Der Mann fährt stets mit: Stereotyp lässt Frauen schlechter Autofahren

- Jana Schwick –

Werden Frauen an das Stereotyp erinnert, dass sie schlecht Auto fahren, dann tun sie das zumeist auch.

„Frauen sind schlechte Autofahrerinnen“ – bestimmt haben Sie schon einmal gehört, dass dies jemand behauptet hat, oder? Aktuelle Statistiken zeigen jedoch, dass Frauen tatsächlich weniger Autounfälle verursachen als Männer. Also alles nur ein dummes Vorurteil?

Ja – und nein. Die Forscherinnen Moè, Cadinu und Maass vermuteten, dass allein die Konfrontation mit dem Stereotyp „Frauen fahren schlechter Auto als Männer“ bei Frauen ein Gefühl der Bedrohung auslösen kann: Die Frauen befürchten, aufgrund des Stereotyps negativ beurteilt zu werden oder das negative Stereotyp ungewollt zu bestätigen. Dieses Phänomen bezeichnet man in der Sozialpsychologie als Bedrohung durch Stereotypen. Eine Folge dieser wahrgenommenen Bedrohung sind Stress und negative Gedanken und Gefühle. Mit diesen umzugehen, stellt eine zusätzliche Belastung für das Arbeits­gedächtnis dar. Diese doppelte Belastung führt schlussendlich dazu, dass Frauen in der Tat schlechter Auto fahren als sie es eigentlich könnten.

Die Forscherinnen überprüften ihre Annahmen in einer Studie, in der Frauen eine Fahrt mit einem Fahrsimulator absolvierten. Die Hälfte las zuvor eine Instruktion, in der stand, dass im Rahmen der Studie die Fahrleistung von Männern und Frauen verglichen werden soll. Die andere Hälfte las eine neutrale Instruktion. Wie von den Forscherinnen vermutet, schnitten die Frauen, die dachten, es ginge in der Studie um einen Geschlechtervergleich, beim Fahrsimulator deutlich schlechter ab und begingen doppelt so viele Fehler als Frauen, die diese (vermeintliche) Information nicht hatten. Interessant ist zudem, dass, unabhängig von der Art der Instruktion und ihrer tatsächlichen Fahrleistung, alle Frauen die eigene Fahrleistung als schlecht bewerteten. Dies war sowohl vor der Fahrt als auch nach der Fahrt der Fall: Die tatsächliche Fahrleistung wurde also bei der subjektiven Einschätzung nicht berücksichtigt.

Da bei dieser Studie allein durch den Kontext des Autofahrens das besagte Stereotyp auch bei Frauen aktiviert worden sein könnte, welche die neutrale Instruktion erhielten, wurde eine zweite Studie durchgeführt. In dieser Studie erhielt eine Hälfte der Teilnehmerinnen eine Instruktion, in der behauptet wurde, dass die Fahrleistung von jungen und alten Fahrerinnen verglichen werden soll. Da die Teilnehmerinnen alle junge Fahrerinnen waren, sollte diese Instruktion ein positives Stereotyp aktivieren. Tatsächlich schnitten die Frauen, die dachten, es ginge um einen Altersvergleich, besser ab als die Frauen, die in der vorigen Studie in der neutralen Bedingung gewesen waren. Die Einschätzung der eigenen Fahrleistung blieb aber durchgängig schlecht.

Frauen fahren also  schlechter als sie es eigentlich könnten. Noch schlimmer: Die Forscherinnen vermuten sogar, dass bereits das Gefühl von Männern beim Fahren beobachtet zu werden bei Frauen zu einer Aktivierung des Stereotyps führen kann. Da sich die Anwesenheit von Männern im Straßenverkehr jedoch nicht vermeiden lässt, müssen andere Möglichkeiten gefunden werden wie man dem Stereotyp entgegen wirken kann. Beispielweise könnten sich Frauen mit anderen Frauen identifizieren, die sehr gut Auto fahren, oder an Fähigkeiten oder Werte denken, die ihnen selber wichtig sind, um die Bedrohung durch das Stereotyp zu verringern.

Aber wäre es nicht auch möglich, direkt das Stereotyp selbst zu ändern? Theoretisch ja – die Forschung zeigt, dass intensive Beschäftigung und Wissen über Stereotypen zu deren Abbau beitragen kann.  Doch da Stereotype tief verankert sind, bedarf es hierzu weiterreichende Möglichkeiten, wie zum Beispiel Kampagnen in Schulen. Hierbei könnte die Thematik in einem größeren Kontext aufgegriffen und unter­sucht werden, was an verschiedenen Stereotypen dran ist bzw. wie sie überhaupt entstehen.

Wenn Sie demnach wieder eine Person hören, die behauptet, dass Frauen schlechte Autofahrerinnen sind, fragen sie die Person doch einmal, wieso sie dies glaubt. Oder erzählen sie ihr gleich von dem Phänomen der Bedrohung durch Stereotype und den weitreichenden Konsequenzen, die mit der Wahrnehmung dieser Bedrohung einhergehen können.

Moè, A., Cadinu, M., & Maass, A. (2015). Women drive better if not stereotyped. Accident     Analysis & Prevention, 85, 199–206. doi:10.1016/j.aap.2015.09.021

Smith, E. R. & Mackie, D. M. (2007). Social psychology (3rd ed.). New York: Psychology     Press.

Redaktion und Ansprech­partnerIn*: Selma Rudert*, Judith Tonner

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