedoch eher gering. Denn die meisten Menschen sehen die Schuld für starkes Übergewicht vorrangig beim Einzelnen. Dies zeigt eine Befragung von repräsentativen Bevölkerungs­stichproben aus Deutschland, Großbritannien und den USA. Die Wissenschaft­ler wollten wissen, wen die Befragten für starkes Übergewicht verantwortlich machen, wer ihrer Meinung nach die Behandlungs­kosten zahlen sollte und welche politischen Maßnahmen als wirkungs­voll angesehen werden. Um die Ergebnisse besser einordnen zu können, stellten die Wissenschaft­ler zudem dieselben Fragen mit Blick auf Alkohol- und Tabakabhängigkeit. Diese Erkrankungen haben zum einen einige Ähnlichkeiten mit starkem Übergewicht. Zum Beispiel wird diskutiert, ob starkes Übergewicht auch die Folge einer Art „Sucht nach Essen“ sein könnte. Zum anderen wurden für sie bereits erfolgreich breite Präventions- und Interventions­maßnahmen durchgeführt.

In allen drei Ländern machten die meisten Befragten den Einzelnen für Fettleibigkeit verantwortlich, genauso wie bei Süchten wie Alkohol- oder Tabakabhängigkeit. Generell gilt: Umso höher die persönliche Verantwortung bewertet wurde, desto stärker befürworteten die Befragten, dass der Einzelne für seine Behandlungs­kosten selbst aufkommen sollte. In Deutschland und Großbritannien war ein gutes Drittel der Befragten dieser Meinung, in den USA waren es knapp 45 Prozent. Das Haushalts­einkommen der Befragten beeinflusste ihre Aussagen nicht.

Darüber hinaus schätzten die Befragten die Wirksamkeit politischer Maßnahmen zur Prävention von Adipositas – wie hohe Steuern, reglementierte Verfügbarkeit, regulierte Ver­markt­ung und Bewerbung sowie Kennzeichnung und Warnungen – im Vergleich zur Wirksamkeit dieser Maßnahmen zur Prävention von Alkohol- und Tabakabhängigkeit ein. Insgesamt bewerteten sie politische Maßnahmen und Regelungen gegen die Verbreitung von starkem Übergewicht als weniger wirksam als die gegen Alkohol- und Tabakabhängigkeit. Darüber hinaus wurde eine hohe Besteuerung in allen drei Ländern als am wenigsten erfolgsversprechend bei der Bekämpfung von Adipositas angesehen, auch wenn dies bei der Bekämpfung von Alkohol- und Tabakabhängigkeit als effektiv eingeschätzt wird. Die wirksamste Maßnahme gegen Adipositas ist aus Sicht der Befragten eine verständliche Nährwertkennzeichnung auf Lebensmitteln. Solche Kennzeichnungen zielen vor allem auf die Essensentscheidungen des Einzelnen ab. Verständlichere Nährwertkennzeichnungen halten die meisten sogar für effektiver als deutliche Warnungen vor den Gesundheitsrisiken auf Alkohol- und Tabakprodukten.

„Eine Maßnahme zur Prävention von Adipositas, die aktuell schon eine breite Unterstützung in der Öffentlichkeit erhält, sind verständliche Nährwertkennzeichnungen. Sie können die Entscheidungs­kompetenz der Menschen stärken und wären leicht umsetzbar“, sagt Ralph Hertwig, Direktor des Forschungs­bereichs „Adaptive Rationalität“ am Max-Planck-Institut für Bildungs­forschung in Berlin.

Originalstudie:

Mata, J., & Hertwig, R. (2018). Public beliefs about obesity relative to other major health risks: Representative cross-sectional surveys in the USA, the UK, and Germany. Annals of Behavioral Medicine. Advance online publication. doi:10.1093/abm/kax003

Kontakt:
Max-Planck-Institut für Bildungs­forschung
Presse- und Öffentlichkeits­arbeit
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E-Mail: skork@mpib-berlin.mpg.de

Nicole Siller
Telefon: 030-82406-284
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