Der wahrscheinlich süßeste Forschungs­gegenstand der Welt

- Esther Glück –

Dass wir Babys süß finden, liegt vermutlich in unseren Genen.

„Oh, das ist ja aber ein ganz Süßer! Sie haben wirklich einen goldigen Jungen!“ So und in unverwechselbarer Tonart hört man es aus allen Ecken schallen, wenn ein Kinderwagen in die Bahn gerollt kommt. Das ist nicht nur bei Omis verbreitet, sondern wir alle finden Babys irgendwie süß. Warum ist das eigentlich so?

Egal ob Junge oder Mädchen, im Kindesalter besitzen Menschen bestimmte Eigenschaften, die als Schlüsselreize dienen, um bei Erwachsenen Fürsorgeverhalten auszulösen. Dies ist auch im Tierreich so, zumindest bei Säugetieren und anderen Tierarten, bei denen die Eltern sich um die Aufzucht ihrer Jungen kümmern müssen. Fürsorgeverhalten ist altruistisch und trägt demnach nicht zum eigenen Überleben bei. Im Gegenteil, es bringt Eltern oft in Gefahr, zum Beispiel wenn ein Raubtier den Unterschlupf entdeckt hat und es auf die Kleinsten abgesehen hat. Todesmutig lenken dann die Eltern den Feind ab, indem sie sich etwa krank stellen um dem Raubtier zu signalisieren, dass sie leichte Beute sind, und locken den Angreifer von ihren Nachkommen weg.

Evolutions­biologisch können diese Schlüsselreize als Kommunikations­mittel betrachtet werden, das bei den Eltern bestimmte Verhaltensmuster auslöst. Das Baby kann seine Eltern schließlich nicht durch eine ausgeklügelte Argumentation überzeugen, ihm zu helfen. Dazu gibt es Studien, die darauf hindeuten, dass diese Schlüsselreize und das ausgelöste Verhalten angeboren sind. Denn sogar Babys im Alter von vier Monaten bevorzugen es, sich Bilder von anderen Babys anzuschauen und betrachten diese länger als Bilder mit Erwachsenen und Kindern.

Das Alter erfordert jedoch seinen Tribut. Die Niedlichkeit verliert man, laut Studien, zwischen dem 9. und 12. Lebensmonat. Mit dem Alter verringert sich die Symmetrie der Gesichtszüge und im höheren Alter verändert sich Haarfarbe und Verteilung der Haarpracht. Man bekommt Falten und die Nasen und Ohren, die das ganze Leben über wachsen, beginnen länger zu werden.

Die Gesamtheit kindlicher Merkmale, die dazu beitragen, dass man Babys als süß wahrnimmt, wurde erstmals in den 40er Jahren von dem berühmten Verhaltensforscher Konrad Lorenz untersucht und als sogenanntes „Kindchenschema“ bezeichnet. Zu diesen Merkmalen gehören ein großer Kopf, eine große Stirnregion und damit einhergehend eine relativ weit unten liegende Platz­ierung der Gesichtsmerkmale. Zusätzlich  zählen große, runde Augen, eine kleine Nase, ein kleines Kinn, rundliche Wangen und eine elastische, weiche Haut zu den Charakteristika. Der kindliche Kopf ist in Relation zum Körper größer als beim Erwachsenen und die Gliedmaßen sind kürzer.

Über die genauen Merkmale, die einen süß oder nicht süß erscheinen lassen, wurde häufig diskutiert und nicht alle Merkmale, die uns älter erscheinen lassen, machen uns automatisch unattraktiver. Zum Beispiel fand man heraus, dass sich die Körperproportionen, die sich durch das Wachsen ändern, nicht auf die wahrgenommene Niedlichkeit einer Person auswirken.

Im Klartext heißt das: Wir alle brauchen uns nicht für unsere plötzlichen peinlichen Gefühlsausbrüche zu schämen, wenn wir ein Baby auf offener Straße anbeten. Es ist ein natürliches Verhalten, das wir aufgrund bestimmter Merkmale eines jeden Babys zeigen und das uns höchstwahrscheinlich angeboren ist.

Alley, Thomas (1988): Social and applied aspects of perceiving faces. Hillsdale, NJ: Erlbaum.

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