Besser als der Durchschnitt und trotzdem un­zufrieden?

- David Grüning -

Obwohl sich Menschen häufig für über­durchschnittlich intelligent, höflich und ehrlich halten, sind sie nicht rundum zufrieden mit sich. Die Tendenz sich eher mit über­durchschnittlichen Standards zu vergleichen, scheint eine Erklärung für dieses Paradox zu sein.

„Für wie intelligent halten sie sich?“ - Stellt man diese Frage, lautet die häufigste Antwort: „Ach, ich liege wahrscheinlich etwas über dem Durchschnitt“. Spannenderweise bleibt die Antwort auch die selbe, wenn man die Frage in Bezug auf die eigene Höflichkeit, Ehrlichkeit oder Freundlichkeit stellt. Die psychologische Forschung deutet darauf hin, dass wir uns bei der Einschätzung unserer Eigenschaften, Max Mustermann überlegen fühlen. Trotz dieser scheinbaren Überlegenheit sind wir oftmals nicht zufrieden mit uns selbst. Woran kann dieser Widerspruch liegen?

Die Forscher Shai Davidar und Sebastian Dei vermuteten, dass eine Erklärung für den Widerspruch sein könnte, dass wir an uns selbst über­durchschnittlich hohe (Vergleichs)standards anlegen. Die Autoren vermuteten im Speziellen, dass Menschen dazu neigen sich an einer sehr hohen Messlatte zu vergleichen, da uns entsprechende Extrembeispiele bei einem Vergleich als erstes in den Sinn kommen. Um diese Überlegung zu testen, führten die Forschenden insgesamt zwölf Studien durch.

In einer ersten Untersuchung sollten die Teilnehmenden einschätzen, wie hoch der Bevölkerungs­anteil ist, der sehr rational, durchschnittlich rational und sehr irrational ist. Für diese Einteilung standen sieben Abstufungen zur Verfügung. Anschließend sollten die Teilnehmenden angeben, mit welcher der sieben Bevölkerungs­gruppen sie ihre eigenen Rationalität vergleichen würden. Wie erwartetet, lag der gewählte Vergleichsstandard der Teilnehmenden über dem vorher geschätzten Rationalitäts-Durchschnitt der Bevölkerung.

In einer zweiten Studie sollten die Teilnehmenden die Namen von sieben Personen aufschreiben, mit denen sie das Ausmaß der eigenen sportlichen Aktivität vergleichen möchten. Es zeigte sich, dass die Namen besonders sportlicher Personen zuerst aufgeschrieben wurden. Dies stützt die These der Autoren, dass uns extreme Vergleichsstandards gedanklich eher zugänglich sind, als durchschnittliche. Im weiteren Verlauf der Studie wurden die Teilnehmenden außerdem dazu angehalten, sich mit zuerst genannter Person (also der sportlichsten) oder mit der zuletzt genannten Person (also der unsportlichsten) zu vergleichen. Studien­teilnehmende, die sich mit der zuerst genannten Person verglichen, waren mit ihrer eigenen körperlichen Aktivität deutlich un­zufriedener also die, die sich mit der zuletzt genannten Person vergleichen sollten. Weiterführende Studien zeigten ergänzend, dass Menschen sich den hohen Vergleichsstandard nicht (nur) aus motivatonalen Gründen setzen, sondern weil hohe Vergleichsstandards zugänglicher im Gedächtnis sind.

Damit legen die Studien­ergebnisse nahe, dass wir uns normalerweise mit über­durchschnittlichen Standards vergleichen, weil uns diese als erstes in den Sinn kommen. Dies ist eine schlüssige Erklärung für die Tatsache, dass wir uns zwar als intelligenter, höflicher und ehrlicher als Max Mustermann sehen, aber dennoch nicht rundum zufrieden mit uns sind. Realistische Standards können hier helfen, sich selbst nicht zu sehr unter Druck zu setzen und ein realistischeres Bild von der Gesamtsituation zu bekommen. Gerade wenn Verbesserungs­möglichkeiten nicht bestehen oder nicht eigens erreicht werden können (z.B. bei krankheitsbedingten Einschränkungen) fällt ein Vergleich nach oben nur unnötig negativ für das Selbstbild aus.

Jedoch gilt es auch hier, die zwei Seiten der Medaille zu betrachten: Der Vergleich nach oben kann auch seine Berechtigung haben: Er kann die Grundlage für neue Ziele und Anreize sowie für Weiter­entwicklungen bieten. Einerseits gibt der Vergleich Orientierung, indem er zeigt, was möglich ist und wie weit entfernt man davon ist. Andererseits gibt er auch den motivatonalen Schub, das eigene Potential auszuschöpfen.

 

Davidai, S., & Dei, S. (2019). The second pugilist’s plight: Why people believe they are above average but are not especially happy about it. Journal of Experimental Psychology: General, 148, 570-587. doi:10.1037/xge0000580

Redaktion und Ansprech­partner*in¹: Selma Rudert¹, Michael Wagner

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