Ich, ein Herdentier?

- Anne Landhäußer –

Wir glauben, dass es immer nur die Anderen sind, die sich von Moden und Gruppen­dynamiken beeinflussen lassen – niemals wir selbst.

Gordon Allport, einer der prominentesten Psychologen des 20. Jahrhunderts, lehrte zwischen 1933 und 1966 Sozialpsychologie in Harvard und definierte das Ziel seiner Disziplin folgendermaßen: „Zu verstehen und zu erklären, wie die Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen von Individuen durch die tatsächliche, vorgestellte oder vorausgesetzte Präsenz Anderer beeinflusst werden.“ Da wundert es nicht, dass sich die Sozialpsychologie seit jeher mit Konformität, also der Orientierung an Normen und Meinungen Anderer, und sozialen Einflüssen auseinandersetzt. Ausführlich untersuchte sie, wie sich Individuen in ihrem Denken, Fühlen und Verhalten von Gruppen beeinflussen lassen, wie hoch Menschen ihre eigene Konformität einschätzen und für wie sozial beeinflussbar sie andere Leute halten.

Emily Pronin, Sarah Molouki und Jonah Berger gingen in einer aktuellen Forschungs­arbeit nun noch einen Schritt weiter. Sie konzentrierten sich auf die unterschiedliche Bewertung der eigenen Konformität im Gegensatz zur Konformität anderer Personen. Ihre Hypothese: Wenn es darum geht, die soziale Beeinflussbarkeit einzuschätzen, fühlt sich jeder Mensch, als stünde er alleine inmitten einer Schafherde. Während wir alle von uns glauben, absolut individuell und gegenüber Gruppen­druck gänzlich immun zu sein, halten wir die Menschen in unserer Umgebung für sozial durch und durch manipulierbar. Nur denken diese Menschen das gleiche von uns!

Der Grund für diese ungleiche Beurteilung der eigenen Beeinflussbarkeit im Vergleich zu der von Anderen liegt zum Teil in der Tatsache begründet, dass wir unterschiedliche Informationen heranziehen, je nachdem, ob wir unsere eigene Konformität oder die anderer Menschen bewerten sollen. Wenn ich mir eine Digitalkamera von der Marke kaufe, die meine beste Freundin auch nutzt, dann weiß ich doch, dass ich mich von Speicherkapazität und Bildqualität leiten ließ und nicht von der Wahl meiner Freundin. Beobachte ich dagegen zwei mir unbekannte Freundinnen, die identische Kameras mit sich herumtragen, verwende ich keinen Gedanken auf die objektiven Gründe,  die für den Kauf genau dieses einen Produktes gesprochen haben könnten. Ich sehe lediglich, dass beide Mädchen die gleiche Kamera besitzen, und denke mir: Ach, die Eine hat sie sicher nur gekauft, weil die Andere genau so eine Kamera auch hat.

Während wir also unsere vermeintliche soziale Beeinflussbarkeit durch einen Blick in unsere Gedanken rational widerlegen können, bleiben wir bei der Einschätzung Anderer an der gut sichtbaren Oberfläche ihres Verhaltens kleben, ohne diese weiter zu hinterfragen. Diese Vermutung lässt sich anhand von Studien stützen, die die Forschungs­gruppe um Emily Pronin durchführte. Ihre Probanden sollten über einige Beispiele hinweg einschätzen, wie sehr sie sich im Vergleich zu den übrigen Studierenden ihrer Universität von sozialen Normen beeinflussen lassen. Diese Beispiele reichten vom Einfluss der Medien bis hin zum Einfluss von Gleichaltrigen auf den Alkoholkonsum. Nicht nur zeigte sich, dass sich die Teilnehmer für weniger durch soziale Normen beeinflussbar hielten als ihre Kommilitonen – dies traf vor allem auf solche Verhaltensweisen zu, die sich sehr leicht reflektieren und hinterfragen lassen.

Das Problem könnte also zum Teil darin bestehen, dass wir zu unseren eigenen Gedanken einen ungehinderten Zugriff haben, während wir die anderer Leute für gewöhnlich nicht lesen können. Darum tendieren wir dazu, unsere Mitmenschen zu unterschätzen und sie für treudoofe Schafe zu halten, die jedem Trend hinterherlaufen. Vielleicht aber überschätzen wir uns gelegentlich auch selbst. Denn mal ehrlich: In jedem von uns steckt doch auch ein bisschen Herdentier.

Pronin, Berger & Malouki (2007). Alone in a Crowd of Sheep: Asymmetric Perceptions of Conformity and Their Roots in an Introspection Illusion. Journal of Personality and Social Psychology, 92 (4), 585-595.

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