Auch die strahlende Instagramerin probiert manchmal versehentlich verdorbene Milch

- Mathias Twardawski -

Menschen sind neidisch auf andere, weil sie den Alltag dieser übersehen – und Neid dies wiederum verstärken kann.

Soziale Medien können einem manchmal wirklich die Laune verderben. Ein Bekannter postet das Bild seines neuen Autos. Eine Freundin schickt Fotos aus dem Abenteuer-Urlaub in Südostasien. Und man selbst? Herausragende oder unerreichbar scheinende Eindrücke können schnell Neid auslösen. Aber haben Sie sich den Alltag der beneideten Anderen einmal genauer vorgestellt?

Eine Forschungs­gruppe um Ed O’Brien vermutete, dass Menschen im Lichte herausragender Ereignisse oder Errungenschaften Anderer die alltäglichen Tiefen dieser Personen aus den Augen verlieren – ein Phänomen, das sie als Fokussierungs­illusion bezeichnen. Um diesen möglichen Nährboden für das Erleben von Neid genauer unter die Lupe zu nehmen, führten die Forschenden mehrere Studien durch.

In einer der Studien sollten Teilnehmende an eine Person aus ihrem Leben denken, die sie beneideten und aufführen, warum sie ihr gegenüber Neid empfinden. Anschließend bearbeitete ein Teil der Teilnehmenden eine Art Tagebuch-Aufgabe. Sie sollten sich einen realistischen, durchschnittlichen Tag der anderen Person vorstellen und für jede Stunde im Tag dieser Person eine wahrscheinliche Tätigkeit notieren. Mit dieser Maßnahme sollte ihnen die alltäglichen Momente der beneideten Person vor Augen geführt werden (etwa Schlafen, Essen oder zur Arbeit fahren). Andere Teilnehmende bearbeiteten diese Tagebuch-Aufgabe nicht oder stellten sich nur eine neutrale, ganz durchschnittliche Person aus ihrem Leben vor. Abschließend sollten alle Teilnehmenden angeben, wie sehr sie die vorgestellte Person um ihr Leben beneideten und einschätzen, wie groß die Anteile guter, neutraler und schlechter Momente im Leben dieser Person seien.

Wie erwartet stellten sich Teilnehmende ohne Tagebuch bei beneideten Personen vor allem positive Momente vor und empfanden mehr Neid als Teilnehmende, die an eine durchschnittliche Person dachten. Hatten Teilnehmende jedoch die Tagebuch-Aufgabe bearbeitet, schrieben sie beneideten Personen einen größeren Anteil alltäglicher neutraler Erlebnisse zu und berichteten deutlich weniger Neid als Personen, die die Tagebuch-Aufgabe nicht bearbeitet hatten.

Die Forschenden konnten somit zeigen, dass Menschen auch aufgrund einer Fokussierungs­illusion Neid gegenüber anderen empfinden. Das heißt, dass sie tatsächlich die alltäglichen Herausforderungen und Tiefen der beneideten Person nicht berücksichtigen. In einer weiteren Studie konnten die Forschenden darüber hinaus zeigen, dass bereits empfundener Neid die Fokussierungs­illusion sogar noch verstärkt. Haben wir schon einen beneidenden Blick auf das Leben einer anderen Person, neigen wir noch stärker dazu, deren Alltagsaufgaben und alltägliche Probleme auszublenden.

Im Zeitalter sozialer Medien und damit einhergehender ständiger Vergleiche mit anderen Menschen kann es also aufgrund der Fokussierungs­illusion zu einem Teufelskreis kommen: Wir erleben Neid, weil wir die alltäglichen Tiefen anderer Person übersehen und wir vergessen diese Tiefen umso eher, je mehr Neid wir empfinden. Die Studien­reihe zeigt jedoch auch einen Lichtblick auf: Wir können unseren Neid erfolgreich verringern, indem wir uns daran erinnern, dass auch beneidete Personen nicht von alltäglichen Scherereien verschont bleiben.

 

O’Brien, E., Kristal, A. C., Ellsworth, P. C., & Schwarz, N. (2018). (Mis)imagining the good life and the bad life: Envy and pity as a function of the focusing illusion. Journal of Experimental Social Psychology, 75, 41–53. doi:10.1016/j.jesp.2017.10.002

Redaktion und Ansprech­partner*in¹: Janin Rössel¹, Lea Nahon

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