Der Wunsch nach starker Führung – und seine Wurzeln

-Jonas Brammer & Christopher Voltz-

Die Wahrnehmung gesellschaft­licher Einkommens­unterschiede kann zur verstärkten Forderung nach starken Führungs­personen führen.

“Make America Great Again”, “Law and Order must be restored”, “America First” - es braucht wohl keine weiteren Worte, um zu erklären, von wem die Rede ist. Was sich viele wiederum gern erklären lassen würden ist, warum solche Slogans Anklang fanden. Wieso wurde eine so kontrovers diskutierte Figur wie Donald Trump zum Präsidenten der USA gewählt?

Ein internationales Forschungs­team um Stefanie Sprong untersuchte in Zusammenarbeit mit Kolleg*innen den Wunsch nach einer starken politischen Führungs­person, die bereit ist, auch jenseits demokratischer Wege durchzugreifen. Die Forschenden nahmen an, dass hohe Einkommens­unterschiede in einer Gesellschaft hierzu beitragen können. Bisherige Forschung belegte bereits, dass sich Einkommens­unterschiede vielfältig negativ auswirken können, wie beispielsweise auf die Kriminalität im Land und das gegenseitige Vertrauen. Entsprechend nahmen die Forschenden weiterhin an, dass Einkommens­unterschiede die erlebte „Anomie“ fördern. Hiermit ist die Wahrnehmung gemeint, dass die soziale Ordnung in der Gesellschaft zusammenbricht – insbesondere im Hinblick darauf, dass man anderen nicht vertrauen kann und dass die Regierung ineffektiv und illegitim ist. Wenn das Vertrauen ins System verloren ist, werden starke Führungs­personen attraktiv, da sie Gefühlen von Unsicherheit und Angst entgegenwirken könnten.

Um den vermuteten Einfluss von Einkommens­unterschieden und Anomie zu überprüfen, führten die Forschenden mehrere Studien durch. In einem Experiment wurde beispielsweise folgendermaßen vorgegangen: Eine Hälfte der Teilnehmenden wurde durch Beschreibungen in eine fiktive Gesellschaft versetzt, in der sie starke Unterschiede zwischen Arm und Reich sahen, während die andere Hälfte eine Gesellschaft mit wenig Ungleichheit zwischen den Einkommensgruppen präsentiert bekam. Anschließend beantworteten alle Teilnehmenden Fragen zu ihrer Wahrnehmung von Anomie (z.B., inwiefern man anderen trauen kann und die aktuelle Regierung legitim ist) und der Notwendigkeit einer starken Führungs­person, die auch bereit ist, Regeln zu brechen und demokratische Werte herauszufordern.

Wie erwartet war der Ruf nach starker Führung in der Gruppe mit großer Ungleichheit stärker. In der Tat wurde dieser Zusammenhang über die verstärkt wahrgenommene Anomie vermittelt. Auch in weiteren Studien, bei denen insgesamt über 6.000 Personen aus 28 Ländern befragt wurden, fanden die Forschenden, dass bei größeren Einkommens­unterschieden zwischen Arm und Reich die wahrgenommene Anomie sowie der Wunsch nach einer starken Führungs­person stärker ausfielen.

Ist das Rätsel damit also gelöst? Sorgen die starken Einkommens­unterschiede und daraus resultierende Ungleichheit der heutigen Zeit dafür, dass Menschen nicht mehr an die Funktion der Gesellschaft glauben und deshalb Personen wie Trump unterstützen? Laut den Befunden ja; jedoch heben die Forschenden auch hervor, dass die Dinge in der Realität etwas komplizierter sind. Beispielsweise zeichnen sich populistische Personen wie Trump auch durch andere Eigenschaften aus, die ebenfalls mit Anomie oder gesellschaft­lichen Einkommens­unterschieden zusammenhängen könnten, wie die Ablehnung von Einwanderung. Trotz der Komplexität populistischer Tendenzen und der Fülle weiterer Einflussfaktoren lässt sich eines festhalten: Stark ungleich verteiltes Einkommen in einer Gesellschaft scheint einen negativen Einfluss auf die Demokratie zu haben.

 

Sprong, S., Jetten, J., Wang, Z., Peters, K., Mols, F., Verkuyten, M., Bastian, B., Ariyanto, A., Autin, F., Ayub, N., Badea, C., Besta, T., Butera, F., Costa-Lopes, R., Cui, L., Fantini, C., Finchilescu, G., Geartner, L., Gollwitzer, M., … Wohl, M. J. A. (2019). “Our country needs a strong leader right now“: Economic inequality enhances the wish for a strong leader. Psychological Science, 30(11), 1625-1637. doi.org/10.1177/0956797619875472

Redaktion und Ansprech­partner*in¹: Janin Rössel¹, Selma Rudert

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