Das Gute im Menschen – sein schlechtes Gewissen?

- Julia Hanft –

Schuldgefühle wecken in uns den Wunsch, unser Fehlverhalten wieder gut zu machen, doch manchmal geschieht dies auf Kosten anderer sozialer Kontakte.

Wer kennt es nicht, das schlechte Gewissen? Dieses unangenehme, nagende Gefühl, das sich einschleicht, wenn wir mal wieder den Geburtstag eines Freundes vergessen, gelogen oder jemanden un­gerecht behandelt haben. Vermutlich haben auch Sie sich schon das ein oder andere Mal gewünscht, dieses wenig erfreuliche Gefühl möge schnell wieder verschwinden.

Trotzdem schreibt die sozialpsychologische Forschung den menschlichen Schuldgefühlen eine wichtige Funktion zu. Sie signalisieren uns nämlich, dass wir uns falsch verhalten haben und rufen in uns den Wunsch hervor, unser Fehlverhalten an der betroffenen Person wieder gut zu machen. Dadurch werden unsere Beziehungen zu anderen Menschen geschützt. Allerdings können Schuldgefühle unter Umständen auch negative Konsequenzen für unsere sozialen Beziehungen haben.

Ein Forschungs­team um Ilona de Hooge nahm an, dass Menschen, die sich einer bestimmten Person gegenüber schuldig fühlen und versuchen ihr Fehlverhalten wieder gut zu machen, gleichzeitig andere Personen in ihrem sozialen Umfeld vernachlässigen. Zur Untersuchung dieser Annahme wurden im Rahmen einer Studie zunächst Schuldgefühle bei den Teilnehmenden hervorgerufen. Zu diesem Zweck mussten sich die Teilnehmenden vorstellen, sie hätten sich das Fahrrad ihres Freundes Jim ausgeliehen. Da sie allerdings versäumt hätten, es abzuschließen, wurde das Fahrrad gestohlen. Jim sei sehr traurig über diesen Verlust, da es sich um das letzte Geschenk seiner verstorbenen Großmutter handelte. Im Anschluss sollten sich die Teilnehmenden vorstellen, sie seien zu den Geburtstagsfeiern ihrer Freunde Jim (der Freund, dem das Fahrrad gestohlen wurde) und Michael eingeladen. Insgesamt stünden ihnen 50 Euro zur Verfügung, die sie für Geschenke ausgeben könnten. Wie viel Geld würden die Personen jeweils für Jim und Michael ausgeben?

Es zeigte sich, dass die Teilnehmenden bereit waren, mehr Geld für Jims als für Michaels Geburtstagsgeschenk auszugeben, da sie nur gegenüber Jim, nicht aber gegenüber Michael Schuldgefühle hegten. Sie waren also bemüht, ihr Fehlverhalten gegenüber Jim durch ein größeres Geschenk wieder gut zu machen, taten dies jedoch auf Kosten von Michael.

Diese Ergebnisse machen deutlich, dass Wiedergutmachung in eine Zwickmühle führen kann. Bemühen wir uns besonders um eine Person, gegenüber der wir Schuldgefühle haben, dann vernachlässigen wir unter Umständen andere soziale Beziehungen. Dieser Konflikt wird sich in vielen Fällen nicht völlig vermeiden lassen, denn wir Menschen haben nun einmal nur begrenzte Ressourcen zur Verfügung – egal, ob es sich nun um Geld für Geschenke, um Zeit oder um Zuneigung handelt.

Dennoch kann es in solchen Situationen hilfreich sein sich bewusst zu machen, dass sich noch weitere Menschen unsere Aufmerksamkeit wünschen und auch die Beziehung zu ihnen ein gewisses Maß an Pflege benötigt. Vielleicht kann diese Er­kenntnis uns ja dabei helfen, falsches Verhalten gegenüber einer Personen wieder gut zu machen und trotzdem andere Menschen nicht zu vernachlässigen. So könnten wir unser schlechtes Gewissen tatsächlich zu etwas Gutem werden lassen.

De Hooge, I. E., Nelissen, R. M. A., Breugelmans, S. M., & Zeelenberg, M. (2011). What is moral about guilt? Acting “prosocially“ at the disadvantage of others. Journal of Personality and Social Psychology, 100(3), 462-473.

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