Emotional aufgekochte Vorurteile

- Melissa Jauch –

Wenn Mitglieder der Mehrheit in einem Land sich durch Immigration in ihrer Identität bedroht fühlen, kann dies negative Emotionen auslösen, somit Vorurteile verstärken, und die Bereitschaft erhöhen, sich Bewegungen gegen ImmigrantInnen anzuschließen.

Als Anfang 2016 ein Reisebus Geflüchtete zu einer Erstaufnahme­einrichtung in Clausnitz bringen sollte, blockierten rund 100 Demonstrierende den Bus und skandierten fremdenfeindliche Parolen. Kollektive Handlungen gegen ImmigrantInnen gibt es immer wieder in verschiedenen Formen. Wie können solche Gruppen­aktionen erklärt werden?

Ein Forschungs­team um Lee Shepherd hat sich der Frage angenommen, wann Mitglieder einer Mehrheits­gruppe bereit sind, sich an Bewegungen gegen Minderheiten zu beteiligen. Die Forschenden schreiben der Bedrohung der sozialen Identität von Mehrheits­gruppen eine entscheidende Rolle zu. Gemäß der Theorie der sozialen Identität sind Menschen daran interessiert, ein positives Bild der Gruppe, welcher sie sich zugehörig fühlen, zu erhalten. Entsprechend stellt die Wahrnehmung, dass andere Gruppen den Status oder die Privilegien der Mehrheit in Frage stellen, eine Bedrohung dar. Diese kann Nährboden für negative Emotionen sein. Aus wahrgenommener Unrechtmäßigkeit folgt laut bisheriger Forschung oftmals Wut und wenn Menschen sich ratlos angesichts einer Bedrohung fühlen, können Ängste entstehen. Laut Forschung zu Inter­gruppen­emotionen können die Interpretation einer Situation und die damit verbundenen Emotionen für die Vorhersage von Verhalten wichtiger sein als bestehende Vorurteile.

Lee Shepherd und seine KollegInnen nahmen weiter an, dass Emotionen auch die Entstehung von Vorurteilen begünstigen oder Vorurteile verstärken können. Furcht oder Wut können beispielsweise Misstrauen sowie Abneigung hervorrufen und somit Vorurteile gegen Multikulturalität und ImmigrantInnen nähren. Diese wiederum können Menschen dazu bringen, sich Bewegungen gegen Minderheiten anzuschließen.

Ihre Annahmen unter­suchte das Forschungs­team in zwei Studien in England und Italien. Alle Teilnehmenden wurden zunächst darüber informiert, wie hoch der tatsächliche Anteil an ImmigrantInnen in der Bevölkerung des jeweiligen Landes liegt. Anschließend wurden die Teilnehmenden zufällig in zwei Gruppen aufgeteilt. Einer Gruppe wurde vermittelt, dass der Anteil an ImmigrantInnen im Verlauf der nächsten 40 Jahre stabil bleiben wird. Die andere Gruppe hingegen erhielt die Information, dass der Anteil an ImmigrantInnen in 40 Jahren den Anteil der einheimischen Bevölkerung übertreffen wird. Anschließend bearbeiteten die Teilnehmenden verschiedene Fragebögen zu ihrer Reaktion auf den gelesenen Text.

In beiden Studien nahmen die Teilnehmenden mit der Information über die langfristige Zunahme von ImmigrantInnen stärker eine Bedrohung für die Werte, Kultur und Ressourcen im Land wahr. Im Vergleich zu der Gruppe mit stabilen Prognosen berichteten diese Teilnehmenden hinsichtlich der Entwicklung im Land zudem mehr Ängste und teilweise Wut. Wie erwartet gingen diese Emotionen mit einer verstärkten Zustimmung zu Vorurteilen gegenüber ImmigrantInnen einher, und diese Vorurteile wiederum hingen mit einer erhöhten Bereitschaft zusammen, sich Bewegungen gegen ImmigrantInnen anzuschließen. Hierbei ging es beispielsweise darum, eine Petition zu unter­schreiben, die gegen die Verbesserung der Lebens­bedingungen von ImmigrantInnen gerichtet war, oder um politische Aktivitäten und Proteste gegen die Unter­stützung von ImmigrantInnen.

Für das Verständnis von Vorurteilen und Bewegungen gegen Minderheiten spielen laut dieser Forschung Bedrohungs­wahrnehmungen und Emotionen eine entscheidende Rolle. Emotionen wie Furcht können beispielsweise durch eine bedrohlich wirkende Darstellung von Ereignissen in den Medien hervorgerufen werden oder durch die Wahrnehmung von Ratlosigkeit und Handlungs­un­fähigkeit in der Politik. Es ist wichtig, sich der Wirkung dieser Emotionen bewusst zu werden und diese zu hinterfragen, da sie einen Einfluss auf Einstellungen und Verhalten haben können.

Shepherd, L., Fasoli, F., Pereira, A., & Branscombe, N. R. (2018). The role of threat, emo-tions, and prejudice in promoting collective action against immigrant groups. European Journal of Social Psychology, 48, 447–459. doi:10.1002/ejsp.2346

Redaktion und Ansprech­partnerIn*: Janin Rössel*, Sebastian Butz

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