„Ich hatte mehr Glück als andere – und es belastet mich“

- Mathias Twardawski –

Menschen, die glücklicherweise knapp einem traumatischen Ereignis entgehen, können aufgrund von Schuldgefühlen gegenüber den Opfern trotzdem Belastungs­symptome erleben.

Täglich treffen wir hunderte kleine Entscheidungen: Nehmen wir das Rad oder die Öffentlichen zur Arbeit? Holen wir uns einen Kaffee unterwegs oder trinken wir ihn im Büro? Schreiben wir noch die eine kurze E-Mail oder machen wir pünktlich Feierabend? Manchmal kann eine dieser kleinen Entscheidungen unser Leben fundamental verändern.

Bei Kathrin war es die Entscheidung, mit einem Kollegen eine Zigarette rauchen zu gehen. Sie verließen gerade den Fahrstuhl, um in die Lobby zu gelangen, als ein vollbesetztes Flugzeug in den Südturm des World Trade Centers flog – genau dort, wo sich ihre Firmenbüros befanden. Während Ihre Kolleginnen und Kollegen den Terroranschlag am 11. September 2001 nicht überlebten, hatte Kathrin großes Glück.

Knapp einem traumatischen Ereignis zu entkommen nennt man in der englischen Fach­sprache eine „near miss experience“. Frühere psychologische Studien zeigten manchmal einen Zusammenhang dieser Erfahrungen mit positiven Gefühlen wie Erleichterung oder Dankbarkeit, teils jedoch auch einen Zusammenhang mit negativen Gefühlen wie Schuld oder Todesangst. Die beiden Forschenden Michael Poulin und Roxane Silver vermuteten, dass negative Gefühle und Belastungs­symptome nach „near miss experiences“ vor allem dann auftreten, wenn andere Menschen weniger Glück als man selbst hatten und Opfer des Ereignisses geworden sind. Weiterhin nahmen sie an, dass diese negativen Konsequenzen zumindest teilweise aufgrund von Schuldgefühlen gegenüber den Opfern auftreten.

Um ihre Annahmen zu untersuchen, befragten die beiden Forschenden fast 1500 Personen im Rahmen einer langfristig angelegten, repräsentativen Umfrage in den USA. Die Teilnehmenden sollten hierbei kurz nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center angeben, ob sie selbst oder eine ihnen nahestehende Person dem Anschlag knapp entgangen seien. Knapp 10% der Befragten gaben eine solche „near miss experience“ an, wovon die meisten nahe Angehörige betrafen, zum Beispiel: „Mein Vater hätte ein Meeting im World Trade Center gehabt, hatte sich aber verspätet“ oder „Mein Schwiegersohn hätte diesen Flug genommen, aber meine Tochter wurde krank und er hat sie ins Krankenhaus gebracht“.

Während der folgenden drei Jahre wurden die anfangs befragten Menschen mehrmals erneut kontaktiert. Personen, die selbst oder deren nahe Angehörige knapp den Anschlägen entkommen waren, berichteten tatsächlich von mehr Schuldgefühlen und Belastungs­symptomen als Personen, die keine „near miss experience“ in Bezug auf die Terroranschläge erlebt hatten. Insbesondere berichteten sie von wiederkehrenden Erinnerungen an das Ereignis. Damit wiesen diese Personen Symptome auf, die für die Diagnose einer Posttraumatischen Belastungs­störung relevant sind – einer psychischen Erkrankung, die zumeist therapiebedürftig ist.

Diese Forschung zeigt somit, dass Belastungs­symptome auch dann auftreten können, wenn man gar nicht einem traumatischen Ereignis ausgesetzt war, sondern diesem knapp entkommen ist. Es bedarf weiterer Forschung, da in dieser Studie Belastungs­symptome nur von den Teilnehmenden berichtet und nicht klinisch diagnostiziert wurden. Eine Er­kenntnis ist jedoch, dass man nach katastrophalen Ereignissen auch denjenigen Menschen Unterstützung bieten sollte, die Glück im Unglück hatten.

 

Poulin, M. J., & Silver, R. C. (2019). What might have been: Near miss experiences and adjustment to a terrorist attack. Social Psychological and Personality Science

[Advance online publication]. doi.org/10.1177/1948550619829064

Redaktion und Ansprech­partner*in¹: Maria Douneva¹, Michael Wagner

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