„Heute tu’ ich Gutes: Ich spende meine Zeit“

- Frederike Reutter -

Beim Spenden sind Menschen eher geneigt, ihre Zeit für soziale Zwecke aufzubringen anstatt Geld zu spenden, wenn ihre moralische Identität aktiviert ist.

Viele Menschen tun etwas Gutes und spenden Geld für einen guten Zweck. Andere nutzen ihre freie Zeit, um sich in Wohl­tätigkeits­organisationen zu engagieren. Beides kann ein gutes Gefühl hinterlassen. Allerdings sind die psychologischen Kosten unserer Zeit teils um einiges höher als die unseres Geldes. Denn unser Zeitkontingent ist begrenzt, Geld aber vermehrbar. Wann und warum entscheiden sich Menschen in unserer beschleunigten Gesellschaft also dafür, „nur“ Geld zu spenden oder sich sozial zu engagieren?

Ein Forschungs­team um Americus Reed nahm an, dass Menschen aufgrund der empfundenen Kosten ihrer Zeit oftmals eher bereit sind, Geld zu spenden, anstatt Zeit für Soziales zu investieren. Dass sich trotzdem viele Menschen ehrenamtlich einsetzen und zum Beispiel ihre Freizeit für die Unterstützung von Flüchtlingen nutzen, erklären sie mit der Bedeutung dieser Handlungen für die eigenen Moralvorstellungen. Zeit für andere aufzuwenden vermag mehr noch als Geld zu spenden, die eigene moralische Identität zu bestätigen. Wenn es für Personen also zentral ist, sich beispielsweise als gerecht, hilfsbereit und moralisch handelnd anzusehen, sollten sie eher bereit sein, ihre Zeit aufzuopfern.

Diese Annahmen untersuchte das Forschungs­team in einem Experiment. Alle Teilnehmenden hatten zwei Monate zuvor bereits einen Fragebogen ausgefüllt, mit dem erfasst wurde, wie wichtig eine moralische Identität für sie ist. In der vorliegenden Studie sollte diese Selbstsicht zudem gezielt bei der Hälfte der Teilnehmenden aktiviert werden. Zu diesem Zweck schrieben diese Personen eine Selbstbeschreibung in Form einer kurzen Geschichte, welche darauf ausgelegt war, moralische Eigenschaften hervorzuheben. Bei den anderen Teilnehmenden wurde die Geschichte auf neutrale Eigenschaften gelenkt. Zudem wurde erfasst, wie kostbar alle Teilnehmenden ihre Zeit empfanden, indem sie einer Stunde einen Geldwert zuwiesen. Am Ende der Studie wurden die Teilnehmenden um eine Entscheidung gebeten. Sie konnten (a) ihre 5$ Teilnahmebelohnung für eine Wohl­tätigkeits­organisation spenden, (b) eine Aufgabe zu Gunsten der Organisation übernehmen (entsprechend einem Lohn von 5$ für ihre Zeit) oder (c) nur die 5$ nehmen, ohne zu spenden.

Nur zehn Prozent entschieden sich für die letzte Option. Wie sah das Verhalten bei den 90% der Spendenden aus? Bei jenen, die eine neutrale Selbstbeschreibung geschrieben hatten, spielte die moralische Identität eine wichtige Rolle. War diese für die Teilnehmenden weniger zentral, hing ihr Spendenverhalten von der Kostbarkeit ihrer Zeit ab – je wertvoller sie ihre Zeit empfanden, desto eher spendeten sie Geld. War den Teilnehmenden ihre moralische Identität jedoch wichtig, spendeten sie insgesamt eher ihre Zeit als Geld. Dieses Muster bestätigt die Annahmen des Forschungs­teams: Wird Zeit als kostbar empfunden, wird eher Geld gespendet, es sei denn, moralische Werte sind besonders bedeutsam für die eigene Persönlichkeit. Dieser Zustand lässt sich offenbar auch aktivieren. Denn Teilnehmende, deren moralische Identität direkt im Experiment durch die Selbstbeschreibung angesprochen wurde, zeigten keine verstärkte Präferenz für Geldspenden, auch wenn sie ihre Zeit als kostbarer empfanden.

Für Wohl­tätigkeits­organisationen, die sich um ehrenamtliche Unterstützung bemühen, scheint es nach diesen Ergebnissen sinnvoll, die psychologischen Kosten von Zeit zu bedenken. Man kann dem Tag nicht mehr Stunden geben, aber an die moralische Identität der Menschen appellieren.

Reed, A., II, Kay, A., Finnel, S., Aquino, K., & Levy, E. (2016). I don’t want the money, I just want your time: How moral identity overcomes the aversion to giving time to prosocial causes. Journal of Personality and Social Psychology, 110, 435–457. doi:10.1037/pspp0000058

Redaktion und AnsprechparterIn*: Janin Rössel*, Sabine Scholl

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