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Auftanken in der Natur

- Rainer Greifeneder –

Die Aufmerksamkeits­fähigkeit kann sich in der Natur besser als in einer städtischen Umgebung erholen.

Der menschlichen Konzentrations­fähigkeit sind Grenzen gesetzt. Nach Phasen der Aufmerksamkeit benötigen wir Pausen, bevor wir uns erneut konzentrieren können. Vereinfacht kann man sich vorstellen, dass in diesen Pausen die Konzentrations­fähigkeit wie eine Batterie aufgeladen wird. In einer aktuellen Studie zeigen die Forscher Marc Berman, John Jonides und Stephen Kaplan, dass dieses „Aufladen“ in der Natur erfolgreicher gelingt als in der Stadt.

Unsere Aufmerksamkeit kann unwillkürlich beansprucht werden, beispielsweise wenn plötzlich ein Auto hupt. Aufmerksamkeit kann aber auch bewusst gelenkt werden, beispielsweise wenn wir versuchen herauszufinden, warum das Auto gehupt hat. Städtische Umgebungen strapazieren die unwillkürliche Aufmerksamkeits­komponente stark (z.B. Straßenverkehr, Leuchtreklamen, andere Menschen); zudem müssen wir unsere Aufmerksamkeit bewusst lenken, um die Bedeutsamkeit dessen, was geschieht, zu prüfen. Natürliche Umgebungen hingegen beanspruchen die unwillkürliche Aufmerksamkeits­komponente weniger, und bedürfen daher auch weniger bewusster Aufmerksamkeits­lenkung. Die Forscher postulieren daher, dass sich die gerichtete Aufmerksamkeit in der Natur besser erholen kann als in städtischen Umgebungen, und damit ein Spaziergang durch einen Wald zu einer stärkeren Verbesserung der kognitiven Leistungs­fähigkeit führt als ein Spaziergang durch die Stadt.

Zur Prüfung dieser Hypothese ließen die Autoren die Teilnehmenden ihrer Studie zuerst eine anstrengende Konzentrations­aufgabe durchführen. Bei dieser Aufgabe mussten die Probanden unterschiedlich lange Zahlenreihen rückwärts wiederholen. Zur erfolgreichen Durchführung dieser Aufgabe ist ein hoher Grad an bewusster Aufmerksamkeits­lenkung notwendig. Anschließend schickten die Forscher die Teilnehmenden auf einen knapp einstündigen Spaziergang auf festgelegter Route, und zwar entweder durch ein Waldgebiet mit wenig Verkehr und wenig Leuten oder ein belebtes Stadtgebiet. Schließlich mussten die Probanden nochmals die Konzentrations­aufgabe durchführen und die Forscher prüften, ob sich die Aufmerksamkeits­leistung verbessert hatte. Die Ergebnisse zeigten, dass nur die Waldspaziergänger besser wurden – die Stadtspaziergänger waren vor und nach dem Spaziergang ähnlich gut. Eine weitere Studie lässt den Schluss zu, dass dies tatsächlich auf die geringere Inanspruchnahme der unwillkürlichen Aufmerksamkeits­komponente in der Natur zurückzuführen ist. Vor diesem Hintergrund schlagen die Forscher Spaziergänge durch die Natur als wirksame Methode vor, um die „kognitiven Batterien“ wieder aufzuladen. Es scheint sich also zu lohnen, die Vorbereitungen für eine Klassenarbeit, eine Prüfung oder einen wichtigen Termin durch einen Ausflug in die Natur zu unterbrechen.

M.G. Berman, J. Jonides, S. Kaplan (2008). The cognitive benefits of interacting with nature. Psychological Science, 19(12),, 1207-1212.

Dieser Artikel ist in Psychologie heute erschienen (Oktober 2009). www.psychologie-heute.de

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