Gib mir viel, dann bin ich viel!

- Annika Otto –

Je stärker Kinder von ihren Eltern mit materiellen Gütern belohnt oder mit dem Entzug solcher Güter bestraft werden, desto ausgeprägter ist ihre materialistische Einstellung im Erwachsenenalter.

Bewundern Sie Menschen, die teure Häuser und Autos besitzen? Möchten Sie Dinge, die andere Personen beeindrucken, gerne Ihr Eigen nennen? Je stärker Sie diesen Fragen zustimmen, desto materialistischer sind Sie vermutlich eingestellt. Materialistisch gesinnte Menschen messen ihre Lebensziele wie Erfolg oder Glück hauptsächlich an materiellen, also fassbaren Gütern. Doch wodurch bestimmt sich, wie stark wir materialistisch eingestellt sind? Und welchen Einfluss hat eine materialistische Gesinnung auf unser Selbstbild, also die Art, wie wir uns selbst sehen und definieren?

Bisherige Forschung konnte zeigen, dass das Erlernen von Werten meist schon in früher Kindheit beginnt. So vermitteln Eltern ihren Kindern beispielsweise durch Belohnung und Bestrafung, welches Verhalten erwünscht beziehungs­weise unerwünscht ist (zum Beispiel „die Wahrheit sagen“ versus „lügen“). Im Lauf der Zeit verinnerlichen Kinder dann oftmals die dahinterstehenden Werte (zum Beispiel „Ehrlichkeit“). Belohnung oder Bestrafung erfolgen dabei häufig materiell: So belohnen Eltern das erwünschte Verhalten ihrer Kinder nicht selten durch ein materielles Geschenk (zum Beispiel ein Spielzeug). Fehlverhalten wird auf der anderen Seite oftmals durch den Entzug von materiellen Dingen bestraft. Folglich kommen die meisten Menschen bereits in jungen Jahren mit materialistischen Werten in Berührung.

Die Forscherinnen Marsha Richins und Lan Chaplin schlossen aus diesen Befunden, dass auch die Art, wie Belohnung und Bestrafung ausgeführt werden, die Werte von Kinder nachhaltig beeinflussen kann. So sollte die Belohnung mit materiellen Gütern oder die Bestrafung durch deren Entzug dazu führen, dass Kinder sich selbst über diese Güter definieren. Dies sollte letztlich die Bedeutung von materiellem Besitz und somit eine materialistische Einstellung bis ins Erwachsenenalter hinein stärken.
 
Um diese Annahmen zu überprüfen, führten die Forscherinnen eine Online-Studie durch. Die Befragten sollten angeben, inwiefern sie in ihrer Kindheit mit materiellen Dingen belohnt oder mit dem Entzug selbiger bestraft worden waren. Zudem legten die Teilnehmenden dar, wie sehr sie erwarteten, dass der Erwerb eines begehrten Produktes  zum Beispiel ihr Selbstbewusstsein verbessern würde. So sollte gemessen werden, wie sich der Kauf von materiellen Dingen auf die Definition des Selbst auswirkt. Darüber hinaus wurde der aktuelle Materialismus der Teilnehmenden abgefragt, also zum Beispiel wie sehr ihnen Einkaufen Freude bereite.

Die Ergebnisse bestätigten die Annahmen der Forscherinnen. Je mehr die Teilnehmenden im Elternhaus materiell belohnt oder bestraft worden waren, desto stärker erwarteten sie, dass ein materieller Kauf ihr Selbstbewusstsein verbessern würde. Zudem war ihre aktuelle materialistische Einstellung stärker ausgeprägt. Diese Ergebnisse zeigten sich unabhängig von beispielsweise dem Materialismus oder sozio-ökonomischen Status der Eltern.

Eine materialistisch geprägte Erziehung scheint also die Bedeutung von materiellen Gütern für das Selbstbild und somit auch den Materialismus im Erwachsenenalter zu fördern. Problematisch dabei ist, dass Materialismus zu unerwünschten Effekten wie  einem geringeren Wohlbefinden oder finanziellen Schwierigkeiten führen kann. Um diesen Auswirkungen entgegenzutreten, sollten Eltern den Einsatz von materiellen Gütern in der Kindererziehung also möglichst gering halten.

Richins, M. L., & Chaplin, L. N. (2015). Material parenting: How the use of goods in parenting fosters materialism in the next generation. Journal Of Consumer Research, 41(6), 1333 – 1357.

Redaktion und Ansprech­partnerIn*: Bianca von Wurzbach*, Svenja Seeger

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