Der Geist, den ich schuf: Unterschiedliche Unsterblichkeit nach guten und schlechten Taten?

- Jette Völker -

Dem Geist moralisch handelnder Menschen wird eher eine befreite und überweltliche Unsterblichkeit zugeschrieben, während der Geist von unmoralisch handelnden Menschen eher als auf der Erde gefangen gilt.

In vielen Religionen und Kulturen herrscht die Annahme, dass die menschliche Seele unsterblich ist, sie also nach dem Tod der Person weiterlebt. Auffällig hierbei ist, dass insbesondere die Seele von denjenigen Personen als unsterblich angesehen wird, die zu Lebzeiten Gutes (Moralisches) oder Schlechtes (Unmoralisches) vollbracht haben. Im Christentum geht man beispielsweise davon aus, dass die „guten Menschen“ nach dem Tod in den Himmel kommen, während die „bösen Menschen“ in der Hölle schmoren.

In Abhängigkeit von der Moralität eines Menschen wird darüber hinaus auch die Art des „Weiterlebens“ der Seele nach dem Tod wahrgenommen. Die „guten Geister“ scheinen meist transzendent, also befreit und überweltlich. Die „bösen Geister“ werden demgegenüber oft als auf der Erde gefangen angesehen, beispielsweise in Spukhäusern.

Doch woher kommt diese in religiösen Schriften und allgemeiner Literatur dargestellte unterschiedliche Vorstellung der Unsterblichkeit, die von der wahrgenommenen Moralität der verstorbenen Person abhängig zu sein scheint? Und wirkt sie sich auch auf unsere tatsächliche Vorstellung von einem Leben nach dem Tod aus?

Mit diesen Fragen beschäftigte sich ein Forschungs­team um Kurt Gray. Es nahm an, dass insbesondere moralisch und unmoralisch handelnde Personen als unsterblich angesehen werden, da diese durch ihre Taten mehr herausstechen als moralisch neutral handelnde Personen und somit als mächtiger wahrgenommen und erinnert werden. Die Forschenden vermuteten außerdem, dass die Art der zugeschriebenen Untersterblichkeit von dem menschlichen Streben nach Gerechtigkeit beeinflusst wird. So sollten moralisch Handelnde nach dem Tod durch eine transzendente Unsterblichkeit als „belohnt“ und unmoralisch Handelnde durch eine auf der Erde gefangene Unsterblichkeit als „bestraft“ angesehen werden.

Um ihre Annahmen zu überprüfen, führten die Forschenden mehrere Studien durch. In einer ersten Umfrage zeigte sich, dass die Teilnehmenden bekannte Persönlichkeiten tatsächlich eher als unsterblich einordneten, wenn sie vor ihrem Tod für sehr moralische (z.B. Nelson Mandela) oder sehr unmoralische (z.B. Adolf Hitler) statt für moralisch neutrale (z.B. Andy Warhol) Handlungen bekannt geworden waren. In zwei Experimenten konnte zudem am Beispiel von prominenten wie auch fiktiven Personen dargelegt werden, dass Geister von „guten Menschen“ eher als transzendent und Geister von „schlechten Menschen“ eher als auf der Erde gefangen eingestuft wurden. In einer vierten Studie zeigte sich außerdem der umgekehrte Zusammenhang: Verstorbene, deren Seele als transzendent (vs. auf der Erde gefangen) beschrieben wurde, wurden als zu Lebzeiten bessere Menschen eingeschätzt.

Kritisch anzumerken ist allerdings, dass alle Befragten die Unsterblichkeit von Personen unterschiedlicher Moralität bzw. die Moralität von Personen unterschiedlicher Unsterblichkeit einschätzen sollten. Sie wurden also nicht zufällig der Bewertung von Personen derselben Moralität bzw. Unsterblichkeit zugeteilt. Die gefundenen Effekte könnten also hauptsächlich durch die Gegenüberstellung der Beispiele hervorgerufen worden sein, nicht durch den wahrgenommenen Zusammenhang zwischen Moralität und Unsterblichkeit an sich. Nichtsdestotrotz liefern die Ergebnisse einen ersten Hinweis, dass wir Menschen das Leben nach dem Tod in Abhängigkeit vom moralischen Verhalten zu Lebzeiten einschätzen.

Gray, K., Anderson, S., Doyle, C. M., Hester, N., Schmitt, P., Vonasch, A. J., … Jackson, J. C. (2018). To be immortal, do good or evil. Personality and Social Psychology Bulletin, 44, 868–880. doi: 10.1177/0146167217754068

Redaktion und Ansprech­partner*in: Bianca von Wurzbach

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