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DFG fördert Sonderforschungsbereich zur Erforschung von Reformen weiter

Die bisherige Arbeit hat die Gutachter überzeugt: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert den Sonderforschungsbereich 884 „Political Economy of Reforms“ für weitere vier Jahre

Pressemitteilung vom 27. November 2017
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Der Antrag des Mannheimer Sonderforschungsbereichs „Political Economy of Reforms“ überzeugte erneut die Gutachter und wird durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) in vollem Umfang mit 10 Millionen Euro in den kommenden vier Jahren gefördert. Der 2010 gegründete Sonderforschungsbereich erhielt bereits 2014 eine Verlängerung und hat nun  die Zusage für die dritte und letzte Phase erhalten. „Heute ist ein erfolgreicher Tag für die Universität. Ich freue mich, dass wir gleich zwei Förderzusagen bekommen haben. Dies ist einzigartig in der Geschichte der Universität Mannheim. Neben der Verlängerung des SFB 884 haben wir auch den Zuschlag für einen neuen Sonderforschungsbereich in den Wirtschaftswissenschaften mit der Universität Bonn erhalten. Damit sind die Mannheimer Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler ihrem Ziel, unter die Top 10 der weltweit führenden Forschungseinrichtungen zu gehören, einen schönen Schritt näher gekommen“, sagt Rektor Prof. Dr. Ernst-Ludwig von Thadden.

Unter der Leitung von Prof. Dr. Thomas König untersuchen Mannheimer Wirtschafts- und Politikwissenschaftler die Gründe für Erfolg und Scheitern von Reformen. „Gemeinsam, international und über Disziplinen hinweg“ sind nach Aussage von Thomas König die Faktoren, die das einhellige Votum der Gutachter fanden. „Es war weder einfach noch selbstverständlich, dass wir uns gegen eine starke Konkurrenz aus den Lebens-, Natur- und Ingenieurwissenschaften erneut durchgesetzt haben, die diese Förderungslinie der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit fast 90% der Sonderforschungsbereiche dominieren. Aber wir beschreiten mit dem German Internet Panel neue Wege in der Umfrageforschung, mit unseren Analysen politischer Texte sind wir Vorreiter bei BIG DATA, und wir führen mittlerweile Feldexperimente in Afrika und Asien durch, die uns erlauben, stichhaltige Aussagen über Ursache und Wirkung von Reformen zu machen. Hinzu kommt, dass wir in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften unsere Nachwuchswissenschaftler frühzeitig in Forschungsteams einzubinden. Nirgendwo in Europa gibt es für Studenten, Promovierende, Postdocs oder Juniorprofessoren ein vergleichbar günstiges Forschungsumfeld. Mit dem Förderzuschlag haben wir die Strukturen für weitere vier Jahre geschaffen“, erklärt Prof. Dr. Thomas König.

Forschungsgebiet des SFB

Reformen sind ein Ergebnis von politischen Entscheidungen. Politische Entscheidungen werden in Demokratien von Parteien und Regierung(skoalition)en vorbereitet und verhandelt, über deren Erfolg am Ende der Wähler sein Votum abgibt. Aber wie bildet der Wähler seine Meinung über Erfolg und Scheitern von Reformen? Wie beeinflusst die Wählermeinung die Entscheidung von Parteien und Regierungen, Reformen vorzubereiten, zu verhandeln und eventuell zu verabschieden? Und wie lassen sich die vielen Ursachen für Erfolg und Scheitern von Reformen am besten beurteilen? Seit Jahr(zehnt)en werden Reformen zu Klimawandel, Migration, Bildung, Pflege- und Alterssicherung, Steuern etc. angemahnt, um eine nachhaltige und gerechte Verteilung von Kosten und Chancen zu erreichen. Mit dem Aufkommen populistischer Strömungen und Parteien stellt sich mittlerweile die Frage nach der Reform politischer Systeme wie bspw. dem Wahlrecht, Volksentscheid und der Europäischen Union.

Um diese Fragen zu beantworten haben die Mannheimer Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler den German Internet Panel aufgestellt, der regelmäßig dieselben repräsentativ ausgewählten Personen zu ihren Einstellungen über Reformvorhaben, Parteien und Regierungen befragt und Experimente online durchführt. Gegenüber herkömmlichen Befragungen, die einen schnappschussartigen Eindruck vermitteln, erlaubt der German Internet Panel die Erforschung von Verlauf und Stabilität der Meinungsbildung in der Bevölkerung. Wie diese Meinung wiederum auf Parteien und Regierungen wirkt, untersuchen die Mannheimer Forscher über Analysen von Textdokumenten, die als BIG DATA aus dem Internet gewonnen werden. Über die Auswertung von Parteiprogrammen, Koalitionsvereinbarungen und Gesetzesinhalten lässt sich der politische Weg von Reformvorhaben verfolgen und die Ursachen identifizieren, die für ihr Schicksal verantwortlich sind. Und schließlich erlauben Feldexperimente mit zufällig ausgewählten Kontrolleinheiten eine genaue Bestimmung von Ursache und Wirkung von Reformen, die manchmal ihre Ziele aufgrund von unvorhergesehenen Nebeneffekten verfehlen.

Neue Ergebnisse

Für die anstehende Reform der Europäischen Union wurde festgestellt, dass eine Bürokratisierung und Verrechtlichung der Europäischen Union seit Jahren zu beobachten ist, die auf den Machtzuwachs des Europäischen Parlaments und dessen Parteiensystem zurückgeführt werden kann. Anstatt über Parteienwettbewerb die Interessen der Wähler zu verfolgen, werden mittlerweile 85% aller Gesetzesvorhaben der Europäischen Union in informellen Absprachen zwischen Europäischem Parlament, Europäischer Kommission und Ratspräsidentschaft verabschiedet. Beim Wähler verdichtet sich dadurch europaweit der Eindruck einer zu großen (technokratischen) Distanz, aus der sich zunächst eine sinkende Wahlbeteiligung, anschließend die Unterstützung populistischer Parteien erklärt.

Auf der Ebene der Nationalstaaten wiederum ist festzustellen, dass Reformvorhaben eher von klassischen Mehrheitskoalitionen umgesetzt werden, die jedoch infolge des Aufkommens populistischer Parteien immer seltener zustande kommen. Aber selbst Reformen, die durchgeführt werden, weisen bisweilen bemerkenswerte Nebeneffekte auf. So hat die Einführung von mehr Mathematik und Wirtschaft in den Schulen einen geringeren direkten Effekt auf die Kompetenz von Schülern als der Umstand, dass dadurch eine längere Schulzeit verursacht wird. Ähnlich könnte auch das neuerliche schlechte Abschneiden der baden-württembergischen Viertklässler auf die Abschaffung der Schulempfehlung zurückgeführt werden, da diese das bisherige besondere Elternengagement in dieser Klassenstufe reduziert haben dürfte.

Geplante Vorhaben

In der dritten und letzten Phase der Förderung des Mannheimer Sonderforschungsbereichs sollen neben dem erfolgreichen Abschluss der Teilprojektvorhaben zwei wichtige Ziele erreicht werden: Erstens sollen die gewonnenen Ergebnisse verstärkt in die öffentliche Debatte über die Gründe für Erfolg und Scheitern von Reformen eingebracht werden. Wie schon beim German Internet Panel sollen dabei deutlich die Unterschiede zwischen herkömmlichen und neuen Wegen in der Erforschung von Reformen herausgestellt werden. Die Mannheimer Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler werden hierfür nicht nur ihre Ergebnisse, sondern auch alle Daten und Vorgehensweisen öffentlich zugänglich machen, die für die Replikation ihrer Ergebnisse erforderlich sind. Zweitens sollen die Forschungsstrukturen, die der Mannheimer Sonderforschungsbereich über zwölf Jahre aufbaut, langfristig gesichert werden. Ein besonderes Merkmal dieser Strukturen ist die Förderung und Integration von Nachwuchswissenschaftlern in Forschungsteams, die über die Disziplingrenzen hinausgehen. Ein weiteres Merkmal ist die Bereitstellung von Methoden und Instrumenten, die wie der German Internet Panel und die Textanalysen Nachwuchswissenschaftlern erlauben, international erfolgreich zu forschen.

Kontakt:

Prof. Dr. Thomas König
Lehrstuhl für Politische Wissenschaft II
Universität Mannheim
Tel. 0621/181-2073
E-Mail: koenig(at)uni-mannheim.de

Katja Bär
Leitung Kommunikation und Fundraising
Pressesprecherin
Universität Mannheim
Tel. +49 (0) 621 / 181-1013
E-Mail: baer(at)uni-mannheim.de