Ich diskutiere gerne, wenn ihr meine politischen Ansichten teilt!

- Anna Lenz -

Personen mit linkspolitischen Ansichten sind eher geneigt, sich öffentlich gegen rechts­populistische Positionen zu äußern, wenn sie annehmen, mit Gleichgesinnten anstelle von Andersdenkenden zu sprechen.

Wie konnte es so weit kommen? Diese Frage müssen sich viele deutsche PolitikerInnen stellen, nachdem die rechts­populistische Partei „Alternative für Deutschland“ dieses Jahr in mehrere Landtage einzog.  Auch in vielen anderen europäischen Ländern wuchs in den letzten Jahren die Unterstützung für rechts­populistische Parteien, wie der Freiheitlichen Partei Österreichs oder der Front National in Frankreich. Die wachsende Anhängerschaft wird zwar kritisch gesehen, aber im Vergleich zu Personen mit rechts­populistischen Ansichten erscheinen VertreterInnen linkspolitischer Positionen in ihrer öffentlichen Meinungs­äußerung eher zurückhaltend.

Die Forschenden Isabelle Portelinha und Guy Elcheroth nahmen daher die französischen Präsidentschafts­wahlen 2012 zum Anlass, um herauszufinden, ob die wahrgenommene Unterstützung anderer für eine rechts­populistische Partei (hier: Front National) die eigene Bereitschaft, sich öffentlich gegen sie zu äußern, beeinflusst.

Hierfür befragten die Forschenden Studierende der Sozial­wissenschaften an einer traditionell linkspolitischen Universität kurz nach den französischen Präsidentschafts­wahlen 2012. Um den Einfluss der wahrgenommenen Unterstützung für die Front National auf die Bereitschaft zur politischen Meinungs­äußerung untersuchen zu können, erhielten die Teilnehmenden im Rahmen der Befragung unterschiedliche Informationen zu einer angeblichen Umfrage unter französischen Studierenden. Einer Gruppe von Befragten wurde berichtet, dass die Mehrheit der Studierenden positiv gegenüber Marie Le Pen (Präsidentschafts­kandidatin der Front National) eingestellt sei. Einer zweiten Gruppe von Teilnehmenden wurde mitgeteilt, dass Studierende ihrer Universität hiervon eine Ausnahme bildeten und die rechts­populistische Politikerin mehrheitlich ablehnten. Eine dritte Vergleichsgruppe erhielt keine Informationen zu einer derartigen Umfrage. Um festzustellen, ob die Befragten bereit sind, ihre politische Meinung öffentlich zu äußern, hatten diese anschließend die Möglichkeit, sich für eine Diskussionsrunde am Campus zur Politik der Front National anzumelden.

Die Bereitschaft, die Politik der rechts­populistischen Partei in der Öffentlichkeit zu diskutieren, war am geringsten unter den Teilnehmenden, die glaubten, die Mehrheit ihrer KommilitonInnen unterstütze die Politik von Marie Le Pen. In der Gruppe, die keine angeblichen Umfrageergebnisse erhielt und nur das Wahlergebnis der Front National (18%) kannte, erklärten sich etwa doppelt so viele Studierende zur Diskussion bereit. Waren die Befragten hingegen überzeugt, dass ihre KommilitonInnen die Politik von Marie Le Pen ebenfalls ablehnten, wollten sogar mehr als dreimal so viele Personen an einer öffentlichen Diskussionsrunde teilnehmen.

Demnach sind Personen mit einer linkspolitischen Haltung eher motiviert, ihre Ansichten unter Gleichgesinnten zu teilen als sich mit Andersdenkenden auseinanderzusetzen. Ein Problem, das die Forschenden als Spirale des Schweigens bezeichnen: Wenn sich niemand öffentlich gegen eine „laute Minderheit“ ausspricht, entsteht fälschlicherweise der Eindruck, ihre Anhängerschaft sei größer als ihre Opposition. Es ist dieser Teufelskreis aus Schweigen und wahrgenommener Unterstützung, den die Forschenden mit­verantwortlich machen für den schnellen Aufstieg von politischen Randgruppen hin zu etablierten Parteien.

Portelinha, I., & Elcheroth, G. (2016). From marginal to mainstream: The role of perceived social norms in the rise of a far‐right movement. European Journal of Social Psychology. doi:10.1002/ejsp.2224.

Redaktion und Ansprech­partnerIn*: Jennifer Eck*, Julia Engel

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