Ist das rassistisch? Wie die eigene Gruppen­zugehörigkeit den Blick für Rassismus lenkt

- Larissa Legler & Leonie Oettler -

Die eigene Gruppen­zugehörigkeit beeinflusst, ob eine Situation als rassistische Diskriminierung beurteilt wird.

Der 17-jährige afroamerikanische Terrence will vor seinem Fußballtraining noch schnell einen Snack kaufen. Doch er wird vom Kassierer angehalten, der ihn verdächtigt, geklaut zu haben. Als die Polizei eintrifft, stellt sie fest: Terrence ist unschuldig. Trotzdem zieht dieser Vorfall Konsequenzen für Terrence nach sich. Sein Fußballverein, dessen Regeln keine Auseinandersetzung mit der Polizei dulden, suspendiert ihn für einige Zeit.

Wird der Vorfall im Geschäft als Fall von rassistischer Diskriminierung gesehen? Typischerweise ziehen Menschen bei der Beurteilung von Handlungen als unmoralisch oder falsch zwei Kriterien heran: Die Absicht der handelnden Person (hier der Kassierer) und den Schaden, den die betroffene Person (hier Terrence) davonträgt. Ein Forschungs­team um Stefanie Simon stellte sich nun die Frage, ob Menschen Absicht und Schaden je nach Betroffenheit der eigenen Gruppe anders gewichten und dadurch rassistische Diskriminierung unterschiedlich beurteilen. Die Forschenden vermuteten, dass Menschen Situationen primär aus der Sicht der Gruppe betrachten, der sie selbst angehören. In einem Fall, in dem eine Weiße1 Person eine Schwarze1 Person mutmaßlich diskriminiert, würden somit Weiße Personen eher die Tätersicht (hier des Kassierers) einnehmen und Schwarze Personen die des Opfers (hier Terrence). Die unterschiedlichen Perspektiven würden nach sich ziehen, dass Weiße Personen auf die Intention des Täters fokussieren während Schwarze Personen darüber hinaus den Schaden des Opfers in ihre Beurteilung einbeziehen. Die Intention sollte also für Schwarze als auch Weiße Personen eine Rolle spielen, die Konsequenzen jedoch nur für Schwarze Personen.

Um dies zu prüfen, lasen Teilnehmende eines Experiments einen fiktiven Zeitungs­artikel über den Fall von Terrence – jedoch in verschiedenen Versionen. Der Artikel variierte zum einen in der rassistischen Intention des Kassierers, sprich, ob dieser seine Verdächtigung mit Terrences afroamerikanischer Gruppen­zugehörigkeit begründete oder mit anderen (uneindeutigen) Gründen. Zum anderen variierten die Artikel in der Länge der Suspendierung – also darin, ob der Schaden für Terrence gering oder groß war. Den Erwartungen der Forschenden entsprechend schätzten im Fall einer eindeutig rassistischen Absicht des Kassierers alle Teilnehmenden den Fall eher als rassistische Diskriminierung ein. Ein klarer Unterschied zeigte sich jedoch in Bezug auf die Berücksichtigung des Schadens: Während Schwarze Teilnehmende ein stärkeres Ausmaß an Diskriminierung wahrnahmen, wenn der Schaden für Terrence groß (statt gering) war, spielte dies für Weiße Teilnehmende keine Rolle für die Bewertung des Vorfalls.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Perspektivübernahme mit Betroffenen helfen kann, in einer Situation wie der von Terrence rassistische Diskriminierung zu erkennen. Dies konnte das Forschungs­team in einem Folgeexperiment mit einer ähnlichen Situation zeigen, in dem sie die Teilnehmenden baten, die Perspektive der betroffenen Person einzunehmen. Diese Anweisung genügte, um die Einschätzungen der beiden Gruppen einander anzunähern: Nun bewerteten auch Weiße Teilnehmende die Absicht der handelnden Person kritischer und ließen den entstandenen Schaden in ihre Bewertung der Diskriminierung einfließen.

Wenn wir uns also in ähnlichen Situationen im Alltag eine Minute mehr Zeit nehmen, um uns in die Perspektiven aller Beteiligten hineinzuversetzen und nicht nur Absichten, sondern auch Konsequenzen berücksichtigen, könnte dies helfen, Diskriminierung besser zu erkennen.

 

¹Hinweis zum Sprachgebrauch: Die verwendeten Bezeichnungen basieren auf den Empfehlungen von Amnesty International für einen diskriminierungs­sensiblen Sprachgebrauch; sie bezeichnen keine biologische Eigenschaft, sondern eine politische und soziale Konstruktion. Die Empfehlungen können Sie hier nachlesen.

Simon, S., Moss, A. J., & O’Brien, L. T. (2019). Pick your perspective: Racial group membership and judgments of intent, harm, and discrimination. Group Processes & Intergroup Relations22(2), 215–232. https://doi.org/10.1177%2F1368430217735576

Redaktion und Ansprech­partner*in¹: Maria Douneva¹, Selma Rudert

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