Auf Wolke 7 – Wie nehmen wir Verzicht für unsere Partner*innen wahr?

- Aline Lanzrath –

Menschen, die zugunsten ihrer Partner*innen auf ihre eigenen Bedürfnisse verzichten, schätzen die Kosten dieses Verzichts geringer ein als ihre Partner*innen.

Es ist eine Situation, die vermutlich viele Paare kennen: Es herrscht Uneinigkeit darüber, wohin der nächste Urlaub gehen soll. Strandurlaub in der Karibik oder Wandern im Schwarzwald – die Vorstellungen gehen auseinander. Am Ende gibt eine Person nach. Doch wie genau werden solche Situationen, in denen eine Person etwas für seine*n Partner*in aufgibt, von Paaren wahrgenommen? Gibt es Unter­schiede, je nachdem, ob man selbst „verzichtet“ oder „profitiert“?

Dieser spannenden Frage ging das Forschungs­team um Mariko Visserman nach. Die Idee: Personen, die für ihre Partnerin oder ihren Partner verzichten, schätzen die dadurch entstehenden Nachteile geringer ein als jene, zu deren Gunsten verzichtet wurde. Eine mögliche Erklärung sehen die Forschenden darin, dass die nachgebende Person ihren Verzicht her­unter­spielt. Ein Gedankengang beim Verzicht in der Festlegung des Urlaubsziels könnte beispielsweise sein: „Wandern im Schwarzwald ist vielleicht gar nicht so schlecht. Etwas mehr Bewegung wird mir ohnehin besser tun, als Cocktails am Strand zu schlürfen.“ Das Her­unter­spielen des Verzichts trägt zum Erhalt einer intakten Beziehung bei. Denn eine Beziehung, die subjektiv zu viel Verzicht auf eigene Bedürfnisse verlangt, wäre auf Dauer nicht erfüllend.

Die Hypothese wurde anhand einer empirischen Studie unter­sucht. Paare wurden über einen Zeitraum von acht Tagen stündlich zu ihren alltäglichen Situationen befragt. Konkret hielten die Teilnehmenden unabhängig voneinander fest, ob in der letzten Stunde eine Situation aufgetreten war, in der beide gegensätzliche Interessen oder Meinungen hatten. Falls ja, wurde erfragt, wer von beiden auf seine/ihre Bedürfnisse verzichtet hatte. Zusätzlich wurden die Teilnehmenden um eine Einschätzung der Höhe der Kosten des Verzichts gebeten: für sich selbst (bei eigenem Verzicht) oder für die Partner*innen (bei Verzicht des Gegenübers).

Die Ergebnisse unter­stützen die Annahme der Forschenden: Personen, die selbst verzichtet hatten, schätzten die dadurch entstehenden Kosten geringer ein als ihre Partner*innen. In einer zweiten Studie wurden die Teilnehmenden zusätzlich gebeten, die Kosten des Verzichts für eine unbekannte Person einzuschätzen. Diese Kosten wurden dabei ebenso hoch eingeschätzt wie die des oder der Partner*in. Die Einschätzung ist unabhängig von der persönlichen Verbindung zu den Verzichtenden. Der Effekt scheint also nicht zu entstehen, weil wir die Kosten für unsere kompromissbereiten Partner*innen überschätzen, sondern weil wir unsere eigenen Kosten her­unter­spielen. Das Her­unter­spielen des Verzichts erlaubt uns, die Beziehung in einem positiveren Licht zu sehen.

Es ist doch schön, was wir für eine gelungene Partnerschaft tun. Und profitieren am Ende nicht alle davon? Das ist noch nicht ganz sicher. Weitere Studien sollten zum Beispiel unter­suchen, ob die Verharmlosung des Verzichts nicht langfristig negative Folgen für das individuelle Wohlbefinden der Partner*innen haben könnte. Gerade einseitiger Verzicht sollte dabei im Fokus stehen.

 

Visserman, M. L., Righetti, F., Muise, A., Impett, E. A., Joel, S., & Van Lange, P. A. (2021). Taking stock of reality: biased perceptions of the costs of romantic partners’ sacrifices. Social Psychological and Personality Science12(1), 54–62. https://doi.org/10.1177%2F1948550619896671

Redaktion und Ansprech­partner*in¹: Sebastian Butz¹, David Grüning

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