Foltern aus Tradition?

- Susanne Beier –

Folter kann als angemessener wahrgenommen werden, wenn sie als seit langem praktiziert dargestellt wird.

Die Bilder von Folter­praktiken im afghanischen Abu Ghuraib Gefängnis lösten weltweit eine Diskussion über die Verbreitung und Berechtigung von Foltermethoden aus. Waren solche Verhörtechniken einzigartig in Abu Ghuraib oder ist Folter am Ende nach wie vor ein routiniertes Mittel der Kriegsführung? Die Bevölkerung in vielen Ländern reagierte mit Entsetzen und Empörung auf den Einsatz solcher Methoden. Weit weniger negative Einschätzungen treten allerdings auf, wenn diese Methoden als traditions­basiert dargestellt werden.

Zu diesem Schluss kommt ein Forschungs­team um Christian Crandall. Die ForscherInnen prüften, ob Foltermethoden stärker befürwortet werden, wenn sie als traditions­reich und seit langer Zeit gebräuchlich beschrieben werden. Die Ausgangsbasis der Über­legungen von Crandall und KollegInnen waren psychologische Studien, die zeigen, dass Menschen lange Bewährtes häufig als gut betrachten und den Status Quo beibehalten möchten. Crandall und KollegInnen leiteten daraus die Hypothese ab, dass auch die Darstellung von bestimmten Foltermethoden als Teil des Status Quo zu einer größeren Akzeptanz der Techniken führen sollte.

Das Forschungs­team befragte eine bevölkerungs­repräsentative Stichprobe von US-Bürgern zu ihrer Einstellung zu Foltermethoden im Nahen Osten. Der Hälfte dieser Stichprobe präsentierte das Forschungs­team zuvor einen Text, der die verwendeten Methoden als neu und erstmalig eingesetzt darstellte. Die andere Hälfte las einen Text, in dem die eingesetzten Methoden als nicht neu, sondern „schon seit mehr als 40 Jahren vom US Militär eingesetzt“ beschrieben wurden. Crandall und KollegInnen fanden deutliche Unter­schiede in der Zustimmung zwischen den beiden Gruppen: die Einstellung zu Folter war positiver, wenn die Techniken zuvor als traditions­reich und zum Status Quo gehörend beschrieben wurden. Dieser Unter­schied war ähnlich groß, wie Unter­schiede in Abhängigkeit verschiedener politischer Einstellungen (demokratisch, republikanisch, parteipolitisch unabhängig).

Vor dem Hintergrund früherer psychologischer Studien zum Status Quo geht das Forschungs­team davon aus, dass die Teilnehmenden der Studie auf eine einfache Faustregel zurück griffen: „gibt’s schon lange = ist gut“. Die Arbeit liefert damit einen Hinweis darauf, dass einfache Entscheidungs­regeln demokratische Prinzipien fundamentieren, aber auch ins Wanken bringen können.

Crandall, Christian S., Eidelmann, Scott, Skitka, Linda J. & Morgan, G. Scott (2009). Status quo framing increases support for torture . Social Influence, 4, 1–10.

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