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Ich teile, also weiß ich?

- Vera Vogel –

Teilt eine Person einen Beitrag auf Social Media, kann sich ihr subjektives Wissen über das behandelte Thema erhöhen, auch wenn die Person den Beitrag gar nicht gelesen hat.

Haben Sie schon einmal etwas auf Social Media geteilt, ohne die Quelle selbst ganz genau gelesen zu haben? Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass dies kein seltenes Phänomen ist. Immer wieder teilen Menschen Beiträge, mit denen sie sich gar nicht oder nur oberflächlich beschäftigt haben. Dadurch entsteht nach außen hin der Eindruck, dass die teilende Person über eine gewisse Expertise zum Thema verfüge, was objektiv gar nicht der Fall sein muss. Interessant ist dabei, dass Menschen dazu neigen, Dinge, die sie öffentlich über sich mitteilen, zu verinnerlichen. Mit anderen Worten: Wenn wir öffentlich etwas über uns erzählen, dann glauben wir dieser Erzählung irgendwann selbst, auch wenn es objektiv nicht (ganz) stimmt.

Ein Forschungs­team um Adrian Ward untersuchte dieses Phänomen in sieben Studien. Die Forschenden vermuteten, dass das Teilen von Beiträgen auf Social Media bei der teilenden Person zu einem höheren subjektiven Wissen bezüglich des Inhalts der Beiträge führt. In einer Studie wurde einer Hälfte der Teilnehmenden ein Artikel zum Thema Krebsvorsorge gezeigt. Die andere Hälfte sollte einen Artikel zur Betrugsprävention lesen. Anschließend wurden allen Teilnehmenden drei Social Media Beiträge zu dem Krebsvorsorgeartikel präsentiert. Ein Teil der Personen sollte die Beiträge nur prüfen, der andere Teil sollte hingegen einen der Beiträge auf ihrer persönlichen Facebook-Seite teilen. Tatsächlich gaben Teilnehmende, die den Artikel geteilt hatten, an, sich besser mit dem Thema Krebsvorsorge auszukennen, als diejenigen, die den Artikel nicht geteilt hatten. Dies traf spannenderweise auch auf Teilnehmende zu, die den entsprechenden Artikel gar nicht gelesen hatten. Dieses Ergebnismuster steht somit im Einklang mit der Vermutung der Forschenden.

In den weiteren Studien zeigte sich, dass das Teilen von Beiträgen nur dann zu einem höheren subjektiven Wissen führte, wenn der Beitrag freiwillig, mit engen Bekannten und über den eigenen Account geteilt wurde. Dies deutet darauf hin, dass das Verinnerlichen zentraler Bestandteil dieses Befunds ist. Wird ein Beitrag beispielsweise nicht freiwillig geteilt, ist äußerer Zwang die naheliegendste Erklärung für das Teilen. Das Teilen kann dann nicht plausibel mit der eigenen Expertise in Verbindung gebracht werden, wird also weniger stark verinnerlicht und schlägt sich nicht in einem höheren subjektiven Wissen nieder.

Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass das Teilen von Beiträgen auf Social Media zu einem höheren subjektiven Wissen führen kann – unabhängig vom tatsächlichen Wissen der Person. Mehr noch: Das Teilen von Beiträgen kann sogar das eigene Verhalten beeinflussen. So neigten in einer der Studien Teilnehmende zu riskanteren Finanz­entscheidungen, wenn sie zuvor einen Artikel zum Thema Investitionen geteilt (vs. nicht geteilt) hatten.

Das Teilen von Beiträgen auf Social Media kann viele unterschiedliche Folgen haben. Die Ergebnisse des Forschungs­teams um Adrian Ward legen nahe, dass wir beim Teilen von Beiträgen auf Social Media nicht nur andere, sondern manchmal sogar uns selbst hinters Licht führen können. Wer Beiträge teilt, sollte sich auch mit deren Inhalten auseinandergesetzt haben – oder zumindest wissen, dass ungelesenes Teilen unerwartete Neben­wirkungen haben kann.
 

Ward, A. F., Zheng, J., & Broniarczyk, S. M. (2023). I share, therefore I know? Sharing online content‐even without reading it‐inflates subjective knowledge. Journal of Consumer Psychology, 33(3), 469–488. https://doi.org/10.1002/jcpy.1321

Redaktion und Ansprech­partner*in¹: Michael Barthelmäs¹, Lucia Boileau

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