Aus Fehlern lernt man (nicht)?

- Helena Brunt -

Menschen lernen mehr, wenn sie positives Feedback zu ihrer Leistung bekommen als wenn sie negatives Feedback zu ihren Fehlern erhalten.

Larissa macht momentan ein Praktikum. Während ihrer Arbeit erhält sie regelmäßig Feedback über ihre Fehler und darüber, was sie korrigieren muss. So fällt es ihr schwer, motiviert weiterzumachen und sie traut sich immer weniger zu. Obwohl der Volksmund sagt, dass man aus Fehlern lernt, geht es vielen gleich wie Larissa. 

Eskreis-Winkler und Fishbach untersuchten in einer Reihe von Studien, wie sich verschiedene Arten von Rückmeldungen auf den Lernerfolg auswirken. Dazu wurden den Teilnehmenden verschiedene Fragen gestellt (z.B.: „Wie viel Geld verlieren U.S.-Unternehmen jährlich aufgrund von schlechtem Kunden­service?“). In einigen Studien erhielt eine Hälfte der Teilnehmenden nach jeder richtig beantworteten Frage die Rückmeldung, dass die Antwort richtig war – und keine Rückmeldung, wenn die Antwort falsch war (Erfolgs-Gruppe). Die andere Hälfte hingegen erhielt nur nach jeder falsch beantworteten Frage die Rückmeldung, dass die Antwort falsch war (Fehler-Gruppe). Aufgabe für alle Teilnehmenden war es, aus den Rückmeldungen zu lernen. Da es immer nur zwei Antwort­möglichkeiten gab, hatten beide Gruppen die gleiche Chance, sich die korrekten Antworten zu merken. Im zweiten Durchgang wurden allen Teilnehmenden erneut die gleichen Fragen gestellt. Um die Schwierigkeit etwas zu erhöhen, wurden die Fragen jedoch in verneinter Form präsentiert (z.B. „Wie viel Geld verlieren U.S.-Unternehmen jährlich aufgrund von schlechtem Kunden­service NICHT?“).

Trotz der gleichen Lern­chancen im ersten Durchgang zeigte sich, dass sich beide Gruppen im zweiten Durchgang zwar verbessert hatten, die Fehler-Gruppe insgesamt jedoch schlechter abschnitt als die Erfolgs-Gruppe. Dieser Unterschied zwischen den Gruppen blieb auch bestehen, wenn die Teilnehmenden pro richtige Antwort kleine Geldbeträge bekamen.

Es stellt sich nun die Frage, warum die Teilnehmenden in der Fehler-Gruppe weniger lernten als in der Erfolgs-Gruppe. Die Autorinnen nahmen an, dass die Rückmeldung von Fehlern den Selbstwert bedroht und somit die Aufmerksamkeit so vereinnahmt, dass erfolgreiches Lernen gehemmt wird. Diese Erklärung testeten sie in einer weiteren Studie: Hierfür bekam eine Hälfte der Teilnehmenden wieder entweder erfolgs- oder fehlerbezogene Rückmeldungen. Die andere Hälfte hingegen beobachtete eine andere Person, die zu denselben Fragen ebenfalls entweder erfolgs- oder fehlerbezogene Rückmeldungen erhielt.

Die Ergebnisse zeigen, dass Teilnehmende, die fehlerbezogene Rückmeldungen bei einer anderen Person beobachtet hatten, im zweiten Durchgang tatsächlich mehr Fragen korrekt beantworteten, als jene, welche die fehlerbezogene Rückmeldungen selbst erhalten hatten. Wurde das Feedback nicht selbst erhalten, schnitt die Fehler-Gruppe sogar gleich gut ab wie die Erfolgs-Gruppe. Die Autorinnen schließen, dass hier der eigene Selbstwert nicht bedroht und somit das Lernen aus Fehlern ermöglicht wird.

Menschen wollen ihren Selbstwert erhalten und lassen sich durch Fehlerfeedback verunsichern, anstatt daraus zu lernen. Die vorgestellten Studien zeigen einerseits, dass eine auf Fehlern ausgerichtete Feedbackkultur Lernprozesse behindern kann. Andererseits zeigen die Studien aber auch, dass es wichtig ist, Rückmeldungen zu Fehlern nicht als Selbstwertbedrohung wahrzunehmen, sondern viel eher als Chance zu begreifen – denn nur dann kann aus Fehlern ebenso gut gelernt werden wie aus Erfolgen.

 

Eskreis-Winkler, L., &  Fishbach, A. (2019). Not learning from failure – the greatest failure of all. Psychological Science, 30(12), 1733–1744. https://doi.org/10.1177/0956797619881133

Redaktion und Ansprech­partner*in¹: Janin Rössel¹, Lucia Boileau

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